«Meine Eltern mussten mich in dieser Zeit ernähren, sonst wäre ich nicht zum Essen gekommen», witzelt Andrin Rehmann. Wie viele seiner Leidensgenossen ist der 19-Jährige gerade dabei, seine Maturaarbeit zu schreiben. Während einige erst mit der Ideensuche beginnen, wenn das letzte Jahr ihrer Schulzeit anbricht, war für Rehmann bereits vor drei Jahren klar, was seine Arbeit sein wird: interaktive und audiovisuelle Videoinstallation.

Für Laien etwas einfacher ausgedrückt: Der Kantischüler entwickelte ein eigenes Programm mit einem bestimmten Algorhithmus, der aus einer beliebigen Playlist erkennt, wann das jeweilige Lied anfängt und wann es aufhört. Dabei lässt das Programm, passend zur Musik, virtuelle Figuren, die er wiederum selbst programmiert hat, über einen Bildschirm laufen.

So entstehen bewegte Bilder, die sich den Gegebenheiten der Musik anpassen. Seine Arbeit wird Rehmann unter dem Namen des Patronats der Ausstellungsgruppe, vom 6. bis zum 14. Oktober, im Salzhaus in Brugg präsentiereren. 

«Duality»: Motion Graphics von Andrin Rehmann

«Duality»: Motion Graphics von Andrin Rehmann

Unter Motion Graphics versteht man einzelne animierte, abstrakte Figuren, die sich bewegen oder verändern. Sie werden im vorhinein berechnet, man hat also unlimitiert Zeit zur verfügung um ein Bild zu berechnen.  

Real Time Applications

Real Time Applications

Real-Time Applikationem sind in Echtzeit berechnet, ähnlich wie Videospiele. Man hat nur wenige Millisekunden Zeit zur Berechnung für ein Bild. 

Vor zirka sieben Jahren fing Rehmann ganz klassisch mit dem Bearbeiten von Bildern mit Photoshop an. Danach ging er zu  animierten Videos über und gestaltete irgendwann Logos und Intros für Lieder. Die Leidenschaft für die Informatik kommt laut Rehmann nicht etwa von seinen Eltern, er Musiker und sie Primarlehrerin, sondern von Computerspielen, bei denen seine Eltern ihm viel Freiheit gaben.

Am liebsten kombiniere er heute das textlastige Programmieren mit der Grafik. Dies hat er in verschiedensten Facebook-Gruppen bei anderen Usern so gesehen. «Ich fand es wahnsinnig cool, was die so machen», sagt der 19-Jährige. So entstand die Begeisterung für das Audiovisuelle. Deshalb nahm er vor zirka zwei Jahren an Online-Kursen teil, um sein Wissen auf diesem Gebiet zu erweitern.

Berühmte Kundschaft

Obwohl die Programme, mit denen der Kantischüler arbeitet, kostenlos sind, musste er vieles aus eigenen Taschen bezahlen. So zum Beispiel auch die teure Grafikkarte, einen neuen Laptop und den Bewegungssensor Kinect von der Gamingkonsole Xbox. Ausserdem hat sein Hobby Rehmann viel Zeit gekostet. «Bis jetzt waren es sicher 300 bis 400 Stunden, die ich alleine in meine Maturaarbeit investiert habe», sagt er. Bei Fehlern dauere die Behebung schon mal bis zu einer Woche.

Mit seinem Hobby verdiene Rehmann bereits Geld. Er erhält viele Online-Aufträge auf Facebook und Youtube, um für andere Leute beispielsweise Logos oder Intros zu programmieren. So auch für die Sängerin Kelly Clarkson. "Das war eher ein glücklicher Zufall", grinst der Kantischüler, wenn man ihn auf die Sängerin anspricht. Im Sommer erhielt er die Anfrage, ob er nicht das Bühnenbild für Kelly Clarkson machen wolle.

Bei ihrer gesamten Sommertournée durch die USA waren Rehmanns abstrakte Figuren, die sich passend zur Musik bewegen, auf den Bildschirmen zu sehen. "Natürlich musste ich für ihre romantischen Songs auch Herzchen einbauen", lacht Rehmann. Auch für die diesjährigen Tellspiele durfte der Kantischüler beispielsweise die Wolken und Berge für die Bildschirme animieren.

Spass steht im Vordergrund

Mit seinem Hobby fülle er einen Nischenbereich. "Die Arbeit, so wie ich sie mache, gibt es fast nicht. Niemand macht sich mehr die Mühe, so viel selbst zu programmieren", sagt Rehmann. Sein Programm, das zirka 3500 Linien Codes enthält, könne zum Beispiel bei Live-Konzerten eingesetzt werden oder auch für die Bühnenshow der DJs.

"Mein Ziel ist es, irgendwann professionell Geld damit verdienen zu können", sagt er. Der Kantischüler möchte nach seinem Abschluss Informatik studieren. "Für mein Studium könnte ich dieses Geld gut gebrauchen", stellt er fest.

Im Rahmen seiner Maturaarbeit erstellt Andrin Rehmann ein eigenes Programm.

Im Rahmen seiner Maturaarbeit erstellt Andrin Rehmann ein eigenes Programm.

Mit der Vernissage im Salzhaus möchte Rehmann kunstinteressierte Leute ansprechen, die offen sind für Technik. Aber auch Informatik- sowie Musikbegeisterte. "Die Arbeit ist zwar komplexer geworden als anfänglich gedacht, aber man muss nichts vom Programmieren verstehen, um an die Vernissage kommen zu können", versichert er. Er selbst verstehe vielleicht in drei Monaten sein eigenes Programm nicht mehr, da man sich wie bei einer Landkarte immer wieder neu orientieren müsse.

Seine Maturaarbeit sei nicht auf Noten ausgerichtet. "Ich habe es vor allem aus Spass gemacht." Neben der kreativen Informatik treibt Rehmann leidenschaftlich gerne Sport. Dies sei ein Ausgleich zur kopflastigen Arbeit. "Ich bin nicht der isolierte Informatik-Nerd. Ich hätte Angst, verrückt zu werden", lacht der Kantischüler.