Windisch
Lindenpark-Pflegerin: «Da war mir schon etwas ‹gschmuech›»

Nach 20 Jahren Dienst wurde die Lindenpark-Pflegedienstleiterin Claire Aeberhard am Mittwoch originell verabschiedet – mit einer Kutsche.

elisabeth feller
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Claire Aeberhard besteigt die auf Hochglanz polierte Postkutsche. EF.

Claire Aeberhard besteigt die auf Hochglanz polierte Postkutsche. EF.

Was für ein Anblick! Eine gelbe, mit bunten Luftballons verzierte Kutsche steht auf dem Hof der katholischen Kirche in Windisch. Drei weisse und zwei braune Pferde warten wohlerzogen. Nur ein Schimmel hebt ein Bein in die Höhe, als ob er diskret fragen wollte: Wann geht es denn los? Der Blick der Besucherin streift das Amphitheater im Hintergrund, verweilt auf dem Kuchenbuffet und einem Transparent mit dem Wort «Danke». Wem gilt es?

Die Runde, die sich auf dem Platz vergnügt, ist klein und mutet nicht nach Hochzeitsgesellschaft an. Also: Für wen ist das Danke und wer fährt in der Kutsche? Urs Keller, Heimleiter und Geschäftsführer im Lindenpark der Sanavita AG, geht auf die Hauptperson zu: Claire Aeberhard.

«20 Jahre sind keine Kleinigkeit»

Die langjährige Pflegedienstleiterin wird nach 20 Jahren pensioniert «und das», betont Keller, «ist etwas, was es zu würdigen gilt». Deswegen schlüpfte Keller vor einiger Zeit in die Rolle eines Regisseurs und entwarf eine mehraktige Inszenierung. Diese beginnt mit einem Prolog, den Claire Aeberhard so schildert: «Mir wurde bloss gesagt, dass ich mich am Mittwoch um 11 Uhr im Lindenpark einfinden sollte.» Als die Pflegedienstleiterin gestern den grossen Saal betrat, ahnte sie aber, dass der Tag kein normaler sein würde: «Alle Bewohner waren da und es gab Blumen.» Ja, sagt sie und lächelt, etwas «gschmuech» sei ihr geworden – 20 Jahre seien ja auch keine Kleinigkeit.

Erst mit 40 hat sie zu ihrem heutigen Beruf gefunden; im Rahmen ihrer Ausbildung hat sie damals ein Praktikum im Lindenpark absolviert und ist dort «hängen geblieben». Claire Aeberhard will die 20 Jahre weder bereden noch zerreden; sie sind ihr zu kostbar, also sagt sie nur dies: «Ich habe sehr gerne gearbeitet. Das Wichtigste waren mir stets die Bewohnerinnen und Bewohner. Das schönste Kompliment war für mich immer, wenn mir jemand sagte: ‹Ich bin hier zu Hause.›»

Aeberhard veränderte Zustände

Claire Aeberhards Motto «Im Mittelpunkt steht der pflegebedürftige Mensch» hat einiges in Bewegung gesetzt. Dank der ebenso beherzten wie zurückhaltenden Frau wurden Zustände verändert, die einst üblich, heute jedoch unvorstellbar sind. So wurden etwa die beiden 4-Bett-Zimmer der Pflegeabteilung im 6. Stock des Altbaus neu eingerichtet: Jeder Bewohner durfte wenigstens seine eigene persönliche Ecke gestalten – mit der Spitalatmosphäre wurde aufgeräumt.

Claire Aeberhard hat aber auch jene legendären «fliegenden Katzen» angeschafft, die im 6. Stock auf der Pflegeabteilung gelebt haben. Der Begriff stammt übrigens von einem Ausflug der beiden aus dem Fenster ins Freie – ein Flug über sechs Etagen.

Kutsche gleicht der Gotthardpost

Richtig verabschieden musste sich Claire Aeberhard gestern noch nicht; «offiziell den letzten Tag habe ich erst am 21. März», sagt sie. Doch Urs Keller muss geahnt haben, dass der Mittwoch ein Ausnahmetag sein würde, weshalb er die Kutschenfahrt angesetzt hat.

Diese wird Claire Aeberhard von Windisch über Hausen nach Königsfelden und zurück nach Windisch führen. Für die Tour steht Prachtvolles bereit: Werner Eichelberger vom Kutschenbetrieb Mägenwil hat eigens eine von fünf Pferden gezogene «Postkutsche mit Original-Gotthardpost-Anspannung» gewählt, die 12 Personen Platz bietet. Und wer fährt noch mit Claire Aeberhard? Ehemalige Berufskolleginnen. Sie begleiten Claire Aeberhard mit ansteckender Lebensfreude in einen neuen Lebensabschnitt.