Die vorfabrizierten Betonteile der Element AG mit Werken in Tafers FR und Veltheim sind in der ganzen Schweiz zu finden. Sei es bei der Mülimatt-Sporthalle Brugg-Windisch, dem Stade de Suisse Wankdorf Bern, dem Zelt Flughafen am Euro-Airport Basel-Mulhouse, der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz oder in unzähligen Trafostationen und Liftschächten.

Nicht zum Zug kam die Element AG hingegen bei der Produktion der Tübbinge für den Bau des neuen Bözberg-Eisenbahntunnels. Mittels 3000 Lastwagenfahrten wurden die Tübbinge stattdessen laut den SBB von Neuenburg in Südbaden über den Bözbergpass zur Baustelle nach Schinznach-Dorf gebracht.

Kürzlich hat sich eine Person bei der Redaktion der AZ Brugg gemeldet und gesagt, der Element AG gehe es nicht mehr gut. Sie sprach von Stellenabbau in Tranchen und schlechter Stimmung. Die AZ hat die Geschäftsleitung damit konfrontiert und wurde von CEO Christian Erik Peter (52) und Standortleiter Simon Lerch (41) zum Gespräch und zur Werkbesichtigung nach Veltheim eingeladen.

Herr Peter, die Element AG ist ein bedeutender Arbeitgeber im Bezirk Brugg. Wie geht es dem Unternehmen?

Christian E. Peter: Wir befinden uns mit den vorgefertigten Betonelementen in einer Nische im Baugewerbe. In den letzten Jahrzehnten geriet diese bei Architekten und Ingenieuren etwas in Vergessenheit. In der Westschweiz erleben wir derzeit aber einen grossen Boom für Beton-Fassaden. Das hat zur Folge, dass die Marktnachfrage mangels Produktionskapazität nicht mehr immer gestillt werden kann und die Elemente zunehmend im nahen Ausland bestellt werden. In der Deutschschweiz ist die Nachfrage auch da, aber wir haben hier sehr aktive Mitbewerber – vermehrt aus dem Ausland.

Stichwort neuer Bözberg-Bahntunnel: Hier ging der Auftrag für die Tübbinge im Rahmen des öffentlichen Beschaffungswesens an einen Anbieter aus Deutschland.

Peter: Ja, doch warum ist das so? Sand und Kies sind im Ausland je nach Einkauf und Qualität massiv günstiger als in der Schweiz. Auch der Quadratmeterpreis für die Werke und die Löhne sind in der Schweiz höher. Bei der Auftragsvergabe für den Bözberg-Tunnel waren wir rund 10 Prozent teurer, was damals, als ein ausländischer Mitbewerber den Zuschlag bekam, der Währungsdifferenz entsprach. Für uns wäre dieser Auftrag einer der grössten der letzten Jahre gewesen. Schon Monate vor der Vergabe führten wir kostenintensive Tests durch, um den Beweis für die von den SBB geforderte Beton-Qualität liefern zu können.

Sie leiden also darunter, dass der Preis im öffentlichen Vergabewesen so stark gewichtet wird?

Peter: Das Thema Bözberg-Eisenbahntunnel ist mittlerweile im Bundeshaus angelangt. Es ist das Paradebeispiel, das zeigt, warum das Submissionsverfahren in der Schweiz so nicht funktioniert. Die Element AG verliert jedes Jahr im zweistelligen Millionen-Bereich Aufträge ans Ausland – durch entsprechende Vergaben der öffentlichen Hand. Das ist Wertschöpfung der Schweizer Steuerzahler, die einfach ins Ausland verschwindet.

Wie sieht es in Veltheim aktuell mit der Auftragslage aus? Beim Werkrundgang haben wir viele Trafostationen gesehen.

Simon Lerch: Die Produktion von Trafostationen läuft momentan auf Hochtouren. Bei den Liftschächten haben wir ebenfalls eine grosse Nachfrage.

Peter: Wir sind für die nächsten Monate ziemlich gut ausgelastet. Unter anderem auch mit der Produktion von innovativen Bubble-Fassade-Elementen für die Armee in Frauenfeld.

Die grosse Massenproduktion wird es in der Schweiz aber kaum geben, oder?

Peter: Wenn wir nicht an die Zukunft dieser Nische glauben würden, hätten wir diese Firma vor dreieinhalb Jahren nicht gekauft, sondern sie wäre geschlossen worden. Wir sind überzeugt, dass in Zukunft effizienter gebaut werden wird.

Wie soll das gehen?

Peter: Wir investieren derzeit im Bereich BIM. Das ist die Abkürzung für «Building Information Modeling». Mit dieser Methode der modularen Bauwerksplanung werden ganzheitliche digitale Gebäudemodelle erstellt. Künftig soll vermehrt modular mit Wiederholungen gebaut werden.

Lerch: Der grosse Vorteil von BIM ist, dass man viele Informationen im digitalen Gebäudemodell hinterlegen kann, die später direkt weiter verwendet werden können. Wir sind zudem daran, eine digitale Bibliothek mit 3D-Elementen zu erstellen, um effizienter arbeiten zu können. Das bedingt, dass wir die entsprechende Infrastruktur haben, die Angestellten entsprechend geschult werden und sie damit umgehen können.

In diesem Video stellt sich die Element AG vor:

Quelle: Youtube (Element AG)

Wie viele Mitarbeiter hat die Element AG – verteilt auf die beiden Werke?

Peter: Insgesamt haben wir rund 220 Angestellte. In Veltheim sind es nicht ganz 100, die anderen arbeiten in Tafers. Diese Grössenordnung ist ähnlich wie 2015, als wir die Firma übernahmen. Dazwischen hatten wir aber zeitweise mehr Angestellte. Schwankungen in der Belegschaft sind normal, weil wir keine konstante Auslastung haben. Deshalb arbeiten wir mit Festangestellten und je nach Bedarf mit Temporären, wie das andere Unternehmen auch machen.

Stimmt es, dass Sie in Veltheim im letzten November, im Frühling und im August je etwa 6 Angestellte entlassen mussten?

Peter: Das stimmt so nicht. Richtig ist, dass wir im August 6 Kündigungen in verschiedenen Bereichen aufgrund einer Reorganisation ausgesprochen haben. Unser Ziel ist ganz klar, hier weiterbestehen zu können und effizienter zu werden.

Und im Frühling und im letzten November?

Peter: Das waren Einzelfälle, von denen wir uns trennen mussten. Das hatte aber nichts mit der laufenden Reorganisation zu tun. Wir haben zwischenzeitlich auch neues Personal eingestellt.

Haben Sie viele langjährige Angestellte?

Peter: Ja, in unserer Belegschaft ist einerseits sehr viel Know-how vorhanden, weil vieles noch Handarbeit ist, andererseits müssen wir schauen, dass wir rentabel bleiben. Es braucht Innovationen und wir müssen uns unbedingt weiterentwickeln, um vorwärtszukommen und am Markt zu bestehen. Das sind keine einfachen Aufgaben und sie bedingen, dass jeder Einzelne sein Bestes gibt und offen für Veränderungen im Arbeitsprozess ist.

Was ist an der Behauptung dran, dass Sie einen Teil der Entlassenen temporär wieder angestellt haben?

Peter: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich ein ehemaliger Angestellter in einem Temporärbüro anmeldet und später bei uns einen Einsatz leistet. Die Welt ist klein. Wir hatten in jüngster Zeit einen solchen Fall.

Wie ist die Stimmung im Werk Veltheim nach den Kündigungen?

Peter: Da muss man differenzieren. Dass Angestellte, die das Werk bald verlassen werden, nicht mehr voll motiviert sind, ist nachvollziehbar. Es ist für alle eine Belastung, wenn man sich von langjährigen Mitarbeitern trennen muss. Bei den anderen stehen wir in der Pflicht, sie gut zu informieren, wohin die Reise geht. Ich mache das quartalsweise für die ganze Belegschaft in beiden Werken. Wir brauchen in unserem Unternehmen Leute, die am gleichen Strick mitziehen, Freude an der Arbeit haben, die sie bei uns machen, und sich langfristig engagieren wollen. Am Standort in Veltheim halten wir fest.

Lerch: Ich habe selten erlebt, dass man Erfolg haben kann, wenn man nicht gut zusammenarbeitet. Wir haben einen wöchentlichen Sitzungsrhythmus, sodass offene Fragen jeweils schnellstmöglich geklärt werden können. Wir haben dieses Jahr ausserdem mehrere Leute – Männer und Frauen – neu angestellt.

Bilden Sie Lehrlinge aus?

Lerch: Ja, wir haben aktuell zwei Lernende in der dreijährigen Ausbildung zum Betonwerker.
Peter: In Tafers haben wir eine KV-Lernende und Kapazität für zwei Betonwerker-Lernende. Der Beruf des Betonwerkers hat leider ein schlechtes Image, dabei ist er wirklich anspruchsvoll und entspricht dem Maurer-Niveau.

Mit Blick in die Zukunft: Was müsste sich bei der Auftragsvergabe ändern?

Peter: Wir haben noch nie einen Auftrag bekommen, weil wir ein guter Arbeitgeber sind oder gute Beton-Elemente herstellen. Es geht immer nur um den Preis. Das will zwar niemand richtig hören, ist aber in der Privatwirtschaft und bei der öffentlichen Hand so. Teilweise werden am Markt Aufträge zu Beträgen vergeben, mit denen wir nicht mal die Selbstkosten decken könnten.

So kann keine Firma überleben.

Peter: Nein, sicher nicht. Das Schweizer Baugewerbe ist völlig durcheinander, es steht auf dem Kopf. Der Werkvertrag, wie wir ihn vom Obligationenrecht kennen, inklusive der Normen und der Regeln der Baukunde, ist aus den Fugen geraten. Oft sind die Angaben aus der Offerte bei Vertragsabschluss schon nicht mehr relevant. In der Mitte des Projekts werden andere Bedingungen gestellt und der Preis neu verhandelt. Bezahlt wird dann sowieso zu spät. Nicht selten wird am Schluss darüber verhandelt, möglichst wenig oder gar nichts mehr bezahlen zu müssen. Das hat nichts mehr mit einem Werkvertrag zu tun. So kann man mit niemandem zusammenarbeiten, dabei wäre dies auf dem Bau so essenziell.

Ein riskantes Unterfangen.

Peter: Meine Haupttätigkeit besteht momentan darin, mich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Manchmal geht es um Summen, die in keinem Verhältnis zum Bearbeitungsaufwand stehen. Doch wir haben das Geld schon ausgegeben, die Rohstoffe sowie die Löhne bezahlt. Die Kapitalintensität des Geschäfts ist in den letzten Jahren explodiert.

Und da spielt es keine Rolle, um welche Aufträge es sich handelt?

Peter: Nein, egal ob Spital oder Schule, Verwaltungsgebäude oder Tunnel, Industrie- oder andere Gebäude der Privatwirtschaft.

Was müsste sich ändern?

Peter: Beim öffentlichen Vergaberecht muss eine Lösung gefunden werden, um die Werte der einzelnen Kriterien anders zu gewichten. Diese Veränderung wird vermutlich innerhalb der nächsten 10 Jahre stattfinden. Natürlich ist der Preis ein Thema. Man muss sich aber auch überlegen, wie der Preis zustande kommt. Dieser sagt noch nichts über die Wirtschaftlichkeit aus.

Der Umsatz der Element AG sank in der Vergangenheit von 80 Millionen auf 40 Millionen Franken. Wie hoch war er letztes Jahr?

Peter: Im Jahr 2017 betrug der Umsatz um die 40 Millionen Franken. Dieses Jahr ist er vielleicht etwas tiefer, hat sich aber nicht wesentlich verändert. Als wir 80 Millionen Umsatz erzielten, hatte die Firma noch ein Werk mehr – in Avenches – und es war die Zeit, als in der Schweiz die grossen Einkaufszentren und Fussballstadien gebaut wurden.

Sie wären bestimmt froh, wenn in Aarau und Zürich bald weitere Fussball-Stadien gebaut würden, richtig?

Peter und Lerch: Wir haben schon einige Stadien gebaut und liefern natürlich gerne Beton-Elemente überallhin. Produziert und geliefert haben wir für Stadien in Genf, Lausanne, Neuenburg, Bern, Basel und St. Gallen. Im Zürcher Letzigrund, in Thun und in Luzern beispielsweise bekam eine österreichische Firma den Auftrag.

In Lausanne sind Sie aktuell am Bauen?

Peter: Ja, dieses Projekt zeigt deutlich, wie sich Verzögerungen im Terminplan auswirken. Nach dem ersten Terminplan hätten bis heute schon alle Beton-Elemente verbaut sein müssen. Effektiv sind aber erst rund 10 Prozent der Elemente versetzt. Es kam zu Bauverzögerungen und einem Eigentümerwechsel beim Investor, dann gab es Risse im Ortbeton, was für uns einen einmonatigen Montagestopp zur Folge hatte. Mit solchen Arbeitsschwankungen sind wir regelmässig konfrontiert. Dieser Auftrag betrifft nur das Werk in Tafers, weil die grössten Betonelemente um die 80 Tonnen wiegen. In Veltheim stellen wir Elemente bis maximal 50 Tonnen her.

Wie werden die Elemente transportiert?

Peter: Wir transportieren alles auf der Strasse, was bei Betonelementen über 50 Tonnen ziemlich anspruchsvoll ist. Deshalb sind wir auf ein gut funktionierendes Transportwesen angewiesen. Auch hier spüren wir die ausländische Konkurrenz. Die Tübbinge für den Bözberg-Tunnel wurden von Süddeutschland an die Schweizer Grenze gefahren, erst auf dem letzten kurzen Teilstück musste das Lastwagenunternehmen dann auch Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) bezahlen. Die Element AG hat beim Universitäts-Campus in Lugano einen Auftrag verloren, weil der Transport der Elemente von Italien her nach Lugano viel günstiger war, als unsere Offerte mit LSVA von Veltheim bis nach Lugano.

Bei all diesen Herausforderungen, Herr Peter, bereuen Sie es nicht, dass Sie vor dreieinhalb Jahren die Firma wieder als CEO übernommen haben?

Peter: Nein, überhaupt nicht. Die Aufgaben sind zwar sehr anspruchsvoll, aber ich bin auch überzeugt, dass die Firma langfristig dorthin kommt, wo sie hingehört. Es muss uns gelingen, die Manufaktur und das Räderwerk mit all den Schnittstellen gut zum Laufen zu bringen. Dabei ist der Faktor Mensch entscheidend. Das haben wir beim Kauf der Firma 2015 unterschätzt.

Lerch: Wir müssen uns unbedingt neu ausrichten für die Zukunft und brauchen die richtigen Leute, die bereit sind, mit uns die nächsten innovativen Schritte zu unternehmen. Dabei spielt die vertiefte Auseinandersetzung mit der Digitalisierung eine wichtige Rolle.