Brugg
Max Gessler haucht dem Brugger Filmschatz neues Leben ein

1956 drehte der Brugger Fotograf Armin Gessler den Film «Brugg – Euses Städtli». 2006 schuf Sohn Max eine Neufassung. Beide Filme sind nun zu sehen: der eine im Januar, der andere im Juni beim Stadtfest.

Elisabeth feller
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1956: Gewitter über der Stadt Brugg, aufgenommen von Armin Gessler.

1956: Gewitter über der Stadt Brugg, aufgenommen von Armin Gessler.

Armin Gessler

Ich mache Kaffee, Sie sehen sich den Film an»: Max Gessler, gross wie ein Baum, verschwindet in einem Raum seines weitläufigen Fotoateliers an der Brugger Bahnhofstrasse. Und die Besucherin befolgt, was ihr der bekannte Fotograf geraten hat: Sie blickt auf den Bildschirm, liest zunächst den Titel «Brugg – Euses Städtli» und traut ihren Ohren nicht, als sie das Brugger Lied hört – in ungewohnt rockigem Gewand. Diese und noch andere Musik ist einem Film unterlegt, der im Grunde aus zwei Filmen besteht – einem, den Vater Armin Gessler 1956 und einem, den Sohn Max 2006 gedreht hat.

Auf dem Bildschirm sind links die Aufnahmen des Vaters; rechts jene des Sohnes zu sehen. Der Clou: Der Sohn zeigt genau dieselben Orte des früheren Films. Bisweilen könnten die Aufnahmen austauschbar sein, bisweilen halten sie – wie zum Beispiel im Falle des Neumarktplatzes – einschneidende Veränderungen in der Stadt Brugg fest. Max Gessler kommt zurück, setzt die Kaffeetassen ab und beginnt zu erzählen ...

Geschichte wie im Märchen

Wie im Märchen beginnt auch diese Geschichte: Es war einmal ein Fotograf namens Armin Gessler. Er war seinem Beruf leidenschaftlich zugetan und eröffnete 1946 ein Geschäft, das schon bald überregionale Bekanntheit erlangte. Immer wieder, so der Sohn, habe der Vater scherzhaft gesagt: «Max, ich werde das Geschäft genau 30 Jahre lang führen.» Darauf habe er dem Vater stets so geantwortet: «Und ich werde es genau 30 Jahre und einen Tag führen.» So kam es. Doch der Reihe nach. Im Hause Gessler stand alles im Banne einer damals noch nicht digitalisierten Fotografie. Sohn Max, das jüngste von vier Kindern, erinnert sich: «Das Jugendfest war nicht nur für die Stadt Brugg, sondern auch für meinen Vater ein zentrales Ereignis, das er fotografisch in all seinen faszinierenden Facetten festhielt.»

Vor dem Geschäft hätten sich jeweils Schlangen von Neugierigen gebildet, um die vielen Fotos in den Schaufenstern zu bewundern und zu kaufen. Der Vater, Innovationen gegenüber von jeher aufgeschlossen, filmte auch. 1956 entstand «Brugg – Euses Städtli», ein 16-mm-Farbfilm: «Kodachrome hiess das, was im Kino als Technicolor bekannt ist», sagt Max Gessler. Schon damals, so der Sohn, habe seine Mutter zum Vater gesagt: «Armin, du musst den Film unbedingt vertonen.» Wie denn ohne Tonprojektor? Ein solcher war zu teuer. Der Vater leistete sich mit der Zeit aber doch einen; Mutter Erika, laut Max Gessler, «eine Poetin», schrieb den Text zum Film, den der Lehrer Hans Müller in der damaligen patriotisch-pathetischen Art der Nachkriegszeit besprach. Von da an wurde Armin Gesslers Film bei unzähligen Anlässen gezeigt – später auch in der Frauenschule in Umiken, wo er schliesslich verblieb und in Vergessenheit geriet.

Dann klingelte 1976 – im Jahr als Max Gessler das Geschäft übernommen hatte – das Telefon: «Herr Gessler, wir haben einen Plastiksack gefunden mit einem Gnusch.» Dieses entpuppte sich als vorerst unentwirrbar erscheinender, da längst von der Spule gerutschter Film. Die Tonspur war gelöscht worden, konnte später jedoch wieder durch einen Zürcher Spezialisten hergestellt werden.

Was tun? Max Gessler lächelt. «Ich brauchte zehn Jahre, um den Film wieder, auch anhand des noch als Script vorhandenen Textes meiner Mutter, zusammenzufügen.» Dieser war freilich nicht mehr 35, sondern – da im Lauf der Jahre gekürzt – nur noch 25 Minuten lang. Das Original liegt mittlerweile im Brugger Stadtarchiv; Max Gessler hat längst eine Digitalisierung hergestellt.

Neuversion des alten Films

2006, exakt 30 Jahre und einen Tag nachdem er von seinem Vater das Geschäft übernommen hatte, reifte in Max Gessler die Idee, eine Neuversion zu wagen: «Ich kannte ja den alten Film aus dem Effeff.» Auch der Neue wurde besprochen: Diesmal von Tochter Karin Gessler und Gerichtspräsident Hansruedi Rohr «und zwar bewusst mit dem heute altmodisch anmutenden Originaltext von 1956». Dass die Neuversion mit Panorama-Aufnahmen aufwartet, erfüllt Max Gessler – den in vielen Genres Bewanderten, in 80 Ländern beruflich Tätigen – mit grosser Freude: Schliesslich hat er viel Zeit und Geld in die Entwicklung dieser einmaligen Kamera gesteckt. Die Neuversion wurde dem Publikum 2006 an der Gewerbeausstellung in Brugg «in einem Notkino» präsentiert – und erwies sich als Renner.

Zu einem solchen könnte er auch beim Brugger Stadtfest 2013 werden. Dann, wenn Bruggerinnen und Brugger sich wohl gerne einen Film ansehen würden, der ein Gemeinschaftswerk von Vater und Sohn Gessler ist. «Brugg – Euses Städtli» lebt aber bereits am 27. Januar auf: Dann wird er – ohne Tonspur – im Kino Odeon gezeigt. Stumm? Nein. Die Stadtmusik Brugg unterlegt ihm live eine süffige Musik.

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