Schinznach-Dorf
Jetzt gehts um die Zukunft der Eriwis – und der Geburtshelferkröte

Naturwerkstatt Eriwis und Birdlife Aargau möchten die ehemalige Tongrube kaufen, um sie vor der Zuschüttung zu retten. Der Kanton findet das eine gute Idee, will aber nicht zahlen.

Michael Hunziker
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Der Verein Naturwerkstatt Eriwis bietet in der ehemaligen Tongrube auch Kurse und Freiwilligeneinsätze für Schulen, Firmen oder Familien an.

Der Verein Naturwerkstatt Eriwis bietet in der ehemaligen Tongrube auch Kurse und Freiwilligeneinsätze für Schulen, Firmen oder Familien an.

zvg / Victor Condrau

Bleibt die ehemalige Tongrube Eriwis in Schinznach-Dorf in der heutigen Form bestehen? Wird sie gar nicht mehr aufgefüllt? Ja, wenn es nach den Naturschutzvereinen Naturwerkstatt Eriwis und Birdlife Aargau geht. Sie beabsichtigen, das Areal unweit der Bözenegg zu kaufen, denn: Die eindrücklichen und einzigartigen Eigenschaften der grossräumigen, insgesamt gegen 14 Hektaren grossen Grubenlandschaft seien zu erhalten und zu fördern. Der Gemeinderat Schinznach seinerseits klärt derzeit ab, ob die Rekultivierungspflicht aufgehoben und das Areal von der Abbauzone in die Naturschutzzone umgezont werden soll.

Rückblick: Die Zürcher Ziegeleien – heute ZZ Wancor AG – bauten von 1932 bis 1998 Opalinuston ab für die Herstellung von Backsteinen und Dachziegeln. Nach der Schliessung des Produktionsbetriebs eroberte sich die Natur das Gebiet in der ehemaligen Tongrube zurück. Seit bald 10 Jahren ist der Verein Naturwerkstatt Eriwis dafür besorgt, das Areal fachgerecht zu pflegen, vor Verbuschungen und Neophyten freizuhalten. Angeboten werden auch Kurse und Freiwilligeneinsätze für Schulen, Firmen oder Familien.

Die Geburtshelferkröte ist eine von vielen Tierarten, die sich in der Eriwis angesiedelt haben. Die Geburtshelferkröte ist eine von vielen Tieren, die sich in der Eriwis angesiedelt haben

Die Geburtshelferkröte ist eine von vielen Tierarten, die sich in der Eriwis angesiedelt haben. Die Geburtshelferkröte ist eine von vielen Tieren, die sich in der Eriwis angesiedelt haben

pronatura.ch

«Es entstand eine reichhaltige Tier- und Pflanzenwelt, was sich in einer für das Mittelland einzigartigen mosaikartigen Vielfalt von Lebensräumen, Arten und Strukturen ausdrückt», sagt Victor Condrau von der Naturwerkstatt Eriwis. Die Abfolge erstrecke sich von karger Rohbödenvegetation über verschiedene Ruderalstandorte zu feuchten bis trockenen Magerwiesenbeständen mit Orchideenstandorten, von Hochstauden- und Schachtelhalmfluren zu Gehölzgruppen und Hecken bis in verschiedene Vorwaldstadien.

Artenvielfalt nimmt zu

Rekultivierungspflicht: Gemeinderat fällt Grundsatzentscheid

Es gelte gut abzuwägen, ob die ehemalige Tongrube Eriwis in die Naturschutzzone umgezont und die Rekultivierungspflicht aufgehoben oder ob an einer Auffüllung festgehalten werden soll, sagt der Schinznacher Gemeindeammann Urs Leuthard. Er erinnert daran, dass in den letzten Jahren bis auf die Naturpflege-Massnahmen kaum Aktivitäten zu verzeichnen waren auf dem Areal etwas abseits des Siedlungsgebiets. Früher sei das Abbaumaterial auf der Schiene per Diesellok zum Bahnhof gebracht worden, wo täglich ein Eisenbahnzug beladen wurde. Einerseits, stellt Leuthard fest, seien ehemalige Gruben zum Auffüllen mit Material derzeit sehr gesucht. Andererseits habe sich die Eriwis zum Lebensraum für verschiedene Tier- und Pflanzenarten entwickelt, es seien wertvolle Naturwerte entstanden. Ohne Rekultivierungspflicht, führt der Gemeindeammann aus, bleibe die Grube in der heutigen Form bestehen. Es müsste allenfalls abgeklärt werden, ob der Hang stabil und rutschsicher genug sei und was mit dem Wasser passiere, das sich im unteren Bereich ansammeln könne. Der Gemeinderat wird umfangreiche Abklärungen vornehmen und – gemäss Leuthard innert Monatsfrist – einen Grundsatzentscheid fällen. Die Behörde ist gespannt auf die jetzt lancierte Diskussion und auf das Echo aus der Bevölkerung. «Wir möchten den Puls spüren und hoffen auch auf Rückmeldungen.» An der Gemeindeversammlung am Freitag, 27. November, wird über die Pläne für die ehemalige Tongrube Eriwis informiert. (mhu)

Überdies, fügt Condrau an, hätten die natürlichen Gegebenheiten mit den offen gehaltenen Rohböden dazu geführt, dass sich in der Eriwis auch ein Wildbienen-Gebiet von nationaler Bedeutung bilden konnte. Über 100 Arten seien nachgewiesen worden. Kurz: «Die ständig zunehmende Artenvielfalt bestätigt den Verein in seiner Pflegearbeiten.» Nebst den Tierarten hätten sich seltene Pflanzen ansiedeln können, wie die Rote-Liste-Arten Spitzorchis und Bienenragwurz.

Kanton unterstützt Vorhaben

Das Gelände der ehemaligen Tongrube Eriwis sei zusammen mit dem angrenzenden Faltenjura, seinen einzigartigen Waldgebieten und geologischen Formen eine Landschaft von nationaler Bedeutung, führt Condrau weiter aus. Diese ist auch Teil des Naturparks Jurapark Aargau.

Eingebettet in einer reichgegliederten, idyllischen Kulturlandschaft zeichne sich die Eriwis aus mit ihren kontrastreichen Naturräumen als Ort der Dynamik, des Wandels. Anders ausgedrückt: «Als Kontrast zur statischen, intensiv genutzten Landschaft des Mittellandes bildet die Eriwis eine natürliche, erlebbare Landschaft, wie dies ansonsten nur noch in wenigen Auen möglich ist», fasst Condrau zusammen.

Für ihn steht fest: «Würde die Grube aufgefüllt, wären zahlreiche Besonderheiten, Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten nicht mehr einsehbar beziehungsweise mittelfristig unwiderruflich zerstört.» Durch eine Umzonung von der Abbauzone in eine Naturschutzzone könnten die Werte langfristig und nachhaltig gesichert werden. «Mit den 14 Hektaren wird die Eriwis zu einem der grössten Naturschutzgebiete von kantonaler Bedeutung und mit nationalen Werten.»

Der Kanton unterstützt und berät die Naturschutzvereine Naturwerkstatt Eriwis sowie Birdlife Aargau beim Erwerb und bei der Umzonung, steuert selbst aber keine finanziellen Mittel an den Landkauf bei. Hingegen können Beiträge des Bundes erwartet werden.

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