Brugg

Lebensmittel-Literatur: Ohne sie funktioniert das Leben nicht

Viel Publikum bei den 30. Literaturtagen, die gestern im Salzhaus zu Ende gingen. Im Zentrum stand am Sonntags-Matinee: Kann man Schreiben lernen? Die Antwort: Ja, aber....

«Ist literarisches Schreiben lernbar?» Diese Frage steht im Zentrum der Sonntags-Matinee zum Abschluss der 30. Brugger Literaturtage. 

Am vergangenen Freitag und Samstag haben zehn Autorinnen und Autoren im Salzhaus, Odeon und Rathaussaal vor dicht besetzten Reihen aus ihren Werken gelesen. Manche Zuhörer haben sich dabei gefragt: Muss man ein Genie sein, um schreiben zu können?

«Ein gewisses Talent braucht es», sagt Werner Bänziger, Vorsitzender der Literaturkommission, eingangs der Matinée und erzählt kurz vom Workshop, den Marion Poschmann mit seinen Wettinger Kantischülerinnen und -schülern durchgeführt hat.

Sie sind überall im Salzhaus platziert. Sogleich kommts knüppeldick: Die Schüler lesen erste Romansätze, die sie als schlecht empfinden; danach gute und schliesslich kleine Geschichten, die sie selbst verfasst haben und die alle mit dem berühmten Satz beginnen: «Es war einmal.»

Sie begannen früh mit Schreiben

Für die Miniperformance gibt es starken Applaus, dann lässt Werner Bänziger die Autoren erzählen. Wann begannen sie mit dem Schreiben?

«Früh», sagen die meisten. Mirko Bonné mit neun. Als er 15 ist, lernt er einen Kollegen kennen, der ebenfalls schreibt: «Wir beide waren ein literarisches Bollwerk gegen die Welt.»

«Ich wollte Schriftsteller werden, bevor ich wusste, was das eigentlich ist», merkt Alain Claude Sulzer an und bekennt: «Der Weg war dann extrem lang.»

Thomas Meyer hat sich Lesen und Schreiben sehr früh beigebracht und dabei gemerkt: «Ich kann damit ja etwas erreichen.»

In Katja Petrowskajas Familie war «Literatur tägliches Brot». Literatur sei das Einzige gewesen, das in Sowjetzeiten gezählt habe, sagt die in Kiew geborene Autorin, die mit einer Prise sympathischer Schüchternheit anmerkt: «Ich habe doch erst ein Buch geschrieben; da fühle ich mich noch gar nicht als Autorin.»

«Jetzt können Sie petzen»

Auch für die Bündnerin Leta Semadeni ist Literatur selbstverständlich. Ihr Vater war Schriftsteller, sie selbst konnte indessen «erst nach 60 mit Schreiben beginnen, denn ich habe stets unterrichtet. Dabei fehlte mir ein Raum, wie ihn Dorothee Elmiger soeben beschrieben hat». Semadeni spielt auf ihre junge Kollegin an, die 2006 am neu eröffneten Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert hat. «Für mich war es damals wichtig, einen Raum zu finden, um dort auch Fragen stellen zu können», sagt Elmiger.

Literatur-Dozent Francesco Micieli betont: «Wir sind keine Schule, die einen Meister hat, dem alle nachfolgen. Wichtig ist für uns das Zusammentreffen verschiedener Menschen, die schreiben.»

Das Wort «Lebensmittel-Literatur» hört das Publikum vom ETH-Forscher und Lyriker Thilo Krause, der die Zuhörer ironisch auffordert: «Jetzt können Sie bei der ETH petzen. Ich kann ohne Wissenschaft leben, aber nicht ohne Literatur.» Applaus. Doch auch damit ist die Frage nicht beantwortet: «Ist literarisches Schreiben lernbar?» Ja, aber es braucht mehr. Was, lässt die Runde bewusst offen. Für Christoph Poschenrieder jedenfalls «ist Schreiben ein Höllenspass». 

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