Die Trennung wollte Christian (Name geändert) nicht wahrhaben. Er soll seiner ehemaligen Freundin nachgestellt, sie belästigt haben. Wegen mehrfacher – teilweise versuchter – Nötigung musste er vor dem Bezirksgericht in Brugg erscheinen.

Der Verhandlung folgte der 24-Jährige – Bart, zusammengebundene dunkle Haare, etwas füllige Statur und blaue Kleidung – meistens mit gesenktem Blick. Wurde er direkt angesprochen, gab er freundlich, klar und ausführlich Auskunft, ab und zu allerdings nicht auf Anhieb zu den gestellten Fragen. Gerichtspräsident Sandro Rossi musste das eine oder andere Mal nachhaken.

Zwischen Herbst 2014 und Herbst 2016 suchte Christian seine Verflossene gemäss Anklageschrift immer wieder an ihrem Wohnort im Bezirk Brugg auf, stellte ihr an ihrem Arbeitsplatz nach, rief sie unzählige Male an oder schickte Textnachrichten auf das Mobiltelefon.

Die Frau fühlte sich eingeschüchtert, wagte sich kaum noch nach draussen. Sie teilte Christian zwar unmissverständlich mit, dass sie keinen Kontakt mehr wünsche, und erstattete mehrmals Anzeige. Er aber liess nicht ab von den unerwünschten Besuchen, Anrufen und Mitteilungen. In der Anklageschrift ist eine ganze Reihe von Kontaktversuchen aufgelistet.

«Ich weiss es nicht mehr», antwortete Christian mehrmals auf die Frage, ob sich alles so abgespielt habe. «Es kann so gewesen sein.» Bei einigen Vorkommnissen seien seine Erinnerungen bruchstückhaft, er sei wie im Halbschlaf gewesen und er habe Stimmen gehört.

Das Unrecht sieht er nicht ein

Ein psychiatrisches Gutachten kam im Juli 2017 zum Schluss, dass Christian an einer schweren psychischen Störung, einer paranoiden Schizophrenie, leidet. Im November 2017 wurde er in eine Klinik eingewiesen, als er sich – wie zum Zeitpunkt der Taten – in einem akut psychotischen Zustand befand mit einem laut Anklageschrift ausgeprägten Wahnsystem sowie akustischen Halluzinationen.

Mittlerweile ist Christian in ein Wohnheim einer Institution für Sozialpsychiatrie in der Zentralschweiz gezogen. Dort habe er sich willkommen gefühlt, habe sich gut einleben und Freundschaften schliessen können. Die klare Tagesstruktur tue ihm gut, er übernehme verschiedene Arbeiten im Hausdienst, was ihm Freude bereite, führte der Beschuldigte aus.

Durch die Medikamente sei er viel ruhiger geworden und habe sich verändert. Er wolle sich nun weiterentwickeln und schaue optimistisch in die Zukunft, hoffe, dereinst den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen und auf eigenen Beinen stehen zu können.

Angesprochen auf die Vorkommnisse mit seiner ehemaligen Freundin, hielt Christian fest, dass er gewisse Sachen selber nicht mehr nachvollziehen könne. Er würde heute, versicherte er, nicht mehr gleich überstürzt handeln und sich so naiv und unüberlegt in eine solche Situation bringen.

Er sei in einem Wahn gewesen vor lauter Verliebtheit, habe das Gespräch mit ihr, seiner Seelenverwandten, suchen wollen. Vielleicht, das war seine Hoffnung, könnten sie nach einer Weile wieder zusammenkommen.

Einsehen, dass er seiner Verflossenen unrecht getan hat, mochte Christian allerdings nicht. Vielmehr sei ihm selber unrecht getan worden, hielt er fest und erwähnte einen Vorfall, als er bei seiner Ex-Freundin übernachtete.

Ihr Vater habe eine «energetische Attacke» ausgeübt auf ihn, war Christian überzeugt. Als Folge dieser «Strahlung» habe er ein Pfeifen im Ohr wahrgenommen und später Zuckungen gehabt.

Er muss aber mitmachen

Das Verhalten des Beschuldigten, führte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer aus, könne in einem Wort umschrieben werden: Stalking. Sie brauchte die Begriffe uneinsichtig und unberechenbar. Für die Staatsanwaltschaft kam nur eine stationäre Massnahme infrage, um den Beschuldigten mit einer engen Begleitung behandeln zu können.

Die Verteidigerin dagegen sah den Vorwurf der Nötigung nur in einem begrenzten Zeitraum als erfüllt. Eine stationäre Massnahme würde den Beschuldigten aus seinem Umfeld herausreissen und die Resozialisierung verzögern, sagte die Verteidigerin. Eine ambulante Massnahme sei eindeutig verhältnismässig.

Auch wenn für das Gesamtgericht der Tatbestand der mehrfachen, teilweise versuchten Nötigung erfüllt war, wurde der Beschuldigte freigesprochen, da er gemäss Gutachten zum Zeitpunkt der Taten nicht schuldfähig war. Die Voraussetzung für eine stationäre Massnahme sei nicht gegeben, so das Gericht weiter. Denn das Verhalten des Beschuldigten sei – ohne es bagatellisieren zu wollen – mehr lästig als gefährlich. Mit einer ambulanten Massnahme, gab Gerichtspräsident Sandro Rossi dem Beschuldigten mit auf den Weg, sei er gut bedient. Er müsse aber mitmachen, die Medikamente einnehmen. Sonst drohe eine fürsorgerische Unterbringung. Und ebenfalls tue er gut daran, betonte der Gerichtspräsident, keinen Kontakt mehr mit seiner ehemaligen Freundin aufzunehmen.

Die Verfahrenskosten gehen zulasten der Staatskasse. Beim Beschuldigten und seiner Begleitung war, als sie den Gerichtssaal verliessen, die Erleichterung anzumerken über das Urteil.