Birr
«Man muss sich noch immer täglich beweisen»: Eine Frau mitten in einer Männerdomäne

Sabine Rinderknecht, 43, ist die neue Betriebsleiterin Landwirtschaft im Berufsbildungsheim Neuhof in Birr.

Pascal Bruhin
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Sie ist angekommen: Sabine Rinderknecht wird umringt von einer Herde Galtschweine auf dem Gelände des Neuhofs in Birr.

Sie ist angekommen: Sabine Rinderknecht wird umringt von einer Herde Galtschweine auf dem Gelände des Neuhofs in Birr.

Sandra Ardizzone

«Ich lerne jeden Tag dazu», sagt Sabine Rinderknecht. Seit Anfang Mai ist die 43-Jährige Betriebsleiterin der Landwirtschaft am Berufsbildungsheim Neuhof in Birr. Eine Frau in der Landwirtschaft? Auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. «Als Frau muss man sich immer noch beweisen», sagt Rinderknecht.

Aufgewachsen ist die Bauerntochter in Hedingen bei Affoltern am Albis als ältestes von vier Geschwistern. Dass Rinderknecht einmal Landwirtin werden würde, war für sie lange nicht klar. Erst kurz vor Ausbildungsbeginn entschloss sie sich für die Bauernlehre. An der landwirtschaftlichen Schule in Muri war sie die einzige Frau. Noch heute wohnt sie mit ihrem Partner in Muri.

«Ich bin ein Reisefüdle», sagt sie von sich. Bereits während der Lehre zog es sie in die Westschweiz, um ihre Französischkenntnisse aufzubessern. Nach der Lehre folgten längere Aufenthalte in Australien und den USA.

Danach startete sie am Strickhof, der landwirtschaftlichen Schule des Kantons Zürich, ihre berufliche Laufbahn, wo sie zuletzt stellvertretende Gesamtbetriebsleiterin und Berufsbildnerin war. Direkt vor ihrer Tätigkeit im Neuhof arbeitete Rinderknecht zwei Jahre lang in einem Viehhandelsunternehmen und war dort für den Einkauf zuständig.

Als Frau ist es schwierig, einen eigenen Hof zu finden

Gerne hätte Rinderknecht einen eigenen Hof. Über 100 Bewerbungen für die Pacht eines Hofes hat sie bereits geschrieben, jedoch erfolglos «Als Frau ist es fast unmöglich, einen Betrieb zu finden», sagt sie. Obwohl sie die älteste der vier Geschwister ist, sei von Anfang an klar gewesen, dass der Bruder den elterlichen Hof übernimmt.

Der Neuhof biete ihr jedoch grosse Freiheiten. So darf sie in Eigenregie entscheiden, was wo gepflanzt wird. «Es kommt einem eigenen Hof schon sehr nahe», sagt sie.

Das Berufsbildungsheim Neuhof bietet Platz für 40 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, die sich in einer zivil- oder jugendstrafrechtlichen Massnahme oder in einer beruflichen Massnahme der IV befinden. Viele der Klienten sind im Umgang nicht immer einfach. «Sie suchen die Grenzen, die sie oftmals von zu Hause nicht mitbekommen haben», sagt Rinderknecht.

Insofern nimmt die kinderlose Rinderknecht fast eine Mutterrolle für die jungen Männer ein. Die Provokationen der Jugendlichen nimmt sie mit Humor. Sorgen bereitet ihr eher, wie sie reagieren würde, wenn einer ihrer Schützlinge wieder vom rechten Weg abkommt. «Ich weiss noch nicht, wie ich das verarbeiten würde», sagt sie.

Sabine Rinderknecht freut sich, dass mittlerweile mehr Frauen die Lehre zur Landwirtin wagen, obwohl viele nicht im Beruf verbleiben. Es sei ein anstrengender Beruf, der aber sehr viel Abwechslung biete. «Es bleibt jeden Tag spannend.»