Brugg
Jazzkantine: Bis der Notenständer von der Salzhaus-Bühne fliegt

So wild geht es wohl nur selten zu und her: Die Jazzkantine hat zu ihrem 20-Jahr-Jubiläum an ihrem einzigen Schweizer Konzert das Brugger Salzhaus aus den Fugen gehoben. Geboten wurde ein Mix aus Jazz, Rap, Funk, Blues und Reggea.

Ursula Burgherr
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Auf der Bühne geht gehörig die Post ab: Jazzkantine in Action im Salzhaus, dem «besten Auftrittsort in der Schweiz».

Auf der Bühne geht gehörig die Post ab: Jazzkantine in Action im Salzhaus, dem «besten Auftrittsort in der Schweiz».

Ursula Burgherr

Rapper Cappuccino föhnt in der Garderobe sein weisses Hemd für den Auftritt trocken und gibt sich total entspannt und happy. «Das Salzhaus ist der beste Auftrittsort in der Schweiz», schwärmt er, lobt die Crew vor Ort in den höchsten Tönen und strahlt. Schon zum dritten Mal ist er mit seiner Jazzkantine hier zu Gast, diesmal anlässlich der 20-Städte-Tournee zum 20-Jahr-Jubiläum der Band. In Brugg hat sie ihr einziges Schweizer Konzert.

Von der Urbesetzung sind neben Cappuccino heute noch Tom Bennecke (Gitarre), Christian Eitner (Bass, Bandleader) und Rapper Tachiles mit dabei. Dazu kommen auf der Salzhaus-Bühne Keyboarder Simon Grey aus Australien, Saxofonist Heiner Schmitz und Schlagzeuger Andy Lindner. «Ohne Stecker», heisst das Album, dass Jazzkantine zum runden Geburtstag eingespielt hat. Es ist eine Best-of-Kompilation der letzten zwei Dezennien; jedoch wurden alle Stücke umarrangiert und mir der NDR-Bigband neu eingespielt. Die unverwechselbare Jazzkantine-Mixtur aus Jazz, Rap, Funk, Blues und Reggea ist aber geblieben.

Heisse Instrumentalsoli

«Wir sind eine Partyband, die Leute sollen Spass haben und tanzen können», sagt Cappuccino vor dem Auftritt unprätentiös. Das ist ob des ausgeprägtem Improvisationsreichtums und den brillant gespielten Soli, die das Publikum später von jedem einzelnen Instrumentalisten zu hören bekommt, aber bei weitem untertrieben. Jazzkantine ist eine Formation, die so richtig abgeht und musikalische Virtuosität beweist.

Schon nach wenigen Takten bringt sie mit «Respekt» das Salzhaus zum Beben. Die Sause geht weiter mit älteren Nummern wie «Boogaloo», «555» und «Kein Bock», erstaunlicherweise dem einzigen Stück, das die Formation je in die Charts brachte. «Wir sind eben eine Live- und keine Hitparadenband», meint Cappuccino.

Sexy, relaxt und groovig kommt der Bluestitel «Lieber langsam» aus dem Album «Ultrahocherhitzt» daher. «Wir werden nicht langsamer, aber immer gelassener. Heute haben wir nicht mehr das Gefühl, irgendwelche Erwartungen erfüllen oder Erfolge zeitigen zu müssen, wie das früher der Fall war», meint Cappuccino, als er im Interview auf den Songtitel angesprochen wird.» Auf der Bühne kokettiert er dann mit seinem «fortgeschrittenen» Alter, in dem sich der Waschbrett- langsam zum Waschbärbauch verwandle.

Walther von der Vogelweides Volkslied «Die Gedanken sind frei» mutiert bei den Braunschweiger Jazz-Rappern zum Hip-Hop und «Highway to hell» von AC/DC zum 50er-Jahre-Swing. Es wird euphorisch geklatscht, getanzt und gejubelt, dann stimmt die Zuschauermenge – auf speziellen Wunsch der Band – zum lautstarken «Happy Birthday» an. Vor lauter Ekstase fegt ein tanzender Fan in der vordersten Reihe den Notenständer des Gitarristen von der Bühne. Selten gings im Salzhaus wilder zu und her. Der Konzertabend mit Jazzkantine wird für alle, die dabei waren, unvergesslich bleiben.

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