Sie hat die Öffentlichkeit nie gesucht. Dennoch steht sie jetzt im Fokus der Kameras und Journalisten. Für die Windischerin Ligia Vogt (54) war in den letzten Wochen alles etwas anders als gewohnt. Vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) wurde sie als Heldin des Alltags nominiert, angemeldet hat sie sich nicht selber. Von über 300 eingegangenen Bewerbungen ist sie nun schweizweit unter den letzten drei. Am 2. Februar ist die Preisverleihung. Es sind ihre «cinco minutos de gloria», wie sie sagt. Oder wie wir sagen: 15 Minuten Ruhm.

Das alles ist für Ligia Vogt ungewohnt. Und nicht ganz ungefährlich. Denn sie setzt sich dort ein, wo andere gerne wegschauen. Sie betreut Opfer von häuslicher Gewalt, engagiert sich für die Integration von Migrantinnen in der Schweiz. Sie hat zu tun mit Sans-Papiers, mit Sexarbeiterinnen, mit verprügelten Frauen und hilflosen Menschen. Ligia Vogt nennt das «die Welt unter dem Teppich». Und eben weil sie sich für die Frauen einsetzt, kommt es hin und wieder vor, dass ihr gedroht wird. Unbehagen bereitet ihr die Öffentlichkeit, in der sie nun steht. Sie befürchtet, dass sie jetzt noch eher von Menschen aufgefunden werden kann, die ihr aufgrund ihrer Arbeit Böses wollen.

Ligia Vogt im SRF-Porträt

Toleranz am Familientisch

Die 54-Jährige kam vor 24 Jahren aus Venezuela in die Schweiz. Der Liebe wegen. Mit ihrem Schweizer Mann gründete sie eine Familie. Bereits in Venezuela engagierte sich Ligia Vogt politisch. Hier in der Schweiz ist sie der SP beigetreten, mittlerweile ist sie im Windischer Einwohnerrat tätig. Ihr Mann hingegen ist in der SVP. «Das führt oft zu Diskussionen am Tisch. Aber wir alle, vor allem auch die Kinder, haben so gelernt, Toleranz zu üben», sagt Ligia Vogt und lacht. «Wir können uns lieben, auch wenn unsere Sprache, unsere Kultur und unsere politische Einstellung anders sind.»

Ihre eigenen Erfahrungen mit der Integration haben dazu geführt, dass Ligia Vogt 2005 am Holztisch in der kleinen Küche den gemeinnützigen Verein «Nosotras Aargau» gründete. Dies unter dem Motto «Sin comunicación no hay integración». Also: Ohne Kommunikation gibt es keine Integration.

Schier unglaubliche Geschichten

Ursprünglich wollte Ligia Vogt Migrantinnen aus dem iberoamerikanischen Raum – also aus allen Ländern des amerikanischen Kontinents, die früher Kolonien von Spanien oder Portugal waren – helfen, sich besser zu integrieren. Mit Sprach- und Kulturkursen, mit Informationen zum System in der Schweiz. «Information ist wie ein Muskel. Information macht die Frauen stärker», sagt die Windischerin. Die Frauen sollten ihre Rechte und Pflichten in der Schweiz kennenlernen. Bald aber war Ligia Vogt mit Opfern häuslicher Gewalt konfrontiert. Die Frauen suchten bei ihr Hilfe, weil sie sie kannten und sie ihre Sprache spricht.

Es war der Anfang einer Arbeit, die Ligia Vogt bis heute vollständig einnimmt. Aber sie macht weiter, kämpft für die Opfer. «Ich möchte gerne wieder einmal ein ganzes Wochenende geniessen, mich zurücklehnen. Aber die Fälle beschäftigen mich zu sehr.» Sie erzählt schier unglaubliche Geschichten. Geschichten von Schweizer Männern, die ihren ausländischen Frauen den Pass wegnehmen, sobald sie in der Schweiz sind. Von Männern, die ihren Frauen verbieten, Deutsch zu lernen, damit diese keine Chance auf eine gewisse Selbstständigkeit haben. Von Männern, die ihren Frauen vielleicht erlauben, mal wegzugehen, die die Kinder aber zu Hause lassen müssen; die Kinder als Druckmittel.

«Fall Hausen» darf nicht passieren

Ligia Vogt erzählt von Männern, die ihre Frauen verprügeln und psychischen Druck aufsetzen. Sie erzählt von Männern aus anderen Kulturkreisen, die alkoholisiert oder unter Drogen völlig die Hemmungen verlieren. Und sie erzählt von Frauen, die sich das Leben nehmen, weil der Druck zu viel wird. «Für mich war die Schweiz ein Paradies. Nie hätte ich gedacht, dass solche Gewalt hier möglich ist», sagt Ligia Vogt nachdenklich. Die Machokultur kannte sie aus Lateinamerika. Dass es diese auch in der Schweiz gibt, hat sie überrascht.

Mordfälle wie jener Anfang Jahr in Hausen machen Ligia Vogt unglaublich betroffen. «Es ist wahnsinnig frustrierend», sagt sie. «So etwas darf einfach nicht mehr passieren.» Sie kritisiert, dass Anzeigen zurückgezogen werden können und dann nichts mehr geschieht. «Eine Anzeige wegen eines Gewaltdelikts muss eine Anzeige bleiben, auch wenn die Frau diese vielleicht zurückzieht.» Denn die Frauen, die Anzeige erstatten, stünden unter einem wahnsinnig hohen Druck. Manchmal werden sie von der Familie dazu gedrängt, die Anzeige rückgängig zu machen. Manchmal reden Familienmitglieder der Frau ein derart schlechtes Gewissen ein, dass sich diese genötigt sieht, die Anzeige zurückzuziehen. «Meistens wird es dann für die Frauen noch viel schlimmer zu Hause», sagt Ligia Vogt. Ein Problem sei auch, dass die meisten Frauen ihre Rechte und Pflichten gar nicht kennen. Und was erschwerend dazu kommt: Bei einigen Amtsstellen würden die Frauen nicht ernst genommen. Beispielsweise dann, wenn sie erst Tage nach dem Übergriff Anzeige erstatten. «Oft werden sie dann gefragt, warum sie erst jetzt kommen», sagt Ligia Vogt. «Dabei braucht es so viel Mut, sich zu melden.»

Ligia Vogt hat viel zu sagen. Das meiste aber darf nicht an die Öffentlichkeit. Was ihr enorm wichtig ist: «Ich möchte nicht die Männer pauschal verurteilen. Denn es gibt auch Männer, die Opfer von Gewalt seitens ihrer Frauen werden.» Darum seien Frauen- wie auch Männerhäuser enorm wichtig. Und sie sagt auch: «Fast jeder Mensch ist heilbar, selbst die Täter. Selbst Eifersucht ist heilbar.»

Fokus auf die Prävention

Noch wichtiger ist für Ligia Vogt allerdings die Prävention. Sie wünscht sich beispielsweise, dass häusliche Gewalt und Gewalt im Allgemeinen schon an der Schule thematisiert wird. «Die Kinder lernen so viel Theorie, dabei wäre gesellschaftliche Aufklärung genauso wichtig.» Um noch mehr präventiv zu wirken, entwickelt Ligia Vogt zurzeit mit einer Zürcher Politikerin ein Notfall-Kit. In diesem enthalten sind Hinweise in allen möglichen Sprachen, welche Rechte man in der Schweiz hat, wenn man Opfer von Gewalt wird oder nicht weiss, wie man sich verhalten soll, wenn man sich scheiden lassen will.

All diese Arbeit macht Ligia Vogt freiwillig. Einen Lohn kann sie sich nicht auszahlen. Mittlerweile hat «Nosotras Aargau» Standorte in Baden und Aarau, hauptsächlich für Deutsch-Konversations-Kurse, Elternbildungskurse für Migranten oder Integrations-Workshops. Und der Verein wird auch vom Kantonalen Integrationsprogramm (KIP) sowie von den Städten Baden und Aarau finanziell unterstützt, wofür Ligia Vogt enorm dankbar ist. Allerdings reicht das Geld nirgends hin. Die Konsultationen sind gratis. Die Kursleiterinnen sind die Einzigen, die etwas für ihre Arbeit erhalten. «Dabei möchte ich so gerne den Anwälten, Sozialarbeitern und anderen Profis mal einen Lohn zahlen», sagt Ligia Vogt. «Es geht dabei nicht darum, ein möglichst hohes Gehalt zu bezahlen, sondern um die Symbolik dahinter.» Rund 30 Fachpersonen unterstützen «Nosotras Aargau» mit ihrem Wissen.

Es wäre nicht Ligia Vogt, wenn sie nicht irgendwie eine Lösung finden würde, obwohl ihr Mann manchmal zu ihr sagt, dass sie sich noch kaputt macht. «Diese Arbeit hat mich zur Kämpferin gemacht», sagt Ligia Vogt. «Irgendwie geht es immer weiter.»