Früher, im Alter von sieben Jahren, glaubte ich doch tatsächlich noch fest daran, ich müsste einmal ein Austauschjahr auf der Hütte vom Samichlaus absolvieren, um für meinen angestellten Blödsinn Busse zu tun. Zum guten Glück kam unsere Mutter irgendwie auf die schlecht durchdachte Idee, meinen Onkel als Samichlaus anzustellen. Mit seiner eher kleineren, schmalen Statur glich er dem heiligen Nikolaus nur begrenzt. Natürlich war da noch die markante Stimme und das Auto vor der Haustür, mit dem der angebliche Samichlaus nach dem Besuch wieder davonraste. Dies bestätigte mir, dass ich in Zukunft wohl keine Angst mehr vor dem Samichlaus haben muss.

Keine zehn Jahre später wurde ich Leiter in der Jungwacht Windisch, die mittlerweile seit knapp 50 Jahren die Tradition des heiligen Niklaus von Myra in der Region aufrechterhält. Ich bekam also Gelegenheit, es besser zu machen als mein Onkel. In diesen Tagen gehe ich auf weitere Touren. Inzwischen bin ich seit fünf Jahren als Schmutzli unterwegs. Per Whatsapp bekomme ich und der zweite Schmutzli vom Samichlaus, bei uns in der Jungwacht auch Trabi genannt, die genauen Anweisungen, wann wir fertig eingekleidet und geschminkt sein müssen.

Gegen fünf Uhr am späten Nachmittag sind alle startklar. Es kann losgehen. Leider ohne Esel, dafür mit einem Fiat Doblo. Den ersten Halt machen wir in Unterwindisch. Wir parken in weiter Ferne, cleverer als damals mein Onkel. Wir machen uns bereit für den ersten Besuch. Ich darf den Jutesack und die Glocke nehmen und mein Schmutzli-Partner das dicke Buch und die Öllampe. Als Träger des Jutesacks habe ich die Ehre, jeweils im Voraus bei den Häusern die von den Eltern bereitgestellten Geschenke einzusammeln. Dies hat in der Vergangenheit schon zu vielen Suchaktionen geführt.

Wir betreten die gute Stube der ersten Familie mit einem vierjährigen Jungen. Dieser hat sichtlich grossen Respekt vor uns. Er umklammert seinen Vater fest. Unser Samichlaus begrüsst ihn und erklärt: «Bei dem heutigen Autoverkehr hat der Esel zu grosse Angst, um mitzukommen.» Der Junge nickt. Anschliessend klappt der Samichlaus das allwissende Buch auf und erzählt dem Jungen, was er im vergangenen Jahr gut und schlecht gemacht hat. Am Ende nuschelt der Junge mithilfe der Mutter ein «Sprüchli» vor und erhält dafür das Geschenk und ein paar Leckereien aus dem Jutesack.

Kurz darauf verabschieden wir uns bei der Familie und erhalten ein Kuvert mit einem Geldbeitrag, über den die Eltern selber bestimmen können. Auf der Autofahrt zur nächsten Familie sieht man so einige Autofahrer, die ganz verdutzt zu uns rüberschauen. Ein köstlicher Anblick.

Nie mehr miteinander streiten

Bei der nächsten Familie treffen wir auf drei Mädchen. Eine davon ist noch zu klein, um genau zu realisieren, was die drei komischen Gestalten, insbesondere der mit dem weissen Bart von ihr möchten. Die älteren zwei Schwestern wissen jedoch genau, was sie erwartet. Sie versprechen dem Samichlaus hoch und heilig, dass sie nie mehr miteinander streiten werden. Beim Vortragen des «Sprüchli» fängt das jüngere, sechsjährige Mädchen an zu weinen. Für sie ist es ein wenig zu viel. Ich frage mich in solchen Momenten oft, ob ich nicht zu böse geschaut habe. Ich hoffe nicht.

Wir müssen weiter, es wartet bereits die nächste Familie in Brugg bei der wir auf einen nervösen fünfjährigen Jungen treffen. Er kann sich nur schlecht stillhalten auf dem Sofa. Die Grossmutter ermahnt ihn mehrmals, dass er sich benehmen solle, ansonsten komme er in den Sack. Das ist noch alte Schule, denke ich mir. Denn solche Drohungen hört man von den Eltern kaum noch.

In Remigen treffen wir die letzte Familie auf unserer Tour. Besonders auffällig ist der zweitälteste Junge, der mit seinen sieben Jahren vorlauter als die drei Jahre ältere Schwester ist. Mit dem Spruch: «Samichlaus du Garteschluch, säg dis Versli sälber uf» bringt er unseren Samichlaus etwas in Verlegenheit. Gut, dass er auch ein zweites seriöses «Sprüchli» kann, sodass wir unsere Aufgabe weiterhin ernst nehmen können. Es wartet noch viel Arbeit auf uns.