«Wo sind die Schultern?», ruft Brigitte Sommer dem «Chlöpfer»-Neuling zu, der schon froh ist, dass sich das Hanfseil nicht um seinen Kopf schlingt und er keine Blessuren im Gesicht davonträgt. «Das Wichtigste ist die Körperhaltung, dazu kommen Technik und Kraft», erklärt die Fachfrau aus Hendschiken, die mit Ruedi Zobrist und Marcel Frei nach Veltheim gekommen ist, um die dortigen Freunde des alten Brauchs zu instruieren. Eingeladen hat sie Hansruedi Byland, Präsident des Vereins «Välte läbt».

Dieser veranstaltet das ursprünglich aus dem Seetal stammende «Chlauschlöpfe» schon seit einigen Jahren im Dorf. Doch einfach so übernommen, übergestülpt, weil er es für eine gute Sache hielt, hat es Byland nicht. Das Ritual war auch in Veltheim früher etabliert. Byland, Veltheimer Ortsbürger und dort aufgewachsen, hat es als Kind und Jugendlicher noch selbst im Dorf erlebt. «Doch irgendwann ist es eingeschlafen. Vor elf Jahren, als unser Verein entstand, haben wir es, motiviert durch Pascal Richner, wiederbelebt», berichtet er. Und freut sich, dass am Wochenende die Veltheimer so rege von der Möglichkeit, es zu praktizieren, Gebrauch machen.

Schön laut: Chlauschlöpfe auf dem Schulhausplatz.

Schön laut: Chistoph Jaberg zeigt wie es geht.

Lernen vom Regionalmeister

Gregor und Adrian Brun, Vater und Sohn, gehören dazu. Sie müssen die Geisseln nicht von den Hendschikern leihen, sie haben ihre eigenen mitgebracht. «Das sind noch echte Lüthi-Geisseln», erzählt der Vater und ist mächtig stolz drauf. Ernst Lüthi, 2017 mit 94 gestorben, war der «Geisselvater» aus Lenzburg, der seinen Geisseln eine ganz besondere Prägung verlieh. Denen von Gregor und Adrian Brun hat er Griffe aus Tannenholz verpasst. Ruedi Zobrist empfiehlt den beiden, das Holz mit Salatöl einzureiben. Und er verrät ihnen noch etwas: «Früher wurden die Stecken ein halbes Jahr lang in Güllewasser gelegt, das hat sie imprägniert.» Auch Zozan und Ayaz Darwich, zwölf und sechs Jahre alt, seit 2014 in Veltheim und aus Syrien stammend, sind auf dem Schulhausplatz eifrig am Knallen. Und finden das alte Schweizer Brauchtum «mega-cool».

Und es gibt noch eine Überraschung für die Hendschiker «Chlauschlöpfer» wie für den Verein «Välte läbt»: Mit Christoph Jaberg lebt seit rund 20 Jahren ein Mann in Veltheim, der mehrfacher Regionalmeister im «Chlauschlöpfe» ist. Und weil er sein Wissen und sein Können gerne weitergibt, steht er heute mit auf dem Schulhausplatz und trainiert die Anfänger. Wenn er oder die drei Hendschiker chlöpfen, knallt es richtig laut. Wie aus einem Guss sind ihre Bewegungen und das Seil schwingt gleichmässig-horizontal über ihren Köpfen. So elegant also kann «Chlauschlöpfe» sein – Motivation für viele Veltheimer, bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter zu üben. Hansruedi Byland stimmt das optimistisch: «Nächstes Jahr stehen wir sicher wieder hier.»