Wir alle fahren schlecht Auto, essen Rüebli und leben zwischen Atomkraftwerken. Vorurteile über die Aargauer gibt es viele. Mit einem der bekanntesten hat sich die angehende Bekleidungsgestalterin Marianne Simmen aus Brugg auseinandergesetzt – und sich gefragt: «Wieso die weissen Socken in den Schuhen verstecken, wenn man sie als Kleid tragen kann?»

Durch die grossen Fenster fällt die Sonne auf die schwer behangenen Kleiderständer im Lehratelier für Modegestaltung in Aarau: Der schwarze Jupe aus leichtem Stoff hängt neben der edlen, blutroten Robe, die schicke, gelbe Bluse neben den silbrig glänzenden und bunt gemusterten Röcken.

Ein Wort fällt kaum an diesem Morgen. Stattdessen surren die Nähmaschinen, am langen Tisch hantieren die Berufslernenden geschickt mit Schere, Nadel und Faden.

Die jungen Frauen sind im Schlussspurt: Ihre Kreationen werden sie am kommenden Mittwoch im Kultur- und Kongresszentrum Aarau unter dem Titel «Der Kanton Aargau auf dem Laufsteg» zeigen. Ein Anlass, der nur alle drei Jahre stattfindet und deshalb einen besonderen Stellenwert geniesst in ihrer Ausbildung.

Die Vorstellung macht sie nervös

Die angehenden Bekleidungsgestalterinnen haben sich mit der Vielfalt des Kantons, seiner Geschichte, seinen Bräuchen und Besonderheiten beschäftigt, haben Hintergrundinformationen gesammelt und sich inspirieren lassen.

Marianne Simmen aus Brugg hat für ihre Kreation ein Klischee gewählt: die weissen Socken. Die Herausforderung, diese in ein Kleid zu integrieren, habe sie gereizt, der Gedanke, ein ganzes Modell aus diesem Material herzustellen, habe ihr gefallen, sagt die 17-Jährige mit einem sympathischen Lachen.

Gekümmert hat sie sich um den Entwurf genauso wie um das Schnittmuster und die Verarbeitung. Während vier Tagen hat sie im Lehratelier an ihrer schneeweissen Kreation gearbeitet, einem Oberteil sowie einem Rock aus – eben – lauter Socken, um die 200 an der Zahl.

Entschieden hat sie sich für ein zweiteiliges Kleid, weil die Herstellung auf diese Weise etwas einfacher sei und auch das Anziehen leichter falle. Zum Einsatz kommt ausserdem ein stabiler Unterstoff, damit das Ganze nicht reisst.

Denn die Socken, die sie wegen des Volumens leicht gefüllt hat, seien recht schwer, sagt Marianne Simmen. Das Resultat sei so herausgekommen, wie sie es sich vorgestellt habe, fügt sie zufrieden an.

Sie freut sich auf die Modenschau und räumt im gleichen Atemzug ein, dass sie die Vorstellung, vor so vielen Zuschauern mit ihrer eigenen Kreation über den Laufsteg zu gehen, auch nervös mache, schliesslich handle es sich um ihren bisher grössten Auftritt. «Das ist ein spezielles Erlebnis und sicher eine schöne Erfahrung.»

Ihre Zukunft lässt sie offen

Für Marianne Simmen, die derzeit das zweite Ausbildungsjahr absolviert, stand im Verlauf der Bezirksschule fest, dass sie Bekleidungsgestalterin lernen will. Ihr Interesse sei nicht zuletzt durch ihre damalige Lehrerin im Fach Textiles Werken – «das habe ich immer gern besucht» – geweckt worden.

Auch die Glamourwelt der Modenschauen habe durchaus eine Faszination auf sie ausgeübt. Oft sei man sich gar nicht bewusst, welchen Einfluss die Designer auf eine ganze Gesellschaft haben könnten.

Die Bruggerin hat sich die Berufswahl gut überlegt. Ihre Erwartungen seien erfüllt worden, auch wenn sie nach dem konzentrierten Arbeiten während eines ganzen Tags im Lehratelier ziemlich geschafft sein könne.

«Aber ich habe schliesslich gewusst, auf was ich mich einlasse», sagt sie schmunzelnd. «Es gefällt mir sehr.» Angetan hat es ihr die Mischung zwischen Kopf- und Handarbeit. Schön sei, dass sie ihre kreative Seite ausleben könne und die Möglichkeit habe, aus einem einfachen Stück Stoff etwas Einmaliges zu schaffen.

Kann sich eine Bekleidungsgestalterin überhaupt noch für ein Kleidungsstück von der Stange eines profanen Modeunternehmens begeistern?

Ja klar, antwortet Marianne Simmen, denn selbst günstige Anbieter achten auf gute Designs. Aber ihre Ausbildung habe ihre Sichtweise schon beeinflusst, stellt sie fest. Heute kaufe sie viel bewusster ein, achte stärker auf die Qualität bei der Verarbeitung und beim Material.

Wohin sie der Weg nach dem Abschluss ihrer Ausbildung – und mit der Berufsmatur in der Tasche – führen wird, lässt Marianne Simmen offen. Es bestehe die Chance, ein Zwischenjahr im Ausland oder eine Weiterbildung anzuhängen.