Junge Lupfigerin entwirft Taschen für Louis Vuitton – Rihanna trägt sie stolz

Laura Farinacci spricht über ihre Arbeit als Junior-Designerin beim grössten Konzern für Luxusmode und mühsame Bedingungen in Paris.

Claudia Meier
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Sängerin Rihanna ist mit der Tasche «Multi Pochette Accessoires» mit dem khakifarbenen Tragriemen unterwegs.

Sängerin Rihanna ist mit der Tasche «Multi Pochette Accessoires» mit dem khakifarbenen Tragriemen unterwegs.

Bild: SplashNews/Dukas

Sie wird dieses Jahr erst 30 und hat bereits einen steilen Aufstieg als Modedesignerin hinter sich: Aktuell ist etwa Sängerin Rihanna mit einer Tasche unterwegs, die Laura Farinaccis Handschrift trägt. Seit vier Jahren lebt die Eigenämterin in Paris und arbeitet beim grössten Konzern für Luxusmode (LVMH) für die Marke Louis Vuitton. Über die Festtage war sie während zweier Wochen bei ihrer Familie und ihrem Freund in der Schweiz. Kurz vor ihrer Rückkehr nach Paris hat sie der AZ von ihrem aufregenden Leben in der Modemetropole erzählt.

Die zierlich wirkende Frau ist in Brugg mit einer mittelgrossen, braunen Louis-Vuitton-Tasche unterwegs, die sie sich derzeit zwar nicht leisten könnte, die sie aber zu Testzwecken gebrauchen darf. Zehn Jahre lang hat sie auf den Traum hingearbeitet, dass ihr der Einstieg in einem grossen Modehaus in Paris gelingt.

Für Schlagzeilen sorgte Laura Farinacci bereits vor vier Jahren, als sie als Finalistin am internationalen Modewettbewerb «Remix» in Mailand drei elegante Outfits mit Pelzteilen präsentieren durfte. «Das war ein wunderbarer Anlass und eine riesige Chance, um mein Netzwerk zu erweitern», erzählt sie und strahlt.

Ein Prototyp ohne Budget- und Materialvorgaben

Ihre grosse Leidenschaft gilt nicht in erster Linie den Kleidern, sondern den Handtaschen und Schuhen. Aus diesem Grund entschied sich die junge Frau aus Lupfig nach ihrem Modedesign Studium an der Fachhochschule für Künste Basel sowie den beiden Praktika in Paris bei den renommierten Modehäusern Chloé und Marc Jacobs für ein Masterstudium.

Am Institut Français de la Mode (IFM) in Paris konnte sie sich intensiv auf Taschen und Schuhe spezialisieren. Das gelang Laura Farinacci so gut, dass sie einen der sehr begehrten Praktikumsplätze bei Louis Vuitton ergattern konnte. Dort durfte sie mehrere Taschen entwerfen. Besonders gefallen hat ihr, dass sie einen Prototyp von der ersten Skizze bis zur fertigen Handtasche ohne Budget- oder Materialvorgaben von A bis Z selbstständig realisieren konnte.

Die Lupfigerin integrierte sich bei Louis Vuitton bestens. Im siebenköpfigen Team ist sie als Junior-Designerin fest angestellt. Ihre Abteilung ist verantwortlich für das Design von neuen Taschen, die es dann in den edlen Louis-Vuitton-Boutiquen rund um den Globus zu kaufen gibt. «Unsere Modelle entstehen immer in Teamarbeit. Pro Quartal machen wir dem Unternehmen zirka 50 Taschenvorschläge. Etwa 10 davon werden realisiert», erzählt die erfolgreiche Designerin.

Bei Streik: In 50 Minuten zu Fuss zur Arbeit

Die Tasche, mit der sich Sängerin Rihanna in den sozialen Medien zeigt, heisst «Multi Po­chette Accessoires» und kam im vergangenen September mit einer limitierten Stückzahl auf den Markt. Der offizielle Verkaufspreis beträgt umgerechnet zirka 1400 Franken. Laura Farinacci designte für dieses Modell den breiten Tragriemen, den es in den Farben Khaki und Rose Clair gibt. Mit solchen modernen Accessoires will Louis Vuitton gezielt vermehrt jüngere Kundschaft ansprechen.

Doch wer jetzt glaubt, dass Designerinnen von Luxustaschen Starallüren entwickeln, irrt. Laura Farinacci räumt zwar ein, dass sie sehr glücklich und auch etwas stolz ist, wenn sie eines «ihrer» Taschenmodelle auf der Strasse entdeckt. «Ich mache in meinem Berufsalltag etwas, das für mich persönlich relevant ist», sagt sie. Doch niemals würde sie die Besitzerin einer Louis-Vuitton-Tasche ansprechen und dieser erzählen, dass sie an der Entwicklung und am Design des Modells beteiligt war.

Der Alltag in der Modemetropole ist derzeit alles andere als luxuriös. Da in Paris seit Anfang Dezember gestreikt wird, liegt der öffentliche Verkehr oft praktisch lahm. Wenn das der Fall ist, muss Laura Farinacci 50 Minuten von ihrer Wohnung ins Geschäft laufen. «Ich habe das Glück, dass ich, im Vergleich zu Kolleginnen und Kollegen, relativ zentral lebe.»

Mindestens zwölfstündige Arbeitstage sind die Regel

Am Morgen beginnt sie ihre Arbeit bei Louis Vuitton meistens so um 9 Uhr. Vor 21 Uhr ist selten an Feierabend zu denken. Manchmal ist auch erst gegen Mitternacht Schluss. Der Druck von oben, exklusive und innovative Taschen zu entwickeln, sei relativ gross, räumt Laura Farinacci ein. Dass sie das alles zu einem eher tiefen Lohn, der in der Schweiz zwei- bis dreimal höher wäre, mitmacht, hat auch damit zu tun, dass die knapp 30-Jährige genau weiss, dass es jederzeit eine Menge Leute gibt, die nur darauf warten, diesen Job ausüben zu können. Die anspruchsvolle Arbeit bei Louis Vuitton steht für alle Teammitglieder an erster Stelle.

Während der Chef monatlich zwischen New York und ­Paris pendelt, bestellt die Studioassistentin auch mal das Essen für alle, damit das Team ohne Unterbruch durcharbeiten kann. Kein Wunder bleibt Laura Farinacci unter diesen Umständen keine Zeit, beispielsweise ein eigenes Label zu entwickeln, mit dem sie sich in der Modeszene einen Namen aufbauen könnte. «Dazu bleibt mir keine Energie. Bei Louis Vuitton arbeiten viele auch am Wochenende», erzählt die Lupfigerin mit leiser Stimme und fügt an: «Eine solche Position zu haben, ist wie ein grosses Geschenk.»

In Paris ist sie in ständiger Alarmbereitschaft

Laura Farinacci ist überzeugt, dass sie den grössten Teil ihrer beruflichen Aufbauarbeit geleistet hat. Wer weiss, vielleicht kommt schon bald der nächste Karriereschritt und sie muss sich nicht mehr Junior-Designerin nennen. In Paris kann Farinacci in eine der weltweit bedeutendsten Modemetropolen eintauchen. «In dieser Luxuswelt sauge ich die unterschiedlichsten Informationen in Sachen Taschendesign und Marketing auf wie ein Schwamm. Alles ist sehr spannend und ich lerne enorm viel. Gerne würde ich dem Nachhaltigkeitsaspekt noch eine grössere Bedeutung beimessen», lautet ihre berufliche Zwischenbilanz.

Im Gespräch wird deutlich, wie gründlich die Eigenämterin ihren täglichen Spagat zwischen der Luxuswelt und dem oft stressigen Arbeitsalltag in Paris reflektiert. «In Sachen Organisation, Sauberkeit und Infrastruktur sind wir in der Schweiz verwöhnt», stellt sie fest. Im lauten Stadtzentrum von Paris fühle sie sich hingegen wie in ständiger Alarmbereitschaft. «Fast nichts läuft einfach so! Auf dem direktesten Weg gibt es oft Hindernisse. Wertvolle Zeit und Energie gehen verloren», sagt Laura Farinacci und ist in Gedanken schon wieder auf ihrem 50-minütigen Arbeitsweg, den sie wegen des Streiks zu Fuss zurücklegen muss.

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