«Beim Blick in die Bibel wird die politische Dimension des Christentums spürbar», stellte Pastoralraumleiter Simon Meier einleitend zu der vom Pastoralraum Region Brugg-Windisch organisierten Podiumsdiskussion fest. «Papst Franziskus sagt denn auch, dass es Kern der christlichen Botschaft sei, sich der Armen und Schwachen anzunehmen.» Darauf aber, dass das Thema der Diskussion – «Politik – Auftrag der Kirche?!» – kontroverse Ansichten wecken würde, deuteten bereits das Frage- und das Ausrufezeichen im Motto hin.

Das, so viel sei vorweggenommen, kam in der von Jürgen Heinze (Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-katholischen Kirche im Aargau) geleiteten Diskussion denn auch schon in den Eingangsstatements der Podiumsteilnehmerinnen und des Podiumsteilnehmers deutlich zum Ausdruck.

Was ist die Kirche?

«Kirche ist, im Unterschied zu Gewerkschaften oder Parteien, nicht einfach eine Interessensgruppe», betonte Béatrice Acklin Zimmermann (Theologin, Mitarbeiterin der Paulusakademie Zürich und Abgeordnete der FDP im Stadtparlament von Freiburg). Für Marianne Binder-Keller (Präsidentin der CVP Aargau und Grossrätin) «ist die Aufgabe der Kirche eine universelle. Die Kirche soll sich aus der Tagespolitik fernhalten.»

Für Carmen Frei (ehemalige Redaktorin beim katholischen Pfarrblatt «Horizonte») ist «die Kirche von heute nicht gestrig und bringt sich in Themen von heute ein». Und für Thomas Wallimann-Sasaki (Leiter von ethik22 Institut für Sozialethik Zürich, Präsident a.i. der Kommission Justitia et Pax und Landrat der Grünen im Kanton Nidwalden) ist die «Kirche immer politisch, sie ist nicht Partei, aber parteiisch.»

Wiev iel darfs denn sein?

Darüber, wo denn nun die Tagespolitik endet und die universellen Themen beginnen, gingen die Meinungen erwartungsgemäss auseinander. So fand es Béatrice Acklin Zimmermann «unmöglich», dass die Kirche, in der Person des damaligen Einsiedler Abts Martin Werlen, in der Frage der Liberalisierung der Öffnungszeiten der Tankstellenshops Stellung bezogen hatte. Damit habe sich die Kirche auf die Stufe der Gewerkschaften begeben. Thomas Wallimann-Sasaki wandte jedoch ein, dass durch Themen der Tagespolitik eben auch grössere, gewissermassen universelle Fragen angestossen würden.

Martin Werlens Stellungnahme zu den Tankstellenshops lieferte auch gleich eine Steilvorlage zur Frage der Deutungshoheit. «Natürlich sollen sich Vertreter der Kirche äussern», betonte Marianne Binder-Keller. «Aber ohne den Gültigkeitsanspruch des Klerus.» Selbstverständlich müsse die Kirche politisch sein, stellte Béatrice Acklin Zimmermann fest. «Ob politisch oder parteipolitisch sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe. Dass da, beispielsweise in bioethischen Fragen, ein Bischof kraft seines Amts eine Sonderposition einnimmt, geht nicht.»

Wie konkret darfs denn sein?

Es gehe um Werthaltungen, betonte Thomas Wallimann-Sasaki. «Wenn die Kirche dazu nichts zu sagen hat, soll sie nach Hause gehen.» Schweigen sei nicht die Lösung, so auch Carmen Frei. Eine Kirche, die sich nicht zu gesellschaftlichen Fragen äussere, laufe Gefahr, selbstherrlich zu werden. «Wir sind uns einig, dass es nicht um eine stille Kirche geht», stellte Béatrice Acklin Zimmermann fest. Sie kritisierte aber eine, wie sie sagte, «Verstärkerrolle» der Kirche und forderte: «Die Kirche muss selber Themen setzen.»

Die Kirche müsse möglichst breit sein, betonte Marianne Binder-Keller. «Die Kirche ist eine Gemeinschaft, welche die Botschaft verkündet, und sie soll für alle da sein.» Sie forderte eine klare Haltung der Kirche zu Werten und zur Würde des Menschen, beispielsweise in der Frage der Abtreibung. Der Auftrag der Kirche bestehe darin, Werte zu bewahren, aber auch Werte zu reflektieren. Wichtig sei, dass die Kirche Fragen aufwerfen würde. Die Kirche habe jedoch einen anderen Auftrag, als den, dem Zeitgeist nachzuleben. «Werte sind keine stehenden Grössen», gab Carmen Frei zu bedenken. «Es ist daher zentral, dass die Kirche mitmischelt.»

Die Sache auf den Punkt gebracht haben dürfte an diesem Dienstagabend in der anschliessenden offenen Diskussion, die sich stellenweise zu einem weiteren Podium zu entwickeln schien, eine Stimme aus dem Publikum mit der Frage: «Wer denn soll, wenn man die Politik anschaut, Werte vermitteln, wenn nicht die Kirche?»