Veltheim
«Komplizierte Teile machen uns Spass»

Claude Werder von der Werder Feinwerktechnik sagt, warum er weiter in der Schweiz produzieren will.

Michael Hunziker
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Am 25. April wird der Erweiterungsbau eingeweiht: Geschäftsführer Claude Werder in der Halle mit den mehr als 70 modernen Maschinen. Mario Heller

Am 25. April wird der Erweiterungsbau eingeweiht: Geschäftsführer Claude Werder in der Halle mit den mehr als 70 modernen Maschinen. Mario Heller

Mario Heller

Es gibt Chefs, die mit Anzug und Krawatte von ihrem Glaskabäuschen aus die Geschicke des Unternehmens leiten. Zu ihnen gehört Claude Werder nicht. Er brauche zwei Minuten zum Umziehen, sagt er im Eingangsbereich seiner Werder Feinwerktechnik in Veltheim, eben zurück aus der Mittagspause. Wie sein Vater, halte auch er sich lieber im Übergwändli in der Werkstatt statt im Büro auf – «also dort, wo wir unser Geld verdienen». Überlegt und sympathisch beantwortet er die Fragen zu seiner Firma und nimmt sich Zeit für eine Führung durch die eindrückliche Halle mit den mehr als 70 modernen CNC-Fräs- und -Drehmaschinen. Über jede – und jedes hergestellte Teil notabene – weiss er Bescheid. Es rauscht und surrt, klopft und pfeift an diesem Nachmittag.

Claude Werder, Sie sind ein Zulieferer der Maschinen-, Medizinal- und Hightechindustrie. Welchen Einfluss hat die Frankenstärke auf Ihr Unternehmen?

Claude Werder: Am 15. Januar dieses Jahres wurden wir auf einen Schlag viel teurer. Wir mussten uns seither immer wieder rechtfertigen. Einige Kunden forderten Preisreduktionen. Natürlich wollen wir ihnen entgegenkommen. Beim Material geben wir Einsparungen weiter, allerdings machen die Materialkosten nur etwa ein Zehntel des Preises eines fertigen Produkts aus. Wenn uns unsere Materiallieferanten den Währungsvorteil von 10 Prozent weiter geben, wird das fertige Werkstück also lediglich 1 Prozent billiger. Damit geben sich viele unserer Kunden nicht zufrieden. Also sind wir gefordert, schneller und rationeller zu produzieren . . .

Ein Wegzug ins Ausland ist aber kein Thema, Sie halten an Ihrem Firmenstandort fest?

Für mich ist klar: Ich will weiter in der Schweiz produzieren. Ich habe hier gute Leute und ein funktionierendes Umfeld. Diesem Vorsprung, den wir gegenüber dem Ausland noch haben, müssen wir aber Sorge tragen. Als Zulieferbetrieb müssen wir immer wieder Nischen suchen und uns neu positionieren. Wir müssen stets schauen, wo wir mithalten können und wo unsere Stärken sind.

Auf wenige Tausendstel Millimeter genau

Mit einem Tag der offenen Tür weiht die Werder Feinwerktechnik an der Werdstrasse 2 in Veltheim ihren Erweiterungsbau ein. Am Samstag, 25. April, 10 bis 17 Uhr, erleben die Besucher die über 70 modernen CNC-Fräs- und -Drehmaschinen im Einsatz. Zum Programm gehören zudem kunstvolle Maschinen von Paul Gugelmann, ein Wettbewerb sowie Verpflegung und musikalische Unterhaltung. Die Werder Feinwerktechnik kümmert sich für ihre über 120 Kunden als Generalunternehmung um die Entwicklung und die Herstellung komplexer Produkte und anspruchsvoller Komponenten – von der Materialbeschaffung über die Montage und Lagerung bis zur Hauslieferung. Verarbeitet werden – mit Toleranzen von wenigen Tausendsteln Millimetern – Metalle und Kunststoffe. Auf ihre Genauigkeit geprüft werden die hochpräzisen Teile in einem klimatisierten Messraum.

1957 richtete Firmengründer Samuel Werder in den Kellerräumen seines Elternhauses seine erste mechanische Werkstatt ein. 1964 zog die Firma in einen Neubau in Schinznach-Bad, 1975 erfolgte die Umwandlung in die Samuel Werder AG. Schrittweise wurden die Produktions-, Lager- und Büroflächen vergrössert. 1998 übernahm Claude Werder die Geschäftsleitung, zwei Jahre später erfolgte der Umzug in den Neubau im Industriegebiet in Veltheim. Im letzten Jahr schliesslich konnte der Erweiterungsbau bezogen werden. Heute beträgt die Produktionsfläche rund 4500 Quadratmeter. Der Umsatz beläuft sich – Stand 2014 – auf rund 11,4 Mio. Franken. (mhu)

Die sind?

Zuverlässigkeit, Präzision und ausgebildete Fachleute. Bei Letzteren müssen wir uns je länger je mehr Mühe geben, um auch die Jungen wieder vermehrt für unsere Arbeit begeistern zu können.

Sie sind zuversichtlich, die kommenden Herausforderungen meistern zu können?

Zwischen 5 und 10 Prozent unseres Umsatzes investieren wir in neue Maschinen. Würde ich nicht an unsere Firma und an unseren Standort glauben, würde ich mich anders verhalten. Klar gibt es Bereiche, in denen wir nicht konkurrenzfähig sind, einfache Arbeiten, die im Ausland günstiger erledigt werden können als bei uns. Wir können uns indes abheben mit Qualität und liefern Teile, die nicht jedermann herstellen kann.

Von welchen ist die Rede?

Unsere Teile sind zu finden in den verschiedensten Geräten. Die Palette reicht vom Flüssigseifen-Spender bis zur Kaffeemaschine, von der Kamera über die Waage bis zum Mikroskop, vom Turbolader bis zum elektronisch gesteuerten Schliesszylinder. Es können auch Spezialanfertigungen sein, wie etwa ein Knopf für ein edles Autoradio. Die Teile fertigen wir im Auftrag von diversen Firmen an. Sie werden montiert und sind am Schluss leider oft nicht mehr zu sehen.

Massenanfertigungen sind nicht Ihre Sache?

Wir bewegen uns im mittleren Bereich von 100 bis 10 000 Stück. Für Zahlen um 1 Million – beispielsweise für die Uhrenindustrie – braucht es andere Maschinen. Dafür sind wir nicht optimal eingerichtet.

Sie bieten dagegen Lösungen für komplexe Anforderungen?

Komplizierte Teile machen uns Spass. Wir haben uns nach bald 60 Jahren viel Erfahrung und Wissen angeeignet und konnten uns einen guten Namen schaffen. Wenn ich bei einer bestimmen Arbeit feststelle, dass dafür ein anderer Lieferant besser eingerichtet ist, gebe ich dem Kunden diesen Tipp gerne weiter.

Und dafür werden Sie dann und wann schräg angeschaut?

Ja. Selbstverständlich muss auch ich Geld verdienen. Doch vor allem will ich das Wissen und die Arbeit in der Schweiz behalten – am liebsten in der Region. Denn wandern die Aufträge ins Ausland ab, verlieren wir irgendeinmal den Anschluss. Trotz Preisdruck müssen wir aufpassen auf unsere Kultur, auf unsere Unternehmungen. Wir sind angewiesen auf Industriebetriebe, nicht nur auf den Dienstleistungssektor. Diese Arbeitsplätze braucht die Wirtschaft. Das spüren wir.

Sie beschäftigen auch Personen
ohne qualifizierte Ausbildung?

Von den rund 70 Angestellten sind etwa 50 Operateure, die speziell auf unseren Maschinen angelernt werden. Ein gelernter Polymechaniker kümmert sich eher um die Programmierung, das Einrichten und Einfahren der Maschinen. Anschliessend übergibt er an einen Operateur, der dann die Serie abarbeitet. Auch stellt der Polymechaniker kleine Serien von speziellen Teilen her.

Etliche Angestellte sind Ihrem
Betrieb seit vielen Jahren treu. Sie gelten als familienfreundlich und erhielten 2013 den This-Priis. Dieser geht an Unternehmen, die Menschen mit einem Handicap integrieren. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung?

Mein Vater sagte immer, man soll die Leute so behandeln, wie man selber behandelt werden möchte. Vor über 30 Jahren hat er zwei Mitarbeiter im Rollstuhl angestellt. Am Anfang gab es einzelne kritische Stimmen. Es funktioniert aber reibungslos, der Umgang ist völlig unkompliziert. Für Menschen mit einem Handicap ist es von Bedeutung, dass sie einen geregelten Tagesablauf, eine Perspektive haben. Auch sie sind zuverlässig, leisten gute Arbeit und es ist eine Freude zu beobachten, wie sie sich entwickeln. Wir wissen nicht in Franken und Rappen, ob sich dieses Engagement rechnet. Aber für uns stimmt es einfach so.

Mit der Übergabe des This-Priis wurde die Öffentlichkeit auf Sie aufmerksam, obwohl Sie das Rampenlicht gar nicht gesucht haben.

Wir willigten vor dem Hintergrund ein, weil es eine gute Sache ist und in diesem Bereich mehr möglich wäre. An der Auszeichnung hatten wir grosse Freude, weil sie explizit dem Team zugutekam. Wir durften einen wunderschönen Tag erleben. Der Preis brachte einiges ins Rollen und ist ein Zeichen dafür, dass wir wohl etwas richtig gemacht haben.

Ein guter Standort und gute Mitarbeiter sind also ausschlaggebend dafür, dass Sie seit mehr als einem halben Jahrhundert erfolgreich sind?

Ja . . . und wie bei allem braucht es auch etwas Glück. Das hatte ich sicher. Ich bin in dieses Metier hineingerutscht, weil mich die Technik und die Mechanik immer fasziniert haben. Es macht Spass, auf engagierte und motivierte Mitarbeiter zählen zu dürfen. Alle haben das gleiche Ziel: einen guten Job zu machen. Auch wenn es abgedroschen klingen mag: Wir sind wie eine grosse Familie und sind füreinander da. Wertschätzung ist für mich eines der zentralen Kriterien, denn am Schluss zählt nicht nur der Zahltag. Unsere Mitarbeiter sollen am Morgen gerne aufstehen und zur Arbeit kommen.

Die positiven Rückmeldungen der Kunden sind ebenfalls ein Antrieb?

Lob tut gut und ist eine schöne Bestätigung. Unsere Kunden sind uns häufig über lange Zeit treu und fordern uns stets aufs Neue. Alles muss immer noch günstiger, noch genauer, noch schneller lieferbar sein. Es gilt deshalb, die Augen offen zu halten, Ideen zu suchen und neue Technologien zu nutzen.

Aktuell sind die 3-D-Drucker ein Thema . . . auch für Sie?

Es handelt sich um eine faszinierende Technologie, die wir genau beobachten. Sie wird immer besser und bietet völlig neue Möglichkeiten. Trotzdem glaube ich nicht, dass bei uns die Arbeit in näherer Zukunft ausgehen wird. Dafür müssten die Geräte jedes Material viel schneller und genauer drucken können.

Welches waren die Höhepunkte in der Firmengeschichte?

Bedeutend war sicher die Phase Ende der Siebziger- oder Anfang der Achtzigerjahre, als das Computerzeitalter Einzug hielt. Mein Vater stieg früh in die CNC-Technologie ein. Das war ein wegweisender Entscheid, auch wenn damals die Kosten für die neuen Maschinen sehr hoch waren. Ebenfalls richtig war, sich nach der ISO-Norm zertifizieren zu lassen. Bei diesem Entscheid waren am Anfang der Nutzen und die Folgen nicht abschätzbar. Ohne Zertifikat würden wir heute aber gewisse Aufträge nicht mehr erhalten.

Die Maschinen wurden nicht nur schneller, sondern auch immer grösser.

Am alten Firmenstandort in Schinznach-Bad stiessen wir an Grenzen. Wir planten den Neubau in Veltheim just in den Neunzigerjahren, als die Krise kam. Die Arbeit und die Aufträge gingen zurück, es herrschte grosse Verunsicherung. Das war nicht einfach. Mein Vater blieb trotzdem optimistisch – und behielt recht. Plötzlich zog es wieder an und wir waren froh um den Platz. Der Maschinenpark ist nicht nur von Jahr zu Jahr gewachsen, er hat sich grundlegend gewandelt. Früher funktionierte vieles mit Muskelkraft oder Schablonen, heute ist alles programmierbar. Die Entwicklung ist nie abgeschlossen.

Deshalb entschieden Sie sich erneut für einen Erweiterungsbau?

Bei unseren Mechanikern und mir besteht eine Art konstante Wunschliste von Maschinen, die wir gerne anschaffen möchten. Wir haben uns mit dem Gedanken beschäftigt, was auf unserem Grundstück möglich ist. Gefunden haben wir schliesslich eine Lösung mit einem zweigeschossigen Neubau. Teilweise können wir die Fläche vermieten.

Was werden Sie am Tag der offenen Tür bieten?

Es soll ein Fest sein für alle Interessierten, für unsere Kunden sowie selbstverständlich für die Angehörigen und Freunde unserer Mitarbeiter. Ebenfalls nutzen wir die Gelegenheit, den Besuchern unsere attraktiven Berufe näher zu bringen. Wir sind immer auch auf der Suche nach guten Polymechaniker- Lehrlingen.

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