Mülligen
Kritik gegen Kiesabbau-Erweiterung: «Wenige sehen, was da auf uns zukommt»

Gegen die geplante Erweiterung des Kiesabbaugebiets «Lindenacher Ost» regt sich Widerstand.

Michael Hunziker
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Die Karte zeigt das bereits bewilligte Abbaugebiet «Eichrüteli» (gelb) sowie das kurz- und mittelfristige Abbaugebiet «Lindenacher Ost» (rot) und das langfristige Abbaugebiet «Lindenacher West» (blau). zvg

Die Karte zeigt das bereits bewilligte Abbaugebiet «Eichrüteli» (gelb) sowie das kurz- und mittelfristige Abbaugebiet «Lindenacher Ost» (rot) und das langfristige Abbaugebiet «Lindenacher West» (blau). zvg

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Sie machen sich Sorgen um das Grundwasser, um den zusätzlichen Lastwagenverkehr, um den Staub – und nicht zuletzt auch um die vorherrschende Gleichgültigkeit im Dorf: Eine Gruppe Mülliger wehrt sich gegen die geplante Erweiterung des Kiesabbaugebiets «Lindenacher Ost» und will die Bevölkerung aufrütteln.

Es handle sich um eine heftige Geschichte, sagt Ruedy Baarfuss. Er hat wie Walter Leissing und Bruno Baumann eine Einsprache eingereicht gegen die Änderung der Nutzungsplanung. Am Montagabend haben die drei unter dem Namen IG Mülligen-Birrfeld im Vereinslokal Kindergarten ihre Beweggründe und Argumente dargelegt und mit den rund 20 eingeladenen Interessierten über das weitere Vorgehen diskutiert.

Viele Unbekannte und Risiken

Die Einsprecher verweisen in ihren Begründungen auf die zu erwartenden Nachteile bei der Lebens- und Wohnqualität, die sinkende Attraktivität der Gemeinde sowie den Raubbau an der Natur. Während Leissing verlangt, auf die Erweiterung sei zu verzichten und die Nutzungsplanung sei zu sistieren, darf für Baumann so lange keine Bewilligung erteilt werden, bis verbindliche und gesicherte Angaben zum Grundwasserspiegel vorliegen. Es sei erschreckend, hält er fest, dass so ein Jahrhundert-Projekt überhaupt öffentlich aufgelegt werde mit vagen Informationen, mit vielen Unbekannten und Risiken. Die Werte in den Auflageakten seien nicht aktuell. Umweltbereiche – Grundwasser, Natur, Lärm und weitere – würden erst in der Hauptuntersuchung vertieft unter die Lupe genommen. «Somit haben wir jetzt gar keine verlässlichen Angaben.»

Ins gleiche Horn stösst Ruedy Baarfuss. Ohne Umweltverträglichkeitsprüfung dürfe grundsätzlich kein Sachentscheid gefällt werden. «Es sind bestimmte Mindestanforderungen an die Nutzungsplanung zu stellen. Insbesondere muss sie eine umfassende Interessenabwägung beinhalten», sagt er. «Dies setzt voraus, dass die wesentlichen Auswirkungen auf die Umwelt und die räumliche Umgebung aufgezeigt werden. Das wiederum bedingt, dass Art und Ausgestaltung des Projekts zumindest in den Grundzügen bekannt ist.»

Der gesamte Projektperimeter sei ausgeschieden als Zuströmbereich zu den als Trinkwasserfassungen genutzten Quellen bei Mülligen, führt Baarfuss weiter aus. Für ihn steht fest, dass eine Ausbeutung nur dann bewilligt werden kann, wenn über dem höchstmöglichen Grundwasserspiegel eine schützende Materialschicht besteht und belassen wird.

Ebenso sind laut Baarfuss die Fragen der verkehrstechnischen Erschliessung bezüglich aller relevanten Umweltaspekte zu prüfen. Er weist darauf hin, das sich die Anzahl der Lastwagenfahrten im Rahmen der vorgesehenen Erweiterung der Materialabbauzone um fast einen Viertel auf über 116 000 erhöht. Sowieso stelle die Verkehrsführung eine zentrale Problematik dar, insbesondere seit der «nicht nachvollziehbaren» Schliessung der Autobahn-Werkausfahrt. Baarfuss ist überzeugt, dass die Werkausfahrt wieder geöffnet werden kann im Rahmen des Projekts Ostaargauer Strassenentwicklung (Oase). Wichtig sei aber, rechtzeitig vor Projektbeginn mit dem Antrag an das Bundesamt für Strassen (Astra) zu gelangen. Damit könnte auf einen Schlag im Minimum eine Entlastung von 11 350 Lastwagen in Mülligen erreicht werden, rechnet er.

Sowohl Baarfuss als auch Baumann sind der Ansicht, dass allenfalls eine zusätzliche Entschädigungsvereinbarung mit der Kiesgruben-Betreiberin eine Option wäre für Mülligen – als Kompensation für die Einschränkungen, Immissionen und Landschaftseingriffe. Baumann ruft den Gemeinderat auf, diese Entschädigung zu reklamieren und betragsmässig im Bewilligungsverfahren einzubauen und bereits bei den Auffüllkubaturen 2018 einzufordern.

«Ich gebe nicht auf»

Die IG Mülligen-Birrfeld hofft nun, die – «bisher vorwiegend schweigende» – Mehrheit für das Thema sensibilisieren zu können. «Denn es wissen und sehen erst wenige Leute, was da auf uns zukommt.» Stimme die Gemeindeversammlung voraussichtlich im nächsten Jahr der Nutzungsplanung zu, dann sei es gelaufen, warnen sie – selbst wenn später noch ein Baugesuch aufgelegt werden müsse. Die Einsprecher setzen sich dafür ein, dass die offenen Fragen beantwortet, die nötigen Abklärungen vorgenommen werden.

Die Anwesenden begrüssten am Montagabend das geplante Vorgehen und das Engagement sowie die Absicht, eine saubere Grundlage zu erhalten, um dann abstimmen zu können. Ruedy Baarfuss erwartet faire Diskussionen und setzt darauf, dass am Schluss die Argumente zählen. Er versprach: «Ich gebe nicht auf.»

Die Kiesvorräte gehen zu Ende

Die Kiesvorräte im Gebiet «Eichrüteli» neigen sich zu Ende, die Holcim Kies und Beton AG plant deshalb, das Abbaugebiet zu erweitern im Gebiet «Lindenacher Ost». Um die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, müssen die Nutzungsplanungen angepasst werden in den Gemeinden Mülligen und Lupfig. Die Rede ist von der Umzonung von 27,3 Hektaren Landwirtschaftsland in eine Materialabbauzone. Etappenweise abgebaut werden können 5,4 Mio. Kubikmeter Kies. Die Dokumente lagen bis Mitte Oktober öffentlich auf (die AZ berichtete). Für die Erschliessung stellte sich laut Unterlagen eine neue Erschliessungsachse als tragbare Lösung heraus. Beim Anfahren des Werkareals sollen die Chauffeure künftig die Route aus Westen via Birrfeld wählen, damit der Verkehr durch das Dorf Mülligen reduziert werden kann. (mhu)