Königsfelden
Karl J. gelang die Flucht aus der Klinik offenbar unbemerkt

Wie lange der flüchtige 52-Jährige und der andere, bereits erwischte Ausbrecher bereits auf der Flucht waren, bis die Polizei alarmiert wurde, ist unklar.

Noemi Lea Landolt
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Dieser 52-Jährige floh aus der psychiatrischen Klink Königsfelden.

Dieser 52-Jährige floh aus der psychiatrischen Klink Königsfelden.

HO/Dominic Kobelt

Seit Mittwoch fahndet die Polizei nach Karl J. Der 52-Jährige aus dem Kanton Solothurn, der 2013 seinen Bruder mit einer Schrotflinte erschoss, ist zusammen mit einem weiteren Patienten aus der geschlossenen Forensischen Abteilung der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch entwichen.

Während die Polizei einen der Ausbrecher am Mittwochvormittag in einem Nachbarkanton anhalten konnte, fehlte von Karl J. bis Donnerstagabend jede Spur. «Der Stand der Ermittlungen ist derselbe wie am Mittwochabend», sagt Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. Auf den Fahndungsaufruf habe es bisher keine Resonanz gegeben. «Wo sich Karl J. aufhält, ist nach wie vor unbekannt. Die Fahndung läuft weiter.» Wer Angaben zum Aufenthaltsort des Flüchtigen machen kann, wird gebeten, sich über den Polizeinotruf 117 zu melden.

Hatten die beiden Hilfe?

Die Ermittler seien nun daran, die Umstände der Flucht abzuklären, sagt Pfister. Also zum Beispiel, ob die zwei Ausbrecher bei ihrer Flucht auf Unterstützung Dritter zählen konnten. Pfister sagt, die beiden seien «offenbar unbemerkt» aus der Klinik geflohen. Wie lange sie bereits nicht mehr auf der Abteilung waren, als die Kantonspolizei am Mittwochmorgen um 5.10 Uhr alarmiert wurde, sei noch offen.

Die PDAG beantworteten «wegen der laufenden Untersuchungen» auch gestern keine fallbezogenen Fragen. Dass die Patienten gemäss Polizei «offenbar unbemerkt» fliehen konnten, kommentiert Peter Wermuth, Chefarzt und Leiter der Klinik für Forensische Psychiatrie, nicht.

Ist das Sicherheitsnetz sicher?

Im Mai 2016 brach Kris V. aus der Psychiatrie in Windisch aus. Der verurteilte Mörder hatte mit einem Werkzeug das Sicherheitsnetz vor dem Balkon geöffnet und sich abgeseilt. Er ist nicht der Einzige, dem so die Flucht aus der Klinik gelang. Am 11. Dezember 2017 hätten sich zwei Beschuldigte wegen Sachbeschädigung vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten müssen. Auch sie sollen aus der Psychiatrie ausgebüxt sein, indem sie das Sicherheitsnetz durchschnitten haben. Zu einem Urteil ist es noch nicht gekommen. «Die Verhandlungen mussten abgesagt werden», sagt Christoph Darioli, Mediensprecher beim Bezirksgericht Brugg. Ein neuer Termin stehe noch nicht fest.

Dass das Sicherheitsnetz also mindestens zweimal geöffnet wurde, wirft die Frage auf, wie Patienten in einer geschlossenen Abteilung an Werkzeuge kommen, mit deren Hilfe sie das Netz überwinden können. Chefarzt Wermuth sagt dazu: «Auf den Stationen haben die Patienten keinen Zugriff auf Werkzeuge.» In der Ergo- und Arbeitstherapie hingegen würden Werkzeuge verwendet. «Es wird aber streng kontrolliert, dass diese nicht auf die Station gelangen.» Auf den Balkon, wo das Sicherheitsnetz angebracht ist, dürfen Patienten nur in Begleitung.

Gibt es ein Gewaltproblem?

In der Nacht auf Mittwoch hatten auf der Akutstation zwei Pflegefachpersonen gearbeitet. Das sei Standard, sagt Wermuth. Die Mitarbeitenden sind während der Nacht für 15 Personen – so viele Betten hat es auf der Station – zuständig. Hinzu kommen zwei Betten für Notfälle. Bei Patienten, die aus Gefängnissen mit einer schweren psychischen Störung nach Königsfelden verlegt werden, sei im Notfall immer Sicherheitspersonal mit auf der Station, sagte Wermuth gegenüber dem Fernsehsender Tele M1 (siehe Video). Ob in der Nacht der Flucht Sicherheitspersonal vor Ort war, sagt der Chefarzt nicht.

Die Nächte in der Klinik sind nicht immer friedlich. Letztes Jahr berichtete die AZ, dass die Polizei immer häufiger nach Königsfelden ausrücken muss. Etwa 100-mal pro Jahr – manchmal mehrmals in einer Nacht. Die Polizei wird zum Beispiel alarmiert, wenn ein Patient aggressiv wird oder beginnt, die Einrichtung zu demolieren und dadurch die Mitarbeitenden gefährdet. Im Oktober 2017 sagte Wolfram Kawohl, Chefarzt Psychiatrie, gegenüber der AZ, die PDAG arbeite intensiv an einem Konzept zur Reduktion von Gewalt. Den PDAG entstehen durch die Polizeieinsätze keine Kosten.