Somit ist zu befürchten, dass von diesen Geschichten letztlich etwas an uns hängen bleibt, obwohl sie keiner Weise den wirklichen Tatsachen entsprochen haben.»

Das Kinderheim Brugg wurde in zwei Artikeln, die im «Blick» vom 29. und 30.November erschienen sind, massiv angeprangert. Von einem Gewalt-Skandal war die Rede. Von Kindern, die psychisch und physisch gequält würden, war die Rede und von Lehrkräften, denen die Hand ausgerutscht sei. Erhoben wurden die Vorwürfe von der Mutter eines 7-jährigen Buben aus Eiken, der in Brugg die Tagessonderschule besuchte, sowie von einem Vater aus Rothrist, dessen 10-jähriger Sohn und 6-jährige Tochter im Kinderheim leben.

In «Blick» und «Blick-Online» sind mittlerweile Gegendarstellungen zu den erwähnten Artikeln erschienen. Ungewohnt in Grösse und Platzierung und ohne Kommentar oder Bemerkung der Redaktion. Damit wurde der Inhalt der beiden Artikel zwischenzeitlich doch merklich abgeschwächt.

Vorkommnisse aufgearbeitet

Die zwei angeprangerten Vorkommnisse sind vom Kinderheim unmittelbar aufgearbeitet worden, nachdem sie passiert waren. Der Fall des 7-Jährigen datiert vom 4.November. Die Vorfälle, von denen die beiden Geschwister betroffen waren, haben sich bereits im Sommer ereignet.

Für das Vorgehen in ausserordentlichen Fällen gibt es im Kinderheim Brugg ein spezielles Organisationshandbuch: «Auch wir sind nicht gegen Fehler gefeit. Wenn sie passieren, werden sie offengelegt, nach exakten Regeln aufgearbeitet, besprochen und gelöst», sagt Rolf von Moos.

Nach dem «Blick»-Artikel von Ende November wurde unter Einbezug des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS) sowie der unabhängigen Kinderschutzgruppe des Kantonsspitals Baden erneut eine minuziöse Untersuchung zum Fall der beiden Geschwister eingeleitet, die körperlich und seelisch misshandelt worden sein sollen.

Die Kinderschutzgruppe Baden kam nach eingehender Untersuchung und Befragung des 6-jährigen Mädchens und des 10-jährigen Knaben zum Schluss, dass keinerlei Hinweise auf körperliche Misshandlung, mangelnde Betreuung und/oder mangelnde Aufsicht bestünden.

Die leichten Verletzungen der Kinder – ein Kratzer am Arm sowie eine aufgesprungene Lippe beim Knaben, vorübergehende Bauchschmerzen beim Mädchen – stammten von kleineren Rangeleien beim Spielen, wie sie in den besten Familien ab und zu vorkommen, erklärte die Fachstelle in ihrem Bericht.

Ersatz-Zuhause für Kinder

Im Wohnheim des Brugger Kinderheims leben zurzeit rund 40 Kinder in mehreren Wohngruppen zusammen. Rund 90 Prozent sind aufgrund eines behördlich angeordneten Obhutsentzuges eingewiesen worden und somit meist gegen den Willen ihrer Eltern. Gründe für eine solche Massnahme, die von der jeweils zuständigen Vormundschaftsbehörde angeordnet wird, können mangelnde Betreuung sein, aber auch Verwahrlosung und – nicht zuletzt – Gewalt in der Familie.

In der Tagessonderschule wiederum werden Kinder betreut, die in der Regelschule nicht tragbar sind. Das meist nicht wegen ihrer mangelnder Intelligenz, sondern primär wegen ihres auffälligen Verhaltens.

Auf Bahnhof ausgeflippt

Das war auch beim 7-jährigen Buben so. Er wurde von der Schulpflege nach Brugg eingewiesen. Weil es wegen seines hohen Aggressionspotenzials auch hier Probleme gab, wurde zusammen mit Schulpflege, Eltern und Kinder- und Jugendpsychiatrischem Dienst nach einer neuen Lösung gesucht. Noch bevor diese gefunden war, flippte der Bub auf dem Heimweg am Bahnhof völlig aus. Unter anderem ging er mit seinem Kickboard auf seine Betreuer los und bespuckte sie. Ein Betreuer hielt ihm daraufhin kurz den Mund zu.

Ob die auf einem «Blick»-Bild gezeigten Verletzungen davon stammen, ist offen. Die Eltern haben die Ärztin nicht von der Schweigepflicht entbunden, und so steht Aussage gegen Aussage. Von übermässiger Gewaltanwendung kann aber auch in diesem Fall keine Rede sein.