Birr
Markus Büttikofer erinnert sich an denkwürdige Debatten und Auftritte

Markus Büttikofer ist direkt und offen, unkompliziert und bodenständig. Nach 12 Jahren tritt er als Gemeindeammann in Birr zurück.

Michael Hunziker
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Gemeindeammann Markus Büttikofer freut sich darauf, wieder mehr Zeit zu haben für seine Partnerin, für sein Geschäft sowie für seine Hobbys.

Gemeindeammann Markus Büttikofer freut sich darauf, wieder mehr Zeit zu haben für seine Partnerin, für sein Geschäft sowie für seine Hobbys.

Michael Hunziker

In seiner Amtszeit hat er erfreuliche Momente, aber auch rauen Gegenwind erlebt. Doch selbst heftige Kritik schien er – in bewundernswerter Weise – nie persönlich zu nehmen. «Ich war ja nie ein Einzelkämpfer. Undankbare und schwierige Situationen haben wir gemeinsam gemeistert im Gemeinderat, wir waren stets ein gutes Team», stellt er fest beim Gespräch im Sitzungszimmer im Gemeindehaus an diesem grauen Dezembermorgen.

Angesprochen auf die jüngsten Abbaupläne von General Electric (GE) hebt er hervor, dass hier der Einfluss des Gemeinderats begrenzt sei. Der Konzern werde gesteuert aus dem Ausland. «Es sind Führungspersonen am Ruder, die wir nicht kennen, die für uns nicht greifbar sind. Da sind uns die Hände gebunden.» Jeder Arbeitsplatz, der verloren gehe, sei zwar ein Verlust, sagt er. Aber Birr breche deswegen nicht zusammen. Denn verhältnismässig wenige Angestellte wohnen im Dorf selber. «Zum Glück für uns.»

In den Gemeinderat gewählt wurde Büttikofer 1998. Er sei mit seinen 38 Jahren der Jüngste gewesen. «Eigentlich ist es schön, dass ich jetzt, 20 Jahre später, noch das Alter und die Energie habe, etwas Neues anzupacken.» Ein politisches Amt habe er vorher nicht innegehabt. Seine Kollegen aus der Feuerwehr hätten ihn vorgeschlagen. «Ich wusste nicht genau, was mich erwartet», blickt er zurück. Vieles sei ganz nach dem Motto «Learning by doing» passiert. «Die Zeit ging schnell vorbei. Als Junger wurde ich für alles delegiert, ging überall hin.»

Es kam eine turbulente Zeit

Nach seiner Wiederwahl 2002 kümmerte sich Büttikofer – «als meine wichtigste Aufgabe» – um das Thema «Sicherheit auf den Gemeindestrassen». «Das war noch, bevor überall von der Einführung von Tempo 30 die Rede war.» Forciert wurde das Vorhaben, weil sich zuvor ein tragischer, tödlicher Unfall ereignet hatte mit einem Schüler. «Wir überlegten uns, mit welchen verkraftbaren Massnahmen wir eine Verbesserung erreichen: bei Fussgängerstreifen, Kreuzungen oder Velowegen.»

Nach Wechseln im Gemeinderat bekleidete Büttikofer ab 2006 das Amt als Vizeammann – an der Seite der neu gewählten Frau Gemeindeammann Marianna Mattenberger. «Es kam eine turbulente Zeit auf uns zu», erinnert er sich. Die ABB als Besitzerin des grossen Industrieareals meldete Bedarf an ihrem Grundstück an. «Es mussten neue Lösungen her für die Fussballplätze und die Schrebergärten.» Zusammen mit der Planung der Umfahrungsstrasse NK 395 wurden Alternativen gesucht – und gefunden. «Die meisten sind wohl zufrieden, wie es jetzt ist.»

Apropos Umfahrungsstrasse mit dem Bau von zwei neuen Kreiseln: Dieses Projekt hat Büttikofer über mehrere Jahre begleitet. «Wir konnten das Dorf dadurch etwas vom Verkehr entlasten.» Als positive Nebenerscheinung habe das öV-Angebot mit zusätzlichen Haltestellen ausgebaut werden können. «Heute fahren Gelenkbusse, die Linie ist sehr gut frequentiert.»

Die Charta warf hohe Wellen

Es kam der Moment, als das finanziell nicht auf Rosen gebettete Birrhard beim grösseren Birr anklopfte und die Diskussionen über eine Fusion begannen. Arbeitsgruppen wurden gebildet. Nicht vergessen hat Büttikofer das Podium, an dem er als Gemeindeammann teilnahm und an dem die sogenannte «Gesindel-Debatte» entbrannte. Es waren Vorbehalte, die geäussert wurden im Zusammenhang mit den grossen Überbauungen in Birr und den Bewohnern aus verschiedenen Kulturen. «Das schenkte schon ein», sagt er.

«Im gleichen Zeitraum bearbeiteten wir die Charta von Birr. In dieser hielten wir fest, wie wir uns das Zusammenleben vorstellen und was es für einen friedlichen Umgang braucht. Das hat enorme Wellen geworfen.» Politiker «von Rang und Namen» sowie die Medien interessierten sich für Birr, Gemeindeammann Büttikofer hatte sogar einen Auftritt in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens. «Ich nahm Platz auf dem heissen Stuhl im Leutschenbach», sagt er mit einem Schmunzeln. Die Situation habe sich schliesslich wieder beruhigt. «Es kam recht positiv heraus. Ich staune manchmal, wenn ich noch heute darauf angesprochen werde.» Er betont: «Wir hatten bei uns nie mehr Umtriebe als diejenigen Gemeinden mit einem tieferen Ausländeranteil.»

Birr stimmte – «das war für mich sehr erfreulich» – der Fusionsabsicht zu, Birrhard allerdings lehnte sie ab. Die Argumente waren nach Büttikofers Einschätzung oft fadenscheinig oder teilweise schlicht falsch. Mittlerweile, mit einer gewissen Distanz, kann er problemlos leben mit dem Entscheid. Die Gemeinde Birr sei gut aufgestellt. «Ob es mit einer Fusion besser herausgekommen wäre, ist fraglich.»

2020 soll es ein Dorffest geben

Die regionale Zusammenarbeit blieb ein Thema. Vieles sei zwar im Sand verlaufen, gerade beim öV und beim Langsamverkehr hätten aber gewisse Projekte gemeinsam aufgegleist werden können. Erfolgreich umgesetzt wurde ebenfalls der Zusammenschluss der Feuerwehren, «eines der heikelsten Kinder bei einer Fusion», wie Büttikofer als langjähriger Feuerwehrmann weiss. Die heutige Feuerwehr Eigenamt sei super organisiert und leiste eine tolle Arbeit.

In seiner zweiten Amtszeit als Gemeindeammann sei es zu einigen Reibereien gekommen mit Lupfig, fährt er fort. Birr kündigte den Schulvertrag, um neu verhandeln zu können. Die Nachbargemeinde ihrerseits wollte den Vertrag über die gemeinsame Bauverwaltung kündigen. «Soweit kam es nicht, weil wir rechtzeitig das Gespräch gesucht haben.» Inzwischen sei das Verhältnis entspannter, vieles werde zusammen angepackt – wie aktuell die Planung des Werkhofs Eigenamt. 2020 werde zudem das 750-Jahr-Jubiläum gefeiert der beiden Gemeinden. Die Idee sei es, miteinander ein Dorffest zu organisieren – wie es schon vor 50 Jahren der Fall gewesen sei.

Ein goldenes Händchen gehabt habe der Gemeinderat mit der Wahl von Gemeindeschreiber Alexander Klauz, der von der Gemeinde Sins kam, sagt Büttikofer. «Diese ist bezüglich Standort und Entwicklung vergleichbar mit Birr.» Klauz führe die Verwaltung umsichtig, könne seine Mitarbeitenden motivieren und pflege einen engen Kontakt zum Gemeinderat. Kurz: «Er ist ein Glücksfall.»

Veruntreuungsfall war Tiefpunkt

Was es bedeutet, wenn es auf der Verwaltung nicht nach Wunsch läuft, hat Büttikofer ebenfalls erfahren. Der Veruntreuungsfall auf der Abteilung Finanzen, der im November 2014 ans Licht kam, sei ein echter Tiefpunkt gewesen. «Das war heftig.» Die Gemeinde habe in der Folge ein internes Kontrollsystem eingeführt. Ein weiterer, persönlicher Tiefpunkt erlebte Büttikofer, als er bei den letzten Wahlen im September 2013 das absolute Mehr als Gemeindeammann knapp verpasste und in den zweiten Wahlgang musste. Bei Abstimmungen und Wahlen wird immer wieder mit harten Bandagen gekämpft in Birr. «Man muss nicht immer gleicher Meinung, man darf kritische Fragen stellen und eine gewisse Erwartungshaltung haben», stellt Büttikofer fest. «Aber man muss fair miteinander umgehen, eine gewisse Vertrauensbasis muss vorhanden sein.»

Der scheidende Gemeindeammann freut sich nun darauf, wieder mehr Zeit zu haben für seine Partnerin, für sein Geschäft sowie für seine Hobbys. Er hält Hunde, fährt Motorrad und besitzt einen Youngtimer, einen BMW, den er auf Vordermann bringen will. Auch ist er Mitglied im Schützenverein.

Er hat Interesse am Grossen Rat

Politisch möchte er ebenfalls aktiv bleiben. Ein Amt im Grossen Rat könnte er sich durchaus vorstellen – bei den letzten Wahlen belegte er für die FDP den zweiten Ersatzplatz. «Vielleicht kommt da einmal Bewegung hinein.»

Den neuen Gemeinderat ermuntert er dazu, offen zu bleiben, den Blick auch nach links und rechts werfen. Vielleicht liege die Zukunft in einer grösseren, fusionierten Gemeinde, vielleicht unter dem Namen Birrfeld, sagt er. Als Herausforderungen, die auf Birr zukommen, bezeichnet er die Verkehrssituation, die Entwicklung der freien Baulandflächen oder die Finanzen. «Birr hat nicht das Problem, dass es zu viel Geld ausgibt, sondern zu wenig einnimmt. Daran müssen wir arbeiten.» Weiter gelte es, fügt er an, gute Lösungen zu finden für das Haus Eigenamt. Für das Altersheim geschaffen werden müssten neue Strukturen, beispielsweise mit einer Aktiengesellschaft.

Büttikofer wird weiterhin bei verschiedenen Gelegenheiten im Dorf anzutreffen sein, auch an den Gemeindeversammlungen will er teilnehmen. «Ich habe mich gerne und mit Herzblut für die Gemeinde eingesetzt. Verstecken will ich mich nicht.»

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