Liess 2014 eine vom «Himmel» der Klosterkirche Königsfelden hängende Papierwolke staunen, fesselt 2016 ein Papierrelief. Zunächst ist man verblüfft, dass Roman Sonderegger nicht mit dem Raum spielen, sondern ihn lediglich dezent akzentuierend belassen will.

So wirkt das riesige Kirchenschiff gleichsam «nackt» – wird aber gerade deshalb zu einem wunderbaren Spielort für 120 Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe der Schule Windisch.

Nach «babel.überall» mit der Neuenhofer Schule realisiert Brigitta Luisa Merki mit «leise brüllen» ihr zweites pädagogisches Projekt im Rahmen von Tanz & Kunst Königsfelden. Weshalb macht sie das? «Weil Bildung und Kultur unverzichtbar sind.» Dreimal Ja möchte man ihr am Ende einer Inszenierung zurufen, die vieles ist: behutsam, heftig, emotional, lässig, spielerisch, eindringlich und – berührend.

Die Ideen der Schüler

Einmal mehr erschliesst sich Brigitta Luisa Merki jetzt mit Musik (Big Zis), Perkussion (Gilson de Assis), Tanz (Patrick Grigo), Visueller Gestaltung (Jacqueline Weiss), Trickfilm (Anka Schmid), Videoprojektion (Ursula Palla) und bildender Kunst (Roman Sonderegger) neue künstlerische Wege. Musikalisch geben die Schweizer Rapperin Big Zis und deren Band jenen Ton an, der von jungen Menschen auf Anhieb verstanden wird.

Die Rede von Brigitta Luisa Merki, künstlerische Leiterin des Projekts «leise brüllen» in Windisch.

Die Rede von Brigitta Luisa Merki, künstlerische Leiterin des Projekts «leise brüllen» in Windisch.

In ihrem neuen Song «Liislig brülle» hat Big Zis Ideen der Windischer Schüler verarbeitet. «Wänns da ine brüllt, ghörsch dusse fascht nüt … brüll liislig vo ine gäg usse … brüll liislig vo usse gäg ine.» Man muss schon gehört haben, mit welcher Intensität Big Zis diese Worte von der lapidar anmutenden Feststellung bis zum rhythmisch hart skandierten Refrain vorantreibt.

«leise brüllen» ist Synonym für einen Zorn, der sich zwar laut Bahn brechen will, jedoch nur leise herauskommt. Seelenaufruhr wird angesprochen, aber nie ausgesprochen. Kurz: Es geht um Befindlichkeiten junger Menschen.

In der Klosterkirche wird der Vorstellung ein Trickfilm-Intro vorangestellt. Eine Holzpuppe schlackert mit ihren Gliedern, macht automatische Bewegungen. Wird sie gesteuert? Sogleich sind Fragen da und solche wird man sich noch viele stellen im Laufe einer Inszenierung, die ausschliesslich von assoziativen Bildern lebt.

Die Produktion beginnt behutsam – Jugendliche setzen sich vor das Relief, vielmehr vor Wände, die hauchdünn bespannt sind. Dann entwickelt sich das Geschehen und mit einem Mal nehmen wir zwei schemenhafte Gestalten hinter den Wänden wahr. In Zeitlupe sehen wir, wie zwei miteinander kämpfen: Der eine fällt, der andere geht. Weshalb diese Auseinandersetzung?

Die Rede von Elisabeth Wernli, Präsidentin von Tanz & Kunst Königsfelden.

Die Rede von Elisabeth Wernli, Präsidentin von Tanz & Kunst Königsfelden.

Bevor man eine Antwort hat, ist man in eine Welt geglitten, die belebt wird von Videoeinspielungen riesiger Gesichter sowie von Dreiecken und Würfeln. Das ist ein rätselhaftes Bild, zu dem sich eine Vielzahl weiterer, ebenso rätselhafter Bilder gesellt.

Poesie pur

Ab und an wähnt man sich gar in einem Traum – etwa wenn die Spielfläche weiss erstrahlt und Velofahrerinnen Spuren in den vermeintlichen Schnee ziehen. Das ist Poesie pur, in die das Bedrohliche – als massige Rhythmusgruppe – aber auch das nur Spielerische einbricht: Dann, wenn Hip-Hopper Patrick Grigo die Protagonisten an- und befeuert.

Solches sorgt für eine Stimmung, die Big Zis mit «Prrrdy» aufgreift. Allerdings beschwört sie damit weniger Ausgelassenheit als zorniges Anrennen: «Laa mich inne», singt sie – und das klingt bei ihr wie eine weitere Strophe im Song «Liislig brülle». Wie es sich privat anfühlt, weiss jeder der 120 Jugendlichen. Wie es sich im Zusammenspiel unterschiedlichster Künste und als Teil eines Ganzen anfühlt, haben die Windischer in der Probenarbeit erfahren – und vermitteln es jetzt packend und bewegend. (Sämtliche Vorstellungen bis 1. Juni sind ausverkauft).

Die Rede von Bildungsdirektor Alex Hürzeler zur Premiere des Kunstprojekts «leise brüllen» in Windisch.

Die Rede von Bildungsdirektor Alex Hürzeler zur Premiere des Kunstprojekts «leise brüllen» in Windisch.