Ab 11.45 Uhr verwandelt sich der Verpflegungstrakt auf dem Waffenplatz Brugg in ein Bienenhaus. Aus allen Richtungen schwirren Rekruten, Soldaten und Berufsmilitär ins Gebäude und stehen für das Mittagessen an der Fassstrasse an.

In der Küche 1 steht Marina Beccarelli und richtet zusammen mit ihren Kollegen panierte Schnitzel, Bratkartoffeln und Blumenkohl nach polnischer Art – mit Paniermehl, Ei und Petersilie – auf den Tellern an. Es geht Schlag auf Schlag, der Umgangston ist locker. Die Rückmeldungen sind direkt. Rund 500 Portionen werden in gut einer Stunde von etwa 400 hungrigen Männern gegessen.

Marina ist im Element. Sie ist gerne unter Leuten, lacht viel und ist schlagfertig. Die 17-Jährige aus Stetten absolviert beim Militär die Lehre zur Köchin. Als es um die Berufswahl ging, schwankte sie zwischen Automechanikerin und Köchin. Für den Entscheid liess sie sich Zeit. Ein Kollege erzählte ihr von der Kochlehre in der Kaserne Aarau. Marina wurde neugierig und bewarb sich auf die freie Lehrstelle in Brugg.

Beim Schnuppern – zusammen mit zwei Mitbewerberinnen – gefiel ihr das Team mit den jungen Männern auf Anhieb. Doch damit nicht genug: Sie durfte auch einen Fisch filetieren und musste einen Aufsatz schreiben. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits für zwei Lehrstellen die Zusage hatte, entschied sie sich für den Waffenplatz Brugg. Dies auch zur Freude ihres militärbegeisterten Vaters und Grossvaters.

Drei Küchenchefs pro Jahr

Seit bald zwei Jahren arbeitet Marina nun in der Küche 1, die für das Kader kocht. Dreimal im Jahr erhält sie einen neuen Küchenchef – und immer wieder neue Rekruten als Küchenhilfe. Abgesehen von einer Hausabwartin sei sie die einzige Frau, sagt sie und lacht herzlich. Doch im Sommer bekommt Marina Verstärkung in der Küche. Die neue Lernende ist ebenfalls weiblich.

Marinas Kolleginnen waren zu Beginn ziemlich baff, als sie erfuhren, dass sie mit so vielen Männern zu tun haben wird. Dabei schaue sie die Männer gar nicht so genau an, sagt die 17-Jährige. «Ich bin zum Arbeiten hier – nicht zum Flirten.» Für einige Männer ist die Bundesangestellte wie eine kleine Schwester und für andere eine Kollegin, bei der man bei privaten Beziehungsproblemen auch mal das Herz ausschütten kann. «Obwohl sie mich gar nicht kennen, vertrauen mir einige Männer recht viel an», stellt sie erstaunt fest.

Manchmal trifft Marina auf dem Kasernenareal auch unerwartet auf Bekannte aus ihrem privaten Umfeld, die in Brugg Dienst leisten. Grundsätzlich ist ihr Alltag klar geregelt: Gearbeitet wird von 8 bis 17 Uhr mit einer halbstündigen Pause fürs Mittagessen. Im ersten Lehrjahr war sie vor allem fürs Salatbuffet und die Suppe zuständig. Am liebsten hat sie es, wenn sie ein Produkt von Anfang an bearbeiten kann. Das Auseinandernehmen und Verarbeiten eines Hirsches – zu Ragout – gehört zu den bisherigen Höhepunkten ihrer Ausbildung. Hier hat Marina von den Fachkenntnissen eines Metzgers im Team profitiert.

Zur Lehre gehören auch einwöchige Einblicke in eine Gärtnerei, Bäckerei, Käserei und Metzgerei sowie die jährliche Ausbildungswoche in der Kaserne in Thun. Dort kommen im Rahmen eines überbetrieblichen Kurses Kochlernende aus der ganzen Schweiz zusammen, um in einer kleinen Lehrlingsküche das Handwerk zu üben. Diese Woche steht Marina in der Metzgerei Wernli in Remigen im Einsatz und hilft bei der Verarbeitung, beim Wursten und im Verkauf mit.

Hat die Rekruten im Griff

Wo immer die junge Frau auftaucht, sorgt sie für fröhliche Stimmung. «Mit einem Lachen geht doch vieles besser», sagt sie. Der gute Zusammenhalt ist für sie zentral. «Frauen bringen Ruhe ins Team», ergänzt Lehrmeister Urs Peter Luzi. Die angehende Köchin relativiert: Wenn es sein muss, könne sie schon auch hässig werden. Wie gut sie die jungen Männer im Griff hat, zeigt sich beim Fotoshooting: Als sie die Tomaten schneidet, stehen plötzlich etwa sechs Rekruten im Kücheneingang und grinsen ihr zu. «Jungs, raus!», lautet ihr Befehl mit der entsprechenden Handbewegung und die Männer machen rechtsumkehrt und verschwinden hinter die Glastüre.

Ihrem Lehrmeister sowie ihrem Ausbildner, mit dem sie ein Büro teilt, windet Marina Beccarelli ein Kränzchen. Wenn es irgendwo Probleme gibt, habe sie immer die ganze Küche hinter sich, erzählt sie stolz. Sie wird den Waffenplatz Brugg in gut einem Jahr verlassen. «Danach will ich Berufserfahrung sammeln. Am liebsten an einer Saisonstelle, wo richtig viel los ist», fährt sie fort. Möglicherweise nützen ihr dann bei der Stellensuche auch die vielen Kontakte, die sie in der Militärküche knüpfen konnte.

Später möchte sie den Schritt ins Ausland wagen, um ihre Englisch- und Italienisch-Kenntnisse zu verbessern und die lokalen Spezialitäten kennen zu lernen. Als Fernziel schwebt ihr vor, in einigen Jahren zusammen mit ihrer besten Kollegin, die ebenfalls Köchin lernt, ein Restaurant mit schöner Aussichtsterrasse zu führen. So ganz nach dem Motto: «Fürs Essen muss man sich Zeit nehmen. Ansonsten ist es doch schade, wenn sich die Köchinnen so Mühe geben.»