Brugg
Isabella Bertschi kandidierte spontan für den Einwohnerrat – wegen der tiefen Frauenquote

SP-Frau Isabella Bertschi wurde für den Rest der Amtszeit 2018–2021 in den Einwohnerrat Brugg gewählt. Bereits vor drei Jahren übernahm sie das Amt. Diese Themen will sie anpacken.

Maja Reznicek
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Einwohnerrätin Isabella Bertschi will die progressiven Kräfte in Brugg stärken.

Einwohnerrätin Isabella Bertschi will die progressiven Kräfte in Brugg stärken.

Britta Gut (15.Januar 2021

Geplant war es nicht. Als gleich zwei SP-Mitglieder Ende 2020 aus dem Einwohnerrat Brugg zurücktraten und die Liste für das Nachrücken leer war, meldete sich Isabella Bertschi spontan für das Mandat. «Als ich sah, wie tief die Frauenquote in der Fraktion nach den Abgängen war, erklärte ich mich bereit, für die Vakanz nachzurücken – sofern sich keine anderen Frauen auf den Posten melden würden.»

Da das nicht geschah, stand am 22. Dezember fest: Die 30-Jährige wird für den Rest der Amtsperiode 2018 bis 2021 einen Sitz übernehmen. Zum Glück hat Bertschi sowieso vorgehabt, diesen Herbst bei den Gesamterneuerungswahlen zu kandidieren. Eine Unbekannte im Einwohnerrat ist die Doktorandin nämlich nicht.

Bereits vor drei Jahren übernahm Isabella Bertschi das Amt. Die Grundlage für ihre politische Karriere legte damals ihre Familie. «Meine Eltern waren während meiner Kindheit zwar nicht aktiv in der Politik, sie haben aber beispielsweise bewusst auf ein Auto verzichtet oder besuchten mit mir eine Demonstration gegen den Irakkrieg.» Mit dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Studienbeginn rückte das politische Interesse von Bertschi in den Hintergrund. Ein persönliches Erlebnis trug dann dazu bei, dass sie sich 2017 um einen Einwohnerratssitz bewarb.

Eine andere politische Position kam nie in Frage

Während ihrer Schulzeit an der Kantonsschule Wettingen lernte die Bruggerin einen kolumbianischen Austauschschüler kennen. Sie verliebten sich, beendeten aber die Beziehung, als er in seine Heimat zurückkehrte. Lange herrschte Funkstille. Nach Abschluss ihres Bachelorstudiums in Psychologie unternahm Isabella Bertschi dann eine Reise nach Ecuador – und fand den Kontakt zu ihrer Jugendliebe wieder. Es folgte eine zweieinhalb Jahre lange Fernbeziehung. Für die 30-Jährige sollte es «auf etwas Richtiges hinauslaufen», bald planten sie die Hochzeit. Die Eheschliessung mit einer Person aus einem Drittstaat ist laut Bertschi in der Schweiz aber alles andere als einfach.

Bruder und Vater waren bereits im Einwohnerrat

«Das ganze Verfahren war psychisch sehr belastend und aufwendig. Unter anderem bekamen wir einen Katalog mit 22 Fragen zur Beziehung und mussten schriftlich vor einer unbekannten Sachbearbeiterin intimste Details bekannt geben. Plötzlich merkt man, dass es einfacher gewesen wäre, in jemanden aus der Schweiz verliebt zu sein», erzählt die junge Frau. Dieses Erlebnis habe sie «repolitisiert», den Wunsch geweckt etwas zu verändern.

Bruder Mischa und Vater Reto Bertschi waren bereits im Einwohnerrat, Isabella Bertschi liess sich ebenfalls auf die Liste setzen. Eine andere politische Position einzunehmen als ihre Familienangehörigen, sei ihr dabei nie in den Sinn gekommen. «Ich stehe zwar auch den Grünen sehr nahe, aber die Prioritäten der SP passen am besten zu mir.»

Sie unterrichtete lateinamerikanische Tänze

Kaum war Isabella Bertschi in den Einwohnerrat gewählt, veränderte sich ihre berufliche Situation derart, dass sie 2019 wieder zurücktreten musste. «Ich bekam eine neue Stelle als Lehrstuhlassistentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich und damit die Gelegenheit, meine Dissertation zu schreiben.» Gleichzeitig beteiligte sich die Bruggerin in der Geschäftsleitung des «Dance Service» BailAdoro. Hier bot sie zusätzlich Unterricht in lateinamerikanischen Tanzstilen wie Bachata oder Salsa. «Es war einfach eine sehr grosse Mehrbelastung. Und ich dachte, Politik kannst du auch noch später machen, beim anderen muss du dich jetzt reinknien.»

«Es ist eine Krux, dass mich sehr viel interessiert»

Zwei Jahre später befindet sich Isabella Bertschi nun in der Abschlussphase ihres Doktorats. Zurzeit forscht die 30-Jährige im Bereich der Familien- und Paarbeziehungen. Aktuell beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Paare mit einer längerfristigen Beeinträchtigung – wie einer Seh- oder Hörsehbehinderung eines Partners – umgehen. «Es macht wenig Sinn, den Menschen isoliert anzuschauen. Wir sind immer in Kontakt mit anderen», sagt Bertschi dazu. Ende 2021 will sie ihre Dissertation einreichen. Wie es dann weiter geht, weiss die junge Frau noch nicht. «Ich habe mir verschiedene Optionen zurechtgelegt. Es ist eine Krux, dass mich sehr viel interessiert und ich mir vieles vorstellen kann.»

Die Brücke zwischen Wissenschaft und Politik

Klar ist für Isabella Bertschi schon, dass sie sich in diesem Jahr zur Wiederwahl für den Einwohnerrat stellen wird. «Brugg hat viel Potenzial und dürfte sich mehr entfalten.» Bereits jetzt hat sie eine Reihe an Themen im Kopf, die sie in der nächsten Amtsperiode angehen möchte: «Die Gestaltung des Bahnhofsplatzes und der Unterführung wird uns sicher beschäftigen und zeigen, ob Brugg sich als Zentrumsstadt positionieren möchte oder nicht.» Gleichzeitig will Bertschi ökologische Zielsetzungen und Gleichstellungsthemen wie die familienergänzende Kinderbetreuung angehen.

«Man muss seine Positionen klar ausdrücken»

Zuerst steht jetzt aber der Rest der Amtszeit 2018 bis 2021 für die Bruggerin an. Im Hinblick darauf, dass das aktuelle Jahr ein Wahljahr sei, möchte Isabella Bertschi die progressiven Kräfte in der Stadt stärken. Beispielsweise gehe es darum, die Wiederwahl von Frau Stadtammann Barbara Horlacher (Grüne) zu bestätigen. Vielleicht könne sie dabei die Brücke zwischen Politik und ihrer wissenschaftlichen Arbeit schlagen. Bertschi sagt: «Im Einwohnerrat geht es zwar in anderem Kontext, aber auch um Partnerschaft. Man muss seine Positionen klar ausdrücken. Gleichzeitig braucht es gutes Zuhören, damit man gemeinsam ein Stück des Wegs bereiten und gehen kann.»