Im Frühjahr 2014 hatte die Suva bei einer Kontrolle bemängelt, dass im unterirdischen Rollenlager der Kabelwerke Brugg 27 von 39 Deckenleuchten defekt seien. Bis zum 31. Juli gab die Suva dem Unternehmen Zeit, um die Lampen vorschriftsgemäss instand zu stellen.

So kam es, dass am 31. Juli 2014, dem letztmöglichen Tag also, ein Kranführer und ein Elektriker mit dem Auswechseln der Lampen im Rollenlager beschäftigt waren. Kein leichtes Unterfangen, befinden sich doch die Lampen in einer Höhe von 18 Metern über Boden und sind nur schwer zugänglich. Der Kranführer, er war erst wenige Tage in dieser Funktion im Rollenlager tätig, steuerte vom Boden aus das mächtige Regalbediengerät, auf dem sich ganz zuoberst auf einer kleinen Plattform der Elektriker befand, der sich, angegurtet wie ein Bergsteiger, langsam von Lampe zu Lampe fahren liess.

Kranführer und Elektriker hatten keinen Sichtkontakt. Sie verständigten sich lediglich durch Zurufe. Als der Elektriker die allerletze Lampe auswechseln wollte, kam es zur Tragödie. Aus letztlich ungeklärten Gründen geriet der Elektriker unvermittelt zwischen einen herabhängenden Deckenteil und den darauf aufgelaufenen Galgen des Krans; er wurde eingeklemmt und erlitt tödliche Verletzungen.

Unfallhergang bleibt unklar

In der Folge warf die Staatsanwaltschaft dem Kranführer fahrlässige Tötung vor und verlangte eine bedingte Geldstrafe von 210 Tagessätzen zu je 110 Franken sowie eine Busse von 1 200 Franken.

Denn, so die Argumentation der Staatsanwaltschaft, wenn der Kranführer für die Reparaturarbeiten nicht den Kran eingesetzt hätte und zudem für eine Sichtverbindung gesorgt hätte, dann wäre der Elektriker mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht eingeklemmt worden und also auch nicht ums Leben gekommen.

Seit dem Arbeitsunfall leidet der Kranführer an posttraumatischen Störungen. Er arbeitet immer noch bei den Kabelwerken, aber in anderer Funktion.

Verteidiger Gino Keller sagte, bei einem tragischen Arbeitsunfall sei ein Mensch ums Leben gekommen. Also müsse, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, auch ein Schuldiger gefunden werden. Dabei hätten nicht einmal die Söhne des Verunfallten ein Strafverfahren gewünscht.

Doch der Kranführer habe sich nichts zuschulden kommen lassen und die Sorgfaltspflicht in keiner Weise verletzt. Der Verteidiger schilderte, wie sich Kranführer und Elektriker durch Zurufe verständigt hatten. Erst als der Elektriker zum zweiten Mal bestätigt hatte, er sei bereit, habe der Kranführer die verhängnisvolle Weiterfahrt zur letzten Lampe ausgelöst. Warum dabei der Elektriker zwischen Kran und Decke geriet, lasse sich wohl nie klären. «Der Beschuldigte hätte nichts anders oder besser machen können», sagte der Verteidiger, er sei weder übermüdet noch abgelenkt gewesen. Freispruch auf der ganzen Linie lautete deshalb die klare Forderung.

Sorgfaltspflicht nicht verletzt

Das Bezirksgericht Brugg unter Leitung von Präsidentin Franziska Roth sprach den Kranführer einstimmig von Schuld und Strafe frei. Die Verfahrenskosten gehen zulasten des Staates. Der Kranführer, mit wenig Erfahrung mit dem Kran im Hochregallager, sei von vorgesetzter Stelle aufgefordert worden, den Elektriker in die Höhe zu chauffieren und dadurch den Kran zweckwidrig zu verwenden. Der Unfallhergang bleibe auch für das Gericht letztlich unklar. Dennoch könne man dem Kranführer keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorwerfen.