Kulturgesellschaft: Was das Aus für den Bezirk Brugg bedeutet

Die Brugger Neujahrsblätter verlieren 30 garantierte Abnehmer.

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Bezirk Brugg Nach 205 Jahren haben zwei Anwesende an einer ausserordentlichen Generalversammlung beschlossen, die Kulturgesellschaft des Bezirks Brugg aufzulösen. Das nach Abschluss der noch offenen Finanztransaktionen verbleibende Vereinsvermögen wird an die Aargauische Gemeinnützige Gesellschaft (AGG) übertragen.

In der Vereinsgeschichte waren diverse Höhepunkte zu verzeichnen, so im 19. Jahrhundert die segensreichen sozialen Engagements, die Mitgliedschaft des berühmten Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, die 1890 mitbegründeten Brugger Neujahrsblätter (BNJB) oder zuletzt die im Rahmen des Brugger Neujahrsempfangs 2016 veranstaltete 200-Jahr-Jubiläumsfeier mit dem einheimischen Geiger Sebastian Bohren und «seinem» Stradivari-Quartett.

Der Präsident war am Schluss allein im Vorstand

Max Weyermann wurde vor mehr als vier Jahrzehnten zum Präsidenten der Kulturgesellschaft des Bezirks Brugg gewählt. Nach dem Hinschied des langjährigen Kassiers Josef Müller im März dieses Jahres war Weyermann allein im Vorstand. Die Kulturgesellschaft zählte zuletzt noch 30 Mitglieder. Wie viele es in den besten Zeiten waren, konnte der Präsident nicht eruieren, aber auf jeden Fall viel mehr. Sie gehörten zum grössten Teil älteren Jahrgängen an. «Die Jugend war nicht zu gewinnen und freiwillige Vorstandsmitglieder waren ebenfalls keine zu finden», sagt Weyermann. Der Jahresbeitrag betrug inklusive Abgabe der Brugger Neujahrsblätter 30 Franken. Pro Exemplar kostete dieses 25 Franken plus Porto. So blieben der Kulturgesellschaft pro Jahr knapp 100 Franken Einnahmen. Davon seien noch die Beiträge weggegangen an die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, die AGG sowie weitere Kosten für den Neujahrsempfang und gelegentliche Unterstützungen. Will heissen: Es ergaben sich immer Defizite.

Auf die Frage der AZ, was die Auflösung der Kulturgesellschaft für Brugg bedeute, sagt Stadtschreiber Matthias Guggisberg: «Als gemeinnützige Organisation hat die Kulturgesellschaft Brugg seit ihrer Gründung vor über 200 Jahren für das gesellschaftliche und kulturelle Leben in der Stadt und Region Brugg eine wichtige Rolle gespielt.» Viele der durch die Kulturgesellschaft wahrgenommenen Aufgaben seien durch Nachfolgeorganisationen übernommen und weitergeführt worden. In diesem Sinne lebe die Initiative und das langjährige Engagement der Kulturgesellschaft in diesen Organisationen weiter.

Annegret Ruoff, Redaktionsleitung der Effingermedien AG, welche die BNJB herausgibt, ergänzt: «Wir bedauern die Auflösung der Brugger Kulturgesellschaft natürlich sehr.»

Die Auflage wird reduziert, die Vernissage verschoben

Die Zukunft der BNJB hängt laut Ruoff allerdings nicht von der Kulturgesellschaft ab. Auch auf die Auflage habe die Auflösung keinen Einfluss, sie werde so oder so von 800 auf 500 Exemplare reduziert. «Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass diese Auflage reicht.»

Neu findet die Vernissage im Januar statt. Geplant ist sie für den 24. Januar 2021 im Kulturhaus Odeon anstelle des Salzhauses. Zu den herkömmlichen Vertriebskanälen kommen weitere Verkaufsstellen dazu. Die Effingermedien wollen künftig die Gemeinden stärker einbinden und sie dazu ermutigen, zum Beispiel ihren Behördenmitgliedern ein Exemplar der BNJB zu schenken. Der vor einem Jahr angekündigte Digitalisierungsprozess ist laut Ruoff gut gestartet, dauert aber noch etwas an. Aufgeschaltet werden die BNJB online erst, wenn alle Ausgaben digitalisiert sind.

Die Stadt Brugg halte beim Neujahrsempfang 2021 bis anhin – unabhängig von einem allfälligen Beitrag Dritter – an der Durchführung unter Prüfung von Varianten fest, so Stadtschreiber Guggisberg. Entschieden werde im November. (cm)