«Das, was ihr macht, macht euch kein anderes Jugendorchester nach: weder hierzulande noch international. Groovt. Lasst den Alltag hinter euch.» Das sind starke Worte von einem, der ganz genau weiss, wie er junge Menschen ansprechen muss, um sie für Höchstleistungen zu motivieren. Marc Urech, Klarinettist und langjähriger Dirigent des Siggenthaler Jugendorchesters (SJO), ist an diesem Probenabend in der Musikwerkstatt Brugg von einer Mission beseelt, der sich keiner der 55 jungen Amateur- und acht Profimusiker entziehen kann.

Wie könnten sie auch, spielen sie doch etwas, was es – zumindest in der Schweiz – wohl noch nie gegeben hat: die SJO Sinfonie Nr. 1. Dabei ist diese Komposition nicht einmal ein Eigengewächs. Was hat es mit dieser seltsam anmutenden Komposition auf sich? Ganz einfach.

Der SJO-Dirigent lud die Orchestermitglieder letztes Jahr zu einem sinfonischen Wunschkonzert ein. Von einer Verlegenheitslösung konnte nicht die Rede sein: «Es war keineswegs so, dass mir die Ideen ausgegangen sind, aber mir schwebte für das Herbstprogramm 2015 eine Art Patchwork-Programm vor – in Anlehnung an das Orchester, das ja mit seiner Vielfalt an Persönlichkeiten eine Patchwork-Familie ist.»

Urechs Frage an die Musikerinnen und Musiker lautete: Was würdet ihr gerne spielen? «Es kam wahnsinnig viel zusammen; auch Sinfonien von Mahler oder Bruckner, die wir mit unserer Besetzung aber nie hätten aufführen können.»

Die Wahl fand im Internet statt

Nach und nach wurden die Stimmen zu jedem Satz einer «neuen» Sinfonie abgegeben, sodass der Wahlprozess nicht nur lange, sondern vor allem spannend war. Schliesslich stellte die Programmgruppe eine Auswahl für die SJO-Sinfonie Nr. 1 mit vier Allegro-Sätzen aus vier Sinfonien von Brahms, Tschaikowsky, Grieg und Dvorák zusammen.

Natürlich sei im Hinblick auf die Wahl im Internet viel angeklickt und gehört worden, betont Urech. «Was mich beeindruckt hat, war, wie die Orchestermitglieder untereinander über ‹ihre› jeweilige Musikauswahl gesprochen und versucht haben, ihr Gegenüber in ihr Boot zu holen, etwa so: ‹Hey, hör mal, was die Flöte hier in diesen Takten macht – gefällt dir das nicht auch›?»

So entwickelte sich ein Austausch, der auch die intensiven Proben prägte: «Wir haben schon sehr früh eine Tiefe erreicht, die schlicht beglückend war», unterstreicht Urech. Wie sehr, zeigt sich auch wenige Tage vor dem Konzert. Da gibt es für den Dirigenten kein Halten, was sich nicht zuletzt in seinen Sprüngen auf dem Podium manifestiert.

Damit bereichert Urech den Programmtitel um eine zusätzliche Komponente. «Sprungart» verweist nämlich nicht nur auf das Springen von einem Satz zum anderen, sondern ebenso auf die musikalische Reise, die das SJO von Norwegen (Grieg) bis nach Russland (Tschaikowsky) führt.

«Sprungart» ist zugleich eine Reverenz an die «sprungbereiten», will heissen: flexiblen jungen Musiker. Mit ihnen feilt und feilt Marc Urech im Brugger Probelokal, bis er innehält und sichtlich vergnügt ausspricht, was für alle Balsam ist: «Das war einfach wunderschön.»