Mit 140 Schülern hatten sie damals verschiedene Interventionen im öffentlichen Raum einstudiert und die Passanten mit ins Geschehen einbezogen. So etwa als eine Menschenkette, die vom Campus bis in die Brugger Altstadt führte, ein Riesen-Selfie machte. Im kleineren Rahmen fanden die Stadtereignisse diesen Frühling in Aarau statt.

Spuren hinterlassen und den öffentlichen Raum bespielen möchte die 43-jährige Künstlerin auch als neue Leiterin vom Zimmermannhaus Brugg Kunst und Musik. Per 1. August hat Gsell das Zepter von Drahu Kohout übernommen, die Ende Juli in Pension ging.

«Ein gutes Netzwerk und wieder vermehrt Besucher aus der Region Brugg anzusprechen, sind mir grosse Anliegen.»

Andrea Gsell, Leiterin Zimmermannhaus

«Ein gutes Netzwerk und wieder vermehrt Besucher aus der Region Brugg anzusprechen, sind mir grosse Anliegen.»

Für die gebürtige Bözbergerin schliesst sich mit der neuen Funktion ein Kreis. Denn als die städtische Galerie 1984 im Zimmermannhaus eröffnet wurde, waren es ihre Eltern, die die 10-jährige Andrea in diesen Räumlichkeiten mit Kunst in Kontakt brachten. Daneben betrieben sie zeitweise eine Galerie in der Falkengasse in der Brugger Altstadt. Später besuchte Andrea Gsell die Bezirksschule in Brugg.

Heute lebt sie mit ihrer eigenen Familie in der Stadt und engagiert sich unter anderem auch in der Initiative Altstadt. Dieses Verschmelzen von Lebens- und Wirkungsort ist für Andrea Gsell Motivation, sich zu engagieren und so aktiv etwas zur Lebensqualität der Gesellschaft beizutragen.

«Ich will eine gute Gastgeberin sein»

«Das Zimmermannhaus soll ein offenes Haus sein. Ich will eine gute Gastgeberin sein und eine Stimmung schaffen, in der sich alle und nicht nur Kunstinteressierte wohlfühlen», sagt die neue Leiterin. Die beiden folgenden Ausstellungen sowie der Kammermusik-Zyklus tragen noch die Handschrift ihrer Vorgängerin. Diesen Freitag um 19 Uhr findet die Vernissage zur neuen Ausstellung mit zwei Künstlern statt. Nici Jost arbeitet seit Jahren mit der Farbe Pink und Camille Medardus Hagner verbindet barocke Malerei mit modernen Formen, die teilweise an Raumschiffe erinnern.

Mittelfristig kann sich Gsell auch vorstellen, die Räumlichkeiten temporär oder für Projekte zu verlassen. Die Lage des Zimmermannhauses in der Vorstadt birgt für sie Potenzial. «Die Vorstadt ist ein Durchgangsort mit Entwicklungsmöglichkeiten. Da sehe ich verschiedene Ansätze, um Kunst einzubringen – und auch ein weniger kunstaffines Publikum oder Familien anzusprechen.» Berührungsängste hat die zweifache Mutter nicht.

«Man kann aus allem etwas machen», fährt Gsell fort, ohne Details zu verraten. «Kunst muss auch ein Wagnis sein, bei dem man das Scheitern in Kauf nimmt, und nicht nur vorprogrammierte Projektarbeit.»

Wichtiger Beitrag zum Stadtleben

Neu engagiert sich Andrea Gsell zudem im Vorstand von Visarte Aargau. Der Berufsverband für visuelle Kunst setzt sich in der Schweiz unter anderem dafür ein, dass künstlerische Arbeit fair honoriert wird. Das Angebot im Zimmermannhaus versteht Gsell als wichtigen Beitrag zum Leben in der Stadt Brugg. Ein gutes Netzwerk und wieder vermehrt Besucher aus der Region Brugg anzusprechen, sind ihr grosse Anliegen. «Die Haltung ist wichtig», sagt sie.

Im Zimmermannhaus ist auch die Stadtbibliothek untergebracht. Dass dafür ein zentralerer Standort im Bereich «Alte Post» gesucht wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Wäre der Wegzug der Bibliothek für Gsell ein Problem?

«Nein», sagt sie, ohne zu zögern. «Diese Räumlichkeiten würden sich sehr gut für ergänzende Projekte/Aktivitäten eignen. Das Zimmermannhaus hat sehr grosses Potenzial.» Vorerst schon mal erste Freiräume in der städtischen Institution selber gestalten zu dürfen, erfüllt Andrea Gsell mit grosser Freude, die im besten Fall ansteckend wirkt.

Ausstellungseröffnung mit Gast Tom Fellner am Freitag, 18. August, 19 Uhr.