Brugg

Laura, die Bardame mit der endlosen Energie

Laura Spycher (64) in ihrem Pub in Brugg. Ob Barfrau, Paella-Köchin oder Sängerin: Ihr Akku scheint nie auszugehen.

Laura Spycher (64) in ihrem Pub in Brugg. Ob Barfrau, Paella-Köchin oder Sängerin: Ihr Akku scheint nie auszugehen.

Das «Laura’s Pub» in Brugg gilt als beliebte, verrauchte Knelle mit Kultstatus. Doch: Wer ist eigentlich diese Laura hinter dem Tresen?

Traumversunken spielt der deutsche Liedermacher Milian Otto im «Laura’s Pub» seine besinnlichen Stücke. Mitten im Lokal steht er mit seiner Akustikgitarre, um ihn herum lauschen die Gäste seinen nachdenklichen wie auch witzigen Songtexten, ziehen hie und da an ihren Zigaretten, nippen an ihren Weingläsern, nehmen einen Schluck Bier.

Es ist das zweite Mal, dass er im «Laura’s Pub» auftritt. Seit Jahren bereichert die Konzertreihe «Kleinlaut im Pub» das kleine Lokal an vereinzelten Donnerstagabenden mit Livemusik. Milian Otto singt: «Heute stossen wir an auf uns, auf das Leben», und fügt sogleich hinzu: «Und auf Laura.»

Hinter dem Tresen steht sie: Laura Spycher, 64, Mutter von drei Töchtern, 47 Jahre Gastroerfahrung und eine Stimme, die so stark, rau und vom Leben gezeichnet ist, dass sie bei einigen Gänsehaut verursacht. Über die Ehrung freut sie sich, auch wenn sie sich verlegen gibt. «Eigentlich bin ich scheu», sagt sie. Fürs Foto vor die Kamera zu stehen, ist ihr sichtlich unangenehm. Und sie zittere heute noch jedes Mal, wenn sie selber vor Publikum singt.

Dabei hat sie eher spät damit begonnen: Als Laura Lamora Rodríguez als Zehnjährige mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem spanischen Galicien in die Schweiz zieht, ist sie noch ein verspieltes Mädchen, das einfach sehr gerne singt und dabei sehr hohe Töne zu erreichen vermag.

In La Chaux-de-Fonds besucht sie die Schule und lernt ihre damalige beste Freundin kennen. Deren Mutter ist Pianistin und wird rasch auf das natürliche Singtalent der kleinen Laura aufmerksam. «Sie wollte, dass ich im Konservatorium Gesang studieren gehe», erzählt Laura. Doch ihre Eltern stellen sich dagegen. Die Sitten sind anders damals, nach der Schule ist arbeiten angesagt.

Und genau dies tut Laura seitdem unaufhörlich: Nach der obligatorischen Schule arbeitet sie zuerst als Au Pair und kommt so in die Region, nach Oberrohrdorf. Ihr Bruder heiratet später in Baden. Laura ihrerseits verliebt sich in einen Italiener und beginnt 1972 im früheren Restaurant Da Franco an der Badstrasse ihre Karriere in der Gastronomie.

Zehn Jahre bleibt sie dort, später arbeitet sie in etlichen weiteren Badener Gaststätten wie «Bodega», «Paradies», «Zum wilden Mann» oder die «Bento-Bar», das Vorgängerlokal des heutigen «Go In». Als Anfang der 80er-Jahre die Möglichkeit aufkommt, die ehemalige «Trattoria» am Theaterplatz zu übernehmen, macht sie das Wirtepatent. Während der Ausbildung lernt sie ihren späteren Ehemann kennen.

In den 80ern nach Australien

Wie ein Wirbelwind fegt die leidenschaftliche Liebe durch Lauras Leben und läutet die nächste Etappe ein: Das Paar wagt einen ersten Auswanderungsversuch nach Australien, wo sie 1984 heiraten. Laura nimmt den Nachnamen Spycher an und findet sich bald in einer gewohnten Umgebung wieder: Im Restaurant «Froogies and Woogies», geführt von einem spanischen Auswanderer.

Sie beginnt dort zu arbeiten, serviert hie und da auch Froschschenkel. Der Name des Lokals hatte mit Fröschen – Englisch «frogs» – doch etwas zu tun. Laura legt all ihre Sprachkenntnisse zusammen und improvisiert mit den Gästen ihr bestes Englisch.

Die Gastroarbeit an sich sei nicht so sehr anders gewesen wie in der Schweiz, sagt sie. Die Menschen hingegen schon. So seien die Australier viel lockerer drauf, dafür aber unzuverlässiger. Dies bekommt auch ihr Mann zu spüren: Sein Geschäft leidet darunter und läuft nicht gut genug.

Deshalb und vor lauter Heimweh ziehen sie nach etwas über einem Jahr zurück in die Schweiz, wagen aber später wieder einen Auswanderungsversuch. Ihre erste Tochter kommt in Australien zur Welt.

1989 kehren sie dann definitiv zurück, wohnen zuerst in Fislisbach, später in Windisch. Laura arbeitet im früheren «Club im Park» beim Kurhotel in Schinznach-Bad, später im Brugger «Dampfschiff». Heute lebt sie alleine in Brugg, nahe bei ihren Töchtern und nahe am Pub, das heute ihr Name trägt. Bei der Eröffnung vor 37 Jahren hiess das Lokal noch «Johnny’s Pub».

John Tahan liess damals die gesamte Einrichtung aus England nach Brugg liefern. Später verpachtete er das Lokal, das fortan «Billy’s Pub» hiess. Seit acht Jahren nun ist es «Laura’s Pub». Das Lokal führt sie alleine mit Hilfe ihrer Töchter. Die Dekoration blieb praktisch dieselbe. «Das ist mit Johnny so abgemacht», sagt Laura, die das Lokal nur pachtet.

Im Erdgeschoss eines Wohnblocks, gegenüber dem Schönegg-Park und nahe dem Medizinischen Zentrum, ist das Pub nicht wirklich zentral gelegen. Die eher dunkle, verrauchte Kneipe ist auch ein Stück weit ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der mehr getrunken und vor allem mehr geraucht wurde.

Unter den Kennern und den vielen Stammgästen geniesst es schon länger Kultstatus. Die «Kleinlaut im Pub»-Konzertreihe, bei der auch ihre Tochter Melina mitwirkt, habe viele neue, junge Gäste angezogen. Wer die Bar zum ersten Mal betritt, ist positiv überrascht ab der authentisch englischen Einrichtung und überhaupt darüber, dass es in Brugg so einen Spunten gibt. Dass sich nebenan ein eher verstaubtes, chinesisches Restaurant und im Obergeschoss die christliche Seelsorge befinden, passt ins Bild.

Rauchen darf man wegen der beschränkten Grösse des Lokals immer noch, dafür darf Laura aber keine Küche führen, kann keinen spanischen Chorizo Serrano aufschneiden und zu den Getränken mitservieren, wie sie sagt. Wie viel Spanierin steckt denn eigentlich noch in ihr? «Viel», antwortet sie, ohne mit den Wimpern zu zucken.

Auf Spanisch singt ihr Herz mit

Am besten spürbar werde dies, wenn sie singt – wo wir wieder beim Thema wären. Gesang studieren durfte sie nicht, sie kenne auch heute noch keine Note, wie sie sagt. Ihre Leidenschaft loderte aber – wie bei jedem Menschen – unauslöschlich weiter. Und instinktiv weiss Laura, wie sie atmen muss und wie sie zu singen hat, um ihr Publikum zu berühren. Nichts an ihrem Gesang ist antrainiert: Laura Spycher singt so, wie sie fühlt und wie sie ist.

Sie erinnert sich etwa daran, wie sie ihre Grossmutter am Todesbett besingen durfte. Es war aber erst viele Jahre später in ihrem Brugger Pub, wo sie mit Gitarrist Pascal Ammann ein kleines Konzert geben konnte und das vorwiegend junge Publikum damit umhaute. Mucksmäuschenstill sei es im Pub geworden, sagt sie.

Ihre Gäste seien sichtbar angetan gewesen von der gefühlsstarken Darbietung und ihrer lebhaften, rauchigen Stimme. «Wenn ich auf Spanisch singe, dann singe ich wirklich mit der Seele», sagt Laura. «Volver, volver» von der Mexikanerin Chavela Vargas, das sei ihr Lied, bei dem jede Zeile direkt aus ihrem Herz herausquelle.

Laura Spycher vom Brugger «Laura's Pub» singt «Volver, volver»

Solche Auftritte im Pub soll es künftig unregelmässig immer wieder geben. Am 10. Mai treten beide im Café Fridolin in der Altstadt auf. Vorher noch, am 28. März, ist Laura an der «Noche Española» im «Dampfschiff». Dort wird sie Tapas vorbereiten, dann in einer riesigen Pfanne vor den Gästen Paella zubereiten, alles servieren und später auch noch singen, begleitet von Gitarrist Gerardo Jerry Garcés. Woher hat sie so viel Energie?

«Diese Frage höre ich oft», sagt sie. Das innere Feuer lodert, die quirlige Laura scheint immer auf 100 Prozent. «Wenn ich ‹Ja› sage zu etwas, dann schaue ich, dass ich das Maximum heraushole. Sonst lasse ich es lieber sein.» Dies rate sie auch stets ihren Töchtern, die gemäss ihr ihre grösste Kraftquelle seien. «Wir sind sehr verbunden.» Zudem habe sie einfach Freude am Leben, wie sie sagt. Laura Spycher ist eine Macherin, die nicht lange fackelt. Eine Lehre hat sie nie gemacht, sondern begann gleich zu arbeiten, danach führte eines zum anderen.

Im November hat sie das Rentenalter erreicht. Das Pub werde sie ein paar Jahre weiterführen, sofern sie gesund bleibe. «Aber auch nicht allzu lange», wie sie sagt. Wie das geschichtsträchtige Pub danach wohl heissen wird?

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