Birr
«Keine geschützte Oase»: Hier finden schwierige Jugendliche ins Berufsleben

Im Berufsbildungsheim Neuhof in Birr werden Jugendliche eingewiesen, um sie in die Arbeitswelt zu integrieren. Sie brauchen spezielle pädagogische Massnahmen, wie Gesamtleiter Jörg Scheibler ausführt. Oft bringen sie einen grossen Schulfrust mit.

Elisabeth Feller
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Jörg Scheibler auf dem Gelände des Neuhofs: Hier hat schon Pestalozzi gewirkt.

Jörg Scheibler auf dem Gelände des Neuhofs: Hier hat schon Pestalozzi gewirkt.

Chris Iseli

Welch ein idyllischer Fleck. Die Wiesen sind mit Blumen übersät; die mächtigen Bäume verheissen Schatten; die herrschaftlich anmutenden Häuser erscheinen im blendenden Sonnenlicht noch weisser als sonst schon.

Das ist der Neuhof – eine Institution, die mit Birr unverbrüchlich verbunden ist. Hier, in dieser Gemeinde und im heutigen Neuhof, hat der grosse Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi einst gewirkt; hier befindet sich das Berufsbildungsheim, das 2014 seinen 100. Geburtstag unter dem von Pestalozzi entlehnten Motto «100 Jahre mit Kopf, Herz und Hand» feiert. Vom frühlingshaften Umfeld ins nüchternere Innere, zur Cafeteria: Dort erwartet uns Jörg Scheibler, Gesamtleiter des Neuhofs.

Jörg Scheibler, der Neuhof in Birr feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die fragen: Welche Funktion hat diese traditionsreiche Institution?

Jörg Scheibler: Sie ist ein interkantonales Berufsbildungsheim ...

Jörg Scheibler: Zur Person

Der 53-jährige Jörg Scheibler aus Oftringen leitet seit 2009 das Berufsbildungsheim Neuhof in Birr. Er absolvierte nach der Schule eine Kochlehre in der Westschweiz. Anschliessend war er zwei Jahre in verschiedenen Saison-Betrieben in der Schweiz tätig, bevor er 1983 nach Australien auswanderte, wo er während sieben Jahren als Koch arbeitete. Hier heiratete er eine Wienerin und gründete mit ihr eine Familie.

1990 kam er zurück in die Schweiz und arbeitete während sieben Jahren als Sozialpädagoge im Jugendheim Aarburg. Danach war er elf Jahre lang Bereichsleiter Wohnen im Arbeitszentrum für Behinderte in Strengelbach. Zu Jörg Scheiblers Ausbildungen gehört u.a. ein CAS (heute: Master) in Human Ressource Management. (AZ)

... und ein Werk der Schweizerischen Pestalozzistiftung?

Ja. Der Neuhof nimmt 40 männliche Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren auf, die straf- oder zivilrechtlich hierher eingewiesen werden. Oft genug haben diese Menschen eine lange, von sehr vielen Faktoren beeinflusste Geschichte hinter sich.

Was heisst das genau?

Die jungen Menschen reagieren auf Schwierigkeiten mit abweichendem Verhalten. Anders gesagt: Sie wollen oder können auf den von ihrem Umfeld – etwa Familie, Schule oder Lehrbetrieb – ausgeübten pädagogischen Einfluss nicht mehr eingehen. Dadurch verlieren sie den Halt ...

... und brauchen deshalb spezielle pädagogische Massnahmen?

Richtig. Unser primäres Ziel ist die Unterstützung der Jugendlichen bei ihrer beruflichen und sozialen Integration.

Welche Jugendlichen leben und arbeiten im Neuhof?

Ein grosser Teil der jungen Männer wird fürsorglich eingewiesen. Die wenigsten haben eine gravierende Straftat begangen. Meistens handelt es sich um kleinere Delikte wie zum Beispiel Diebstähle oder Vandalismus.

Kommen auch schulische Probleme hinzu?

Ja. Wir stellen immer wieder fest: Stossen Jugendliche zu uns, haben viele von ihnen einen massiven Schulfrust.

Was tun Sie, damit sie diesen überwinden können?

Tritt ein Jugendlicher bei uns ein, ist unser erster Schritt: Wir erfassen seinen Lernstand. Wir wollen erfahren: Wo steht der Jugendliche? Wo hat er bestimmte Kompetenzen, die sich entwickeln lassen.

Neuhof Birr: Gründer war Johann Heinrich Pestalozzi

Auf dem Lande wollte er leben und seine Felder bestellen: Das plante der Stadtzürcher Johann Heinrich Pestalozzi, als er - 25-jährig - 1771 mit seiner Frau Anna in den «Neuhof» in Birr einzog. Dort nahm Pestalozzi arme Kinder auf, leitete sie zu praktischem Werk an und lehrte sie. 1799 verliess er den Neuhof und kehrte erst 1825 zurück. - Viele Male wechselte das Landgut den Besitzer.

Eine Gruppe von Persönlichkeiten brachte dann den Plan «Stiftung einer landwirtschaftlich-gewerblichen Kolonie zur Erziehung und Berufslehre für Knaben, für die sich besondere Erziehungsmassnahmen als notwendig erweisen» vor Volk und Behörden. Am 12. Januar 1914 wurde der erste Heimbetrieb aufgenommen. Man liess sich von Pestalozzi leiten, indem man auf dem Neuhof Bedingungen schuf, die den Jugendlichen nicht nur existenzielle Sicherheit bot, sondern Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffneten. (AZ)

Was ist, wenn sich ein Jugendlicher der Schule gegenüber verweigert hat; er deshalb – salopp gesagt – gar nichts kann.

Ich bin überzeugt: Jeder hat seine Kompetenz. Aber viele Jugendliche wissen gar nicht, was sie überhaupt können. Also versuchen wir, das herauszufinden und sie dementsprechend zu fördern, damit sie im Berufsleben Tritt fassen können. Unser Ziel muss es sein, dass sie zumindest eine Attest-Ausbildung absolvieren können.

Der Neuhof Birr führt in seinem Angebot die Berufsvorbereitung. Was kann man sich darunter vorstellen?

Im Rahmen der Berufsvorbereitung führen wir die jungen Männer mittels eines differenzierten Berufsfindungsprozesses zur Berufswahlreife – und das, indem wir Berufsberatung, Schnuppereinsätze sowie allenfalls eine Vorlehre einbeziehen. Mit der Berufsvorbereitung kann ein Jugendlicher zu jeder Zeit starten; die Berufslehre wiederum beginnt stets im Sommer.

Das Heim bietet neben der erwähnten Berufsvorbereitung weitere Ausbildungsbereiche an ...

... ja, Lehren zum Maler, Metallbauer, Schreiner, Landschaftsgärtner, Florist, Landwirt und Koch.

Jugendliche können bei Ihnen eine Lehre absolvieren. Das bedeutet?

Dass der Lehrabschluss mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis oder einem Berufsattest-Ausweis belegt wird. Ergo mit demselben Diplom wie jeder andere Lernende in der Schweiz.

Gibt es denn auch eine interne Berufsschule?

(Lacht) Ja. Ich sage oft: Wir sind die kleinste Berufsschule im Kanton Aargau. In Kleinklassen findet bei uns der allgemeinbildende und berufskundliche Unterricht statt.

Was ist mit dem sonderpädagogisch ausgerichteten Schulangebot?

Dazu zählen auch Schulsport, Deutsch-Zusatz-Stunden, Förderunterricht und Aufgabenhilfe. Überdies besuchen unsere Berufslernenden die externen, berufsspezifischen Einführungskurse.

Finden die Lehrabschlussprüfungen eigentlich im Neuhof statt?

Nein – stets extern. Wir arbeiten übrigens intensiv mit den externen Berufsschulen zusammen. Entwickelt ein Jugendlicher Kompetenz und gelingt es ihm dadurch, in der öffentlichen Berufsschule mitzuhalten – dann ist ein Übertritt in die externe Berufsschule möglich. Ein Beispiel: Bei vierjährigen Lehren zum Schreiner und Metallbauer erfolgt in den meisten Fällen ein Übertritt in die externe Berufsschule ab dem dritten Lehrjahr.

Gibt es auch externe Praktika in Betrieben ausserhalb des Neuhofs?

Ja. Und zwar stets in der zweiten Hälfte der Lehrzeit. Zusätzlich bieten wir in solchen Fällen noch zusätzlich einen internen Stützunterricht an. Im individuellen Fall kommt es zudem vor, dass ein Eintritt in die öffentliche Berufsschule bereits bei Lehrbeginn möglich ist.

Sie bieten den Jugendlichen eine klare Struktur mit geregelter Arbeits- und Freizeit. Das hört sich nach einer Oase an.

Ist es aber nicht. Ich betone: Wir wollen keine geschützte Oase sein. Die Integration in die reale Arbeitswelt geniesst bei uns einen sehr hohen Stellenwert. Nur so gelingt es, den Jugendlichen nach einem erfolgreichen Lehrabschluss in die Arbeitswelt zu integrieren.

Der Neuhof ist aber nicht nur ein Berufs-, sondern auch ein Justizheim.

Genau. Und das bedeutet, dass er an 365 Tagen pro Jahr während 24 Stunden in Betrieb ist. 75 Mitarbeitende, die 56 Vollzeitstellen besetzen, sind für die Jugendlichen da.

Nach der Lehrzeit sind die jungen Männer dann ganz auf sich gestellt. Wie nachhaltig ist das, was sie im Neuhof gelernt haben?

Nachhaltig? Wann ist eine Integration erfolgreich? Das lässt sich nicht messen. Wir lassen die Jugendlichen nach der Prüfung nicht allein: Wir überprüfen ihr Arbeitsumfeld und die Wohnsituation.

Was nimmt sich der Neuhof in Zukunft vor?

Wir haben keine grossen Visionen. Wir wollen schlicht dies: der Berufsbildung treu bleiben. Wir müssen gewillt sein, jeden Tag neu zu beginnen und das heisst für uns: Wo und wie holen wir die Jugendlichen ab? Darin liegt für uns die grösste Herausforderung.

Tag der offenen Tür Neuhof, Pestalozzistrasse 100, Birr: Sa, 26. April, 10–17 Uhr

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