Brugg

Läden am Ostersonntag geöffnet: SVP-Politiker kritisiert Betreiber – und kommt selbst unter Beschuss

Der Aksu-Lebensmittelladen bringt Strassenmarktflair an die Hauptstrasse in Brugg. Er stand auch am Ostersonntag offen. Das passt SVP-Einwohnerrat Stefan Baumann nicht.

Einwohnerratspräsident Stefan Baumann stört sich am Ostersonntag an zwei offenen Läden – und erntet Kritik.

Das schöne Wetter lockte über Ostern viele Leute ins Freie – respektive ins Stadtzentrum. Auch der höchste Brugger, der amtierende SVP-Einwohnerratspräsident Stefan Baumann, war am Ostersonntag unterwegs. Auf seinem Ausflug störte er sich offenbar daran, dass an der Hauptstrasse gegenüber dem Stadthaus zwei Ladenlokale offenstanden: der vor wenigen Wochen neu eröffnete Aksu-Lebensmittelladen von zwei türkischstämmigen Familien sowie der seit Februar 2018 existierende Blumenladen Bachelor des Pakistani Ahmed Azeem. «Ist heute wirklich Ostersonntag? . . . und ist es wirklich notwendig, an diesem hohen christlichen Feiertag einen Verkaufsladen zu öffnen?», postete Stefan Baumann nach 17 Uhr auf Facebook. Als Beweismittel stellte er zwei Bilder der beiden erwähnten Ladenlokale dazu.

Daraufhin entwickelte sich sofort eine lebhafte und kontroverse Debatte über das Einkaufsverhalten an Feiertagen, Gesetze, Ausländer und sonstige Probleme. Bis gestern Dienstag kamen auf diesem Weg um die 150 Kommentare zusammen. Dabei prasselt viel Kritik auf den höchsten Brugger ein. «Euch kann man es echt nicht recht machen», schreibt eine Userin. «Läuft nichts in Brugg, wird gemotzt. Haben zwei Lädeli offen, wird auch gemotzt. Nehme an, die Restaurants haben auch offen . . .» Auch der Migrolino am Bahnhof Brugg habe geöffnet, kommentiert ein anderer.

Familienbetriebe ausgenommen

Nicht einmal von SVP-Parteikollege Sandro Wächter, der in Schinznach-Bad im Gemeinderat sitzt, bekommt Stefan Baumann Schützenhilfe. Wächter bezieht sich auf die freie Marktwirtschaft und schreibt: «Besser als gar nicht arbeiten und dann zu wenig Geld haben resp. dem Staat auf der Tasche liegen.» Ein Brugger Wirt hält fest: «Bei allem Respekt! Solange keine Gesetze gebrochen werden, sehe ich keine Probleme.» Und was die Religion betreffe, sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen ist im Arbeitsgesetz geregelt. «Handelt es sich jedoch um einen Familienbetrieb nach Artikel 4, findet dieses Gesetz keine Anwendung und der Betrieb kann offenhalten», sagt Andreas Lüscher, Chef der Regionalpolizei Brugg. Selbstverständlich betreffe das auch den Ostersonntag.

Diese Regelung gilt für Familienbetriebe, in denen lediglich der Ehegatte, die eingetragene Partnerin oder der eingetragene Partner des Betriebsinhabers, seine Verwandten in auf- und absteigender Linie und deren Ehegatten, eingetragene Partnerinnen oder Partner sowie seine Stiefkinder tätig sind. In der Kommentarspalte auf Facebook schreibt eine Frau: «Ich verstehe es absolut nicht, dass man sich deshalb aufregen muss.» Sie könnte einiges aufzählen, über das man sich wirklich ärgern kann. «Genau deswegen gibt es immer und immer wieder Zoff.»

Mit einem Augenzwinkern appelliert ein Mann an Stefan Baumann: «Das nächste Mal bitte etwas früher posten. Dann hätte ich gewusst, wo ich noch Blumen hätte einkaufen können.»
Solche Hetze gegen nichtschweizerische Ladenbesitzer zu betreiben, gehöre sich nicht für einen Einwohnerratspräsidenten, findet ein Brugger Sänger. Er fragt den SVP-Politiker auf Facebook, ob er nichts Besseres vorhabe als an diesem «hohen» christlichen Feiertag wie ein Stalker Brugger Geschäfte zu fotografieren.

«Ich habe nichts gegen Ausländer und begrüsse jeden, der in Brugg ein Geschäft betreibt», sagt Stefan Baumann auf Anfrage der AZ. Mit seinem Facebook-Post habe er lediglich zwei Fragen in den Raum stellen und eine Diskussion anstossen wollen. Ihm sei klar, dass Familienbetriebe an Feiertagen offen haben dürfen. Die Frage sei nur, ob man es – wenn nicht am Bahnhof oder Flughafen – auch öffnen soll. Das Niveau der angestossenen Debatte sei so tief gesunken, dass er sich online nicht daran beteiligen wolle, erklärt Baumann. Persönlich sei er allerdings bereit, dieses Thema mit jedem zu diskutieren.

Damit Angestellte feiern können

Nach Vergleichen mit Shops an Bahnhöfen, Restaurants und Spitälern, die an Ostern ebenfalls offenstehen, schreibt ein Anwalt: «Und jeder Tankstellen-Shop ist geöffnet.» Ein solcher Tankstellen-Shop ist auch der Volg-Laden an der Hauptstrasse in Bözen, der seit dem letzten Umbau und dem Einzug der Postagentur im Februar 2016 an sieben Tagen pro Woche offensteht. Doch am Ostersonntag standen einige Kunden vor verschlossenen Türen.
Auf Nachfrage der AZ sagt Volg-Mediensprecherin Tamara Scheibli: «Dieser Volg-Laden war an Weihnachten und am Ostersonntag geschlossen, damit die Ladenmitarbeitenden die beiden Feiertage mit ihren Familien verbringen konnten.» Dies werde voraussichtlich weiterhin so gehandhabt.

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