Person am Montag
Leiterin Legionärspfad: Schokolade würde sie in der Römerzeit vermissen

Rahel Göldi leitet den Legionärspfad Vindonissa und freut sich auf das Leben nach der Winterpause: «Es ist aufregend, Gegenstände aus längst vergangenen Zeiten in den Händen zu halten.»

Michael Hunziker
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Im römischen Speisezimmer: Rahel Göldi kann zu jedem Gebäude eine Geschichte erzählen.

Im römischen Speisezimmer: Rahel Göldi kann zu jedem Gebäude eine Geschichte erzählen.

Sandra Ardizzone

Ein Museum mit verstaubten Vitrinen, trockenen Beschreibungen und humorlosen Menschen? Soll es geben – nicht aber in Windisch. Ab morgen können sich die Besucher im Römer-Erlebnispark wieder auf 2000-jährige Spuren machen: Auf dem Legionärspfad Vindonissa beginnt die Saison. Rahel Göldi, die Leiterin, strahlt beim Gedanken an die kommenden sieben Monate: «Es ist schön, dass es losgeht, wieder Leben einkehrt und quirlige Kinder herumrennen, dass es wieder in halb Windisch nach frisch gebackenem Brot aus dem Lehmofen duftet.» Auch freue sie sich auf die gegen 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nach der Winterpause zurückgekehrt seien.

Viele von ihnen werden als Legionäre in Erscheinung treten. «Wir sind eine eingeschworene Truppe und sehr motiviert.» Ein erster Höhepunkt steht am nächsten Wochenende auf dem Programm, mit dem Anlass «Römerblut und Klosterkraut – Medizinische Zeitreise von der Antike ins Mittelalter».

Auskunft zu allen Themen

Die 33-jährige Rahel Göldi leitet den Legionärspfad bereits in der dritten Saison. Ihre Aufgabe habe nichts von ihrem Reiz verloren. «Die Tätigkeit ist abwechslungsreich und ich kann kreativ sein», stellt sie fest. «Kein Tag ist wie der andere, Routine kommt nicht auf.» In ihrer Funktion habe sie zu tun mit verschiedenen Besuchern und ihren Bedürfnissen: Familien, Schulklassen oder Vertreter von Vereinen, Firmen und Behörden.

Sie schätze den Kontakt, lerne gerne Neues kennen. Eine Aussage, die man der unkomplizierten und aufgestellten Leiterin gerne abnimmt. Sie kann zu jedem Thema Auskunft geben, zu jedem Gegenstand und jedem Gebäude eine Geschichte erzählen. «Wir sind hier ein relativ kleines Team, deshalb habe ich Einblick in eigentlich alle Bereiche.»

Ganze Heerscharen strömen nach Windisch – 35 000 Besucher waren es im letzten Jahr. «Mit den Zahlen und der Entwicklung sind wir sehr zufrieden», bestätigt Rahel Göldi. «Der Legionärspfad ist zum Begriff geworden.» Die erfreulichen Zahlen seien gleichzeitig auch Verpflichtung und Ansporn. «Wir müssen uns dauernd überlegen, was noch interessieren und ankommen könnte.»

Link Legionärspfad Vindonissa

Als das Nonplusultra für sie persönlich bezeichnet sie die Contubernien, die Unterkünfte, in denen Übernachtungen angeboten werden. «Das ist das echte römische Leben. Die Stimmung ist einzigartig. Auf dieses Angebot sind wir stolz, etwas Vergleichbares ist mir nicht bekannt.»

Büroarbeit im Winter

Auch wenn der Legionärspfad im Winter geschlossen war und gegen aussen verlassen wirkte: Untätig war Rahel Göldi nicht. In ihrem Büro ganz in der Nähe der markanten Klosterkirche Königsfelden kümmerte sie sich zusammen mit zwei Arbeitskollegen um die Nachbearbeitung der letzten Saison. Sprich: Nach dem Inventar wurden wo nötig Reparatur- oder Renovationsarbeiten in Auftrag gegeben, Statistiken gefüttert und Umfragen ausgewertet, Jahresabschluss sowie Jahresbericht erstellt, Mitarbeitergespräche geführt und Weiterbildungen absolviert. Auch das Jahr 2014 wollte geplant sein, mit Budget, Arbeitsplänen, Veranstaltungskalendern, Werbung, Homepage oder Sponsorensuche.

Der Entscheid, sich kurz nach der Eröffnung im Jahr 2009 für die Stelle auf dem Legionärspfad zu bewerben, sei spontan gefallen, blickt Rahel Göldi zurück. Bereut hat sie diesen Schritt nicht. Es habe sie gereizt, anstatt in der Forschung in der Geschichtsvermittlung tätig zu sein. Aufgewachsen ist Rahel Göldi im St. Galler Rheintal. An der Universität Zürich befasste sie sich im Hauptfach mit klassischer Archäologie, also mit Griechen und Römern, im Nebenfach mit prähistorischer Archäologie, Alter Geschichte sowie Informatik.

Diese Studienrichtung sei nicht etwa ein Kindertraum gewesen, sagt sie. An der Kantonsschule, die sie in Sargans absolvierte, habe sie am liebsten die naturwissenschaftlichen Fächer gehabt. Damals habe sie sich vorstellen können, Veterinärmedizin zu studieren. Sie sei aber auch fasziniert gewesen von der lateinischen Sprache, von den Büchern mit den ganzen Illustrationen. «Das hat wahrscheinlich den Ausschlag gegeben.»

Ihre Lizenziatsarbeit handelte von Grabungen in Pompeji. Sie selber sei an Grabungen in der Schweiz, in Deutschland und in Italien beteiligt gewesen. Eine Tätigkeit, die ihr sehr zusagte. «Es ist aufregend, Gegenstände aus längst vergangenen Zeiten in den Händen zu halten.» Nach dem Studium arbeitete sie bei der Kantonsarchäologie in Zürich. Auf den Legionärspfad kam sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin, war also zunächst zuständig für Recherchen und neue Angebote. 2011 übernahm sie die Leitung. Mittlerweile hat sie auch ihren Wohnsitz nach Windisch verlegt.

Rationale Person

Gewisse Entscheide in ihrem Leben seien zwar recht spontan gefallen. Trotzdem: Sie verlasse sich nicht unbedingt nur auf ihr Bauchgefühl, sondern sei durchaus auch eine rationale Person, sagt Rahel Göldi. Eine Herausforderung könne es sein, bei ihren unregelmässigen Arbeitszeiten und den verschiedenen Verpflichtungen auf dem Legionärspfad für einen Ausgleich zu sorgen und Freiräume zu schaffen. Sie halte sich gerne in der Natur auf und möge Tiere, sagt sie auf die Frage nach ihren Hobbys. «Nichts Spektakuläres.»

Den Kopf durchlüften und Energie tanken kann sie auf ihren Reisen, die sie ins Mittelmeergebiet, aber auch nach Asien oder in den Nahen Osten führen. «Am liebsten habe ich Orte wie Rom oder Marseille, wo an einer Ecke plötzlich ein Tempel oder ein Monument steht, wo die Gegenwart auf die Antike trifft», sagt sie und lacht: «Also dort, wo ich mich in der Zeit zurückversetzt fühle – wie hier auf dem Legionärspfad.» Könnte sie sich ein Leben in der Römerzeit vorstellen? «Nein, auf Dauer nicht», kommt ohne zu zögern die Antwort. «Ich würde die Schokolade vermissen.»

Sowieso: «Eine Frau hatte in der Römerzeit nicht allzu viel zu melden, hatte bei politischen Entscheidungen kein Mitspracherecht. Einmal über das Forum Romanum – den Mittelpunkt des Lebens in Rom – zu schreiten, das wäre aber sicher ein Erlebnis. Doch grundsätzlich lebe ich sehr gerne im Heute und Jetzt.»

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