Birr
Kiffer kriegen im Neuhof keinen Lehrvertrag

Das Berufsbildungsheim Neuhof dient der sozialen und beruflichen Integration von männlichen Jugendlichen. Gesamtleiter Daniel Büchi sagt, wie das Berufsbildungsheim mit Drögelern umgeht.

Claudia Meier
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Das Sortiment in der neuen Gärtnerei bereitet Gesamtleiter Daniel Büchi Freude.

Das Sortiment in der neuen Gärtnerei bereitet Gesamtleiter Daniel Büchi Freude.

Claudia Meier (cm)

Es herrscht Hochbetrieb im Berufsbildungsheim Neuhof in Birr. In den Treibhäusern kümmert sich der neue Gärtner Hans Jörg Schillinger zusammen mit drei Jugendlichen und einer Mitarbeiterin um Tausende von Setzlingen in Bioqualität. In der Malerei, Schreinerei, Gastronomie und Landwirtschaft sowie im Metallbau bereiten sich die jungen Männer nicht nur auf die Frühlingsausstellung vom Wochenende vor, sondern einige von ihnen auch intensiv auf die bevorstehende Lehrabschlussprüfung.

Vor einem Jahr schloss der damals 19-jährige Alessandro Jakob stolz seine Lehre zum Schreinerpraktiker ab. Er sagte damals im Gespräch mit der Aargauer Zeitung: «Viele hier haben Drogenprobleme, wenn du selber keine Drogen nimmst, ist es schwierig, zu widerstehen.» Mittlerweile lebt Jakob nicht mehr im Neuhof. Er will seinem Traumberuf näher kommen und bildet sich zum Lastwagenchauffeur weiter.

Auszeit bei Bauernfamilie

Wie geht der Neuhof mit dem Drogenthema um? Und wie gross ist dieses Problem wirklich? Die beiden Männer, die das wissen müssen, sind Daniel Büchi, seit zwei Jahren Gesamtleiter, sowie Toni Birkle, Bereichsleiter Sozialpädagogik und seit 18 Jahren im Neuhof tätig. «Vermutlich haben wir genauso viele Drogenprobleme wie auf einem normalen Schulhof», sagt Gesamtleiter Büchi. Das interkantonal tätige Berufsbildungsheim bietet Platz für 40 junge Männer im Alter von 14 bis 22 Jahre, die auf ihre Schwierigkeiten mit abweichendem Verhalten reagieren. Harte Drogen sind für den Neuhof ein Ausschlusskriterium.

Frühlingsausstellung mit Tomatenfestival

Das Berufsbildungsheim Neuhof ist ein Werk der Schweizerischen Pestalozzi-stiftung. Es dient der sozialen und beruflichen Integration von männlichen Jugendlichen. Am Samstag und Sonntag, 28. und 29. April, von 10 bis 17 Uhr findet die bekannte Frühlingsausstellung statt.

Die neue Gärtnerei bietet Setzlinge in Bioqualität, zum Beispiel über 70 Tomatensorten. Viele dürfen das Gütesiegel der Pro Specie Rara tragen. Neben Gewerbeausstellung und Festbetrieb wird der öffentlich zugängliche Naturspielplatz mit Feuerstelle eingeweiht. (CM)

Die Jugendlichen werden kontrolliert. «Auch wer regelmässig kifft, bekommt sicher keinen Lehrvertrag. Und wer während der Lehre Drogen konsumiert, muss die Konsequenzen tragen und hat auf keinen Fall Zugang zu Maschinen. Dann hobelt ein Schreiner-Lehrling eben von Hand», betont der 50-jährige Gesamtleiter. Toni Birkle ergänzt: «Die meisten Klienten, die bei uns leben, sind kognitiv eingeschränkt. Da mag es erst recht keine Drogen leiden.»

Dem 53-jährigen Bereichsleiter Sozialpädagogik ist es sehr wichtig, dass die Männer ihre Probleme anerkennen und lernen, im Alltag damit zu leben. Das heisst auch: Sobald sich bei einem Klienten ein Drogenproblem manifestiert, schickt ihn der Neuhof für eine Auszeit zu einer Bauernfamilie in der Deutschschweiz bis er sauber ist, und/oder arbeitet therapeutisch mit einem forensischen Institut zusammen. Voraussetzung ist immer, dass der Jugendliche von den Drogen wegkommen will und weiss, welche Auswirkungen der Konsum auf seine Ausbildung hat. Wer selbst nach Verwarnungen nicht kooperiert, muss das Berufsbildungsheim verlassen.

So erging es beispielsweise drei Jugendlichen, die vor etwas über einem Monat im Neuhof lebten. «Sie dealten und konsumierten harte Drogen, vor allem synthetische. Ihr Aufenthalt sorgte für viel Unruhe bei uns und störte das Arbeitsklima», erzählt Toni Birkle. Nach deren Austritt habe sich die Situation merklich entspannt. «Dealer zeigen wir an», betont Daniel Büchi.

«Jugendliche sind überfordert»

Ein viel grösseres Problem als das Kiffen ist laut Birkle die Handy-Sucht. Der Handy-Entzug ist deshalb auch eine Sanktionsmethode. Wer am Morgen verpennt, muss für die nächste Nacht das Mobiltelefon abgeben. Während der Arbeit oder dem Essen, bleibt das Handy im Zimmer oder muss auf lautlos gestellt werden. «Die Klienten wissen ohne Handy nichts mit sich anzufangen. Die meisten Jugendlichen sind mit den unzähligen Konsumangeboten in der Freizeit komplett überfordert und hängen am liebsten herum. Man muss sie manchmal fast zum Glück zwingen und motivieren, in den Wald zu gehen oder an einer Intensivwanderwoche mit Zelt teilzunehmen, damit sie auf andere Gedanken kommen», stellt der Bereichsleiter Sozialpädagogik fest.

Nach widerwilliger Teilnahme kehren sie oft glücklich von solchen Exkursionen zurück. Denn einige hatten solche Erfahrungen mit ihrer privaten Bezugsperson gar nie gemacht. Die Neuhof-Mitarbeiter setzen – möglichst unter Einbezug der Eltern oder Bezugsperson – alles daran, dass die Jugendlichen lernen, für sich Verantwortung zu übernehmen.

Einige Klienten kommen aus zerrütteten Familien und erfahren im Neuhof vielleicht zum ersten Mal von ihrem Ausbildungsleiter echte Wertschätzung, wenn sie sich Mühe geben oder eine Arbeit besonders gut gelingt. «Einen Berggipfel zu besteigen, Schritt um Schritt, ist ein Erfolgserlebnis und für das persönliche Glück bedeutend nachhaltiger, als schnell und auf billige Art Drogen zu konsumieren, die man mit kleinem Aufwand erworben hat», fasst Birkle die tägliche Herausforderung zusammen.

Das Team will deshalb für jeden Jugendlichen ein massgeschneidertes Konzept entwickeln. Die Institution verfügt über ein Jahresbudget von 10 Millionen Franken. Der Aufenthalt eines Jugendlichen kostet pro Monat rund 15'000 Franken im Neuhof. Ist er in der Ausbildung produktiv tätig, belaufen sich die monatlichen Kosten auf zirka 10'000 Franken.