Brugg
Keine Ferien, kein Kaffee auswärts: Leben mit dem Minimaleinkommen

Eine alleinerziehende Mutter erzählt, wie sich ihre finanzielle Notlage auf ihr Leben auswirkt. Bei der Institution «Tischlein deck dich» kann sie Lebensmittel mitnehmen. Am meisten Sorgen macht sie sich über die Zukunft ihrer Kinder.

Meret Radi
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Die Institution «Tischlein deck dich» verteilt schweizweit Lebensmittelspenden an 13750 Armutsbetroffene.

Die Institution «Tischlein deck dich» verteilt schweizweit Lebensmittelspenden an 13750 Armutsbetroffene.

Pascal Meier

Bananen, Salat, Gewürze und Mini-Pizzas - das ist die Ausbeute von Angela Frei*. Es ist Mittwochnachmittag und sie kommt gerade von der Lebensmittel-Abgabestelle «Tischlein deck dich» in Brugg.

In der Schweiz waren im Jahr 2012 rund 590 000 Personen von Armut betroffen, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Alleinerziehende gehören – wie in den Vorjahren – zu einer der Risikogruppen: Alleinerziehende Elternteile weisen eine Armutsquote von 16,5% auf.

Die durchschnittliche Armutsgrenze liegt im gleichen Jahr bei rund 2200 Franken pro Monat für eine Einzelperson. Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern nennt das Bundesamt für Statistik einen Betrag von 4050 Franken.

Kein Wocheneinkauf

Frei befindet sich seit der Scheidung von ihrem Mann in einer finanziellen Notlage. «Er will oder kann nicht mehr zahlen», erklärt sie knapp. Sie lebt zusammen mit ihren drei Kindern im Bezirk Brugg. Einmal pro Woche besucht sie das «Tischlein deck dich». «Ich bin froh, dass es diese Institution gibt», sagt sie und fügt hinzu: «Sie schont das Budget.»

Aber man soll sich keine Illusionen machen, der Besuch beim «Tischlein deck dich» sei nicht vergleichbar mit einem Wocheneinkauf. «Das Angebot ist begrenzt. Es hat einfach, was es hat», erklärt sie. In welcher Reihenfolge die Kunden den Laden betreten dürfen, wird ausgelost. Nur wer eine «Tischlein deck dich»-Bezugskarte hat, erhält an der Abgabestelle Lebensmittel. Die Gemeinde hat Frei auf «Tischlein deck dich» aufmerksam gemacht.

Was ist «Tischlein deck dich»?

Die Organisation erreicht pro Woche schweizweit 13 750 Armutsbetroffene. Gegen Vorzeigen einer Karte und einen symbolischen Betrag von 1 Franken geben die 93 Abgabestellen Nahrungsmittel ab. Die Lebensmittelspenden stammen von über 800 Supermärkten und anderen Betrieben der Lebensmittelbranche. Die abgegebenen Produkte weisen beispielsweise leichte Verpackungsschäden auf oder nähern sich dem Verfallsdatum und können somit nicht mehr regulär verkauft werden. Der Verein «Tischlein deck dich» wurde 1999 gegründet und ist ausschliesslich spendenfinanziert. Mehr Infos auf: www.tischlein.ch

Nicht jedes Angebot für Menschen, die sich in finanzieller Not befinden, sei für die Familie gleichermassen wertvoll. Frei war von den Kleiderläden für Armutsbetroffene enttäuscht: «Dort werden Kleider abgegeben, die nicht mal mehr ich in die Kleidersammlung geben würde. Und ich bin auf keinen Fall wählerisch.» Spezielle Strategien, um Ausgaben einzusparen, hat die alleinerziehende Mutter nicht: «Aber logischerweise kaufe ich keine Markenturnschuhe, sondern immer das billigste Paar.»

Frei geht mit ihrem Minimaleinkommen offen um: «Es bringt nichts, wenn ich jemand zu sein versuche, der ich nicht bin.» Das Treffen mit einer Freundin in einem Café muss sie ablehnen. Sie versucht dann aber nicht den Grund zu verstecken, sondern gibt offen zu: «Das Geld für den Kaffee auswärts liegt bei mir einfach nicht drin.»

Die Mutter geht grundsätzlich nie aus, da das Budget der vierköpfigen Familie dies nicht verkrafte. Für Schulreisen oder Ähnliches erhält die Familie keine Unterstützung der Schule. Frei muss sich aktiv bei der Gemeinde bemühen, um ihren Kindern die Ausflüge zu ermöglichen. Obwohl die Familie sehr bescheiden leben muss, fühle sie sich nie von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Weihnachtszeit als Herausforderung

Auch die drei Kinder haben gelernt, mit der Situation umzugehen, sagt Frei. «Sie wissen, dass wir uns einschränken müssen. Sie pochen nicht auf Markenartikel oder Ferien.» Die Familie fahre nie in den Urlaub, so Frei. «Obschon das Geld knapp ist, erhalten die Kinder Geburtstagsgeschenke», sagt die dreifache Mutter.

Sie gesteht, dass die Weihnachtszeit finanziell immer eine Herausforderung sei: «Diese Zeit ist schwer, weil die Kinder immer älter und die Wünsche immer teurer werden. Aber ich stecke für mich persönlich alles zurück, um meinen Kindern vieles zu ermöglichen.»

Solange es den Kindern gut gehe, macht sich die Mutter keine Sorgen um die Zukunft: «Trotz der finanziellen Einschränkungen sollen meinen Kindern alle Möglichkeiten für die Ausbildung offen stehen. Ich versuche alles, um ihnen das Leben zu erleichtern.»

*Name der Redaktion bekannt