Im Zentrum des Kirchenklangfests «Cantars» steht bekanntermassen die Kirchenmusik mit all ihren Facetten und Ausprägungen. Dass es dabei in erster Linie um die Freude am gemeinsamen Singen und um die Weitergabe dieser Freude an ein dankbares Publikum geht, war am «Cantars»-Tag in Brugg letzten Samstag deutlich zu spüren. Dass dabei noch kirchenmusikalische Geschichte vermittelt wurde, war eine willkommene Nebenerscheinung.

Kirchenchöre Brugg und Merenschwand singen gemeinsam

Das erste Konzert des Tages, das von den Kirchenchören Brugg und Merenschwand gemeinsam bestritten wurde, fand beispielsweise unter dem Motto «Was ist was? – Kontrafakturen in der Kirchenmusik» statt. Kontrafaktur bedeutet wörtlich etwa «Herstellung eines Gegenstücks». Dabei wird der Gesangstext eines bestehenden Werks verändert, sodass ein neues Lied mit der gleichen Melodie oder gleichen Motiven entsteht.

Dieses Verfahren wurde besonders häufig im Kirchenlied angewandt, weil bei der Verdeutschung der im Gottesdienst verwendeten Lieder die bereits bekannte Melodie oder Teile davon erhalten, der lateinische Text aber ersetzt werden sollte. Auch Johann Sebastian Bach hat von dieser Methode Gebrauch gemacht. Zu Ehren des Geburtstags der Königin Maria Sophia verfasste der grosse Barockkomponist – wie zu dieser Zeit üblich – eine Glückwunschkantate.

Werke dieser Gattung hatten normalerweise keine lange Lebensdauer, wurden sie doch hauptsächlich zu einem bestimmten Anlass komponiert und auch nur einmalig aufgeführt. Um einzelne Teile aus der Kantate zu erhalten verwendete Bach diese eins zu eins in seinem bekannten Weihnachtsoratorium wieder. Aufgeführt wurden bei diesem Konzert zum Beginn und Abschluss die beiden Eingangsteile «Jauchzet, Frohlocket» aus dem Weihnachtsoratorium und «Tönet ihr Pauken! Erschallet Trompeten!» aus der Kantate.

Déjà-écoutés für die Zuhörer

Déjà-vus oder besser Déjà-écoutés erlebten die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer nicht nur bei diesen zwei Werken. Bekannte Kirchenlieder wie «O Haupt voll Blut und Wunden» erklangen plötzlich in ihren eigentlich originalen Fassungen, in diesem Fall als «Mein Gmüth ist mir verwirret» von Hans Leo Hassler und «O wunderbare Speise» als «Innsbruck, ich muss dich lassen» sowie «Ach Lieb, ich muss dich lassen».

Festlicher Abschluss um 23 Uhr

Die beiden Kirchenchöre unter der abwechselnden Leitung und Begleitung der beiden Kirchenmusiker und Chorleiter Flavio Dora (Merenschwand) und Giuseppe Raccuglia (Brugg) erfüllten sowohl die katholische Kirche, wie auch die Herzen der Zuhörer mit der wohlklingenden Musik der Renaissance und des Barock. Der Kirchenmusikmarathon ging mit Konzerten von Kirchenchören der Region in der katholischen und reformierten Kirche weiter und fand um 23 Uhr mit dem Konzert mit Trompete und Orgel seinen festlichen Abschluss.