Digitale Kindererziehung
Kindererziehung kann auch per SMS und WhatsApp erfolgreich sein

Laut einer Studie fliegen Jugendliche auf WhatsApp. Mit der App steigt der Einfluss der Peer Group (gleichaltrige Bezugsgruppe) – und jener der Eltern nimmt ab. Das muss nicht sein, sagt Jürg Unger, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst in Königsfelden.

Elisabeth Feller
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Direkt kontrollieren können Eltern kaum, was ihr Kind online macht: Umso wichtiger wäre eine offene Gesprächskultur zu Hause. Keystone

Direkt kontrollieren können Eltern kaum, was ihr Kind online macht: Umso wichtiger wäre eine offene Gesprächskultur zu Hause. Keystone

Die Bezeichnung WhatsApp wirkt auf junge Menschen elektrisierend: Der Instant-Messagedienst ist in ihrem Leben fest verankert. Eine aktuelle Studie von jim&jim, Agentur für Jugend- und Studentenmarketing, zeigt, dass «dieser für 60 Prozent der 14- bis 25-Jährigen sogar die meistgenutzte Smartphone-App überhaupt ist».

Das bleibe nicht ohne Folgen, warnt Daniel Süss, Medienpsychologe der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, in einem Zeitungsbericht von «20Minuten». Durch die ständige Verfügbarkeit von WhatsApp steige der Einfluss der Peer Group; der permanente Austausch mit ihr fördere die Abkoppelung von den Eltern.

Jürg Unger, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst (KJPD) der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), ist anderer Ansicht: «Nur wenn die Eltern nicht lernen, selbst mittels neuer Medien zu kommunizieren, muss Süss Recht gegeben werden.» Unger empfiehlt, «die neuen Medien aktiv einzusetzen, um den Kindern auf diesem Weg Dinge zu sagen, die bei einer direkten Kommunikation nicht ankommen würden».

WhatsApp-Gruppe für die Familie

Der Chefarzt kann sich gut vorstellen, dass die Mitglieder einer Familie gemeinsam eine WhatsApp-Gruppe einrichten. Dadurch werde ein Gegengewicht zur Kommunikation mit den Gleichaltrigen geschaffen.

Generell, so Unger, mache eine isolierte Betrachtung von WhatsApp wenig Sinn. Weshalb? «Wenn unsere Jugend auf die Smartphones schaut, so kommuniziert sie im flinken Wechsel in Facebook, WhatsApp, Twitter oder bereits einem neuen sozialen Medium, das gerade am Aufkommen ist.»

Fällt es Jugendlichen denn leichter, sich zeitlich unabhängiger in elektronischen Medien mitzuteilen, als sich mündlich mit den Eltern auszutauschen? Da die Kommunikation sich verändere, «müssen unsere Kinder dafür fit sein», sagt Unger und betont: «Wir müssen sie dazu auch befähigen. Dies erreicht man am besten im gemeinsamen Medienkonsum, den man zusammen reflektiert.»

Im Übrigen habe sich noch jede Elterngeneration Sorgen im Hinblick auf neue Kommunikationsmittel gemacht, die der Jugend zur Verfügung stünden. «Beim TV und Internet haben wir gelernt, dass der Fortschritt nicht aufhaltbar ist.

Verbannten wir das Medium aus unseren Häusern, konsumierten es unsere Kinder bei den Kollegen zu Hause. Aber dann hatten wir keinen Einfluss auf das Was und Wieviel.»

Müssen Eltern eigentlich ebenfalls in all jenen sozialen Medien derart präsent sein, wo es ihre Kinder sind? Jürg Unger findet, «je jünger die Kinder sind, desto eher ja. Jüngeren Kindern darf man aber auch einzelne Medien verbieten und mit ihnen zusammen lernen, mit einem ersten Medium umzugehen».

Werden die Kinder älter, gehöre es zur normalen Entwicklung, dass sie sich von den Eltern abgrenzen wollen. «Dann sollen sich Eltern aus einzelnen Medien zurückziehen. Sonst werden sie von ihren jugendlichen Kindern als peinlich oder ätzend erlebt.

Die Jugendlichen werden in immer neue Medien getrieben, wo die Eltern noch nicht angekommen sind.» Fazit: An eine Verkümmerung der Gesprächskultur zwischen Eltern und ihren Kindern durch die Kommunikation mit WhatsApp glaubt Unger nicht: «Die junge Generation ist gewohnt, sich in den elektronischen Medien mitzuteilen. Diese Chance sollen die Eltern nutzen, um Dinge zu erfahren, die sie sonst verpassen würden.»

Der Chefarzt verweist auf den KJPD: «Am Anfang unserer Untersuchungen setzen wir das Internet basierte Fragesystem DAWBA ein. Gerade die Jugendlichen, aber auch Eltern oder Lehrer, kommunizieren darin sehr offen. Oft offener, als wir es im Gespräch erwarten würden.»

Für Jürg Unger steht aber fest, dass Jugendliche auch lernen sollen, offline zu sein: «Die Familie setzt sich zum Ziel, während gemeinsamer Mahlzeiten die Smartphones beiseitezulegen und auf die Nachrichtentöne nicht zu reagieren. So haben alle Zeit, ganz altmodisch miteinander zu sprechen. Dies bleibt noch immer die beste Eltern-Kind-Kommunikationsform.»