Bezirksgericht Brugg

Informatiker zerstörte Forschungsanlage – Sabotageschaden von über 12 Millionen Franken

PSI-Saboteur wird verurteilt

PSI-Saboteur wird verurteilt

Der Ingenieur schrieb seine eigene Software um, sodass eine Forschungsanlage in Villigen Schäden in Millionenhöhe erlitt. Dafür muss er ins Gefängnis.

Ein Informatiker hat eine Forschungsanlage falsch programmiert, um sie zu zerstören. Er verursachte einen Sachschaden von 12,76 Millionen Franken. Das Bezirksgericht Brugg verurteilte ihn zu einer teilbedingten Gefängnisstrafe von 30 Monaten.

Der Informatiker aus Italien ist ein hoch qualifizierter und kompetenter Spezialist. Im Jahre 2010 wurde er von der ETH Lausanne angestellt und mit einer heiklen Mission betraut: Die ETH betreibt auf dem Areal des Paul Scherrer Instituts (PSI) in Würenlingen eine Forschungsanlage namens Edipo.

Kern ist ein 10 Tonnen schwerer Magnet, der die Speicherung einer grossen Energiemenge ermöglicht. Nun bedarf es einer speziellen Schutzmassnahme, die verhindert, dass die gespeicherte Energie im Falle einer Störung im Magnet verbleibt. Denn dann kommt es zum Zwischenfall, den man als «Quench» bezeichnet: Die Energie bringt den Magneten zum Schmelzen und zerstört ihn.

Aufgabe des Informatikers war es, eine Software zu entwickeln, die einen solchen Quench verunmöglicht, indem sie die Störung erkennt und innert 20 Millisekunden eine Schutzschaltung aktiviert, welche die Energie abfliessen lässt.

Der Informatiker löste den Auftrag zur vollen Zufriedenheit der ETH Lausanne. Abmachungsgemäss wurde das Arbeitsverhältnis mit dem Mann nach vier Jahren aufgelöst. Doch kurz vor seinem letzten Arbeitstag schritt der Software-Entwickler zur Tat.

Schaden von 12,76 Millionen

Er installierte unbemerkt eine veränderte Software, die den Schutz vor dem Quench wieder aufhob. Er tat dies so geschickt, dass die Manipulation im normalen Arbeitsmodus der Anlage gar nicht bemerkt werden konnte.

Über zwei Jahre lang lief die Anlage störungsfrei; die latent vorhandene, programmierte Zerstörung trat nicht ein. Doch am 31. Mai 2016 kam es zu einem Quench der höchsten Stufe: Die veränderte Software verhinderte, dass die Schutzschaltung wirken konnte.

Die Folgen waren verheerend: Die Energie im Magneten konnte nicht abfliessen, der Magnet wurde schwer beschädigt, die ganze Anlage zerstört. Der Schaden belief sich auf 12,76 Millionen Franken. Auf der Suche nach der Ursache für den Quench, vor dem man sich sicher gefühlt hatte, stiess man auf die veränderte Software und kam so dem Informatiker auf die Spur.

Sechs Monate ins Gefängnis

Der war geständig und einsichtig. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage und formulierte die beantragte Strafe. Sowohl der beschuldigte Informatiker als auch die ETH Lausanne als Privatklägerin akzeptierten die Vorschläge des Staatsanwaltes.

Es war unbestritten, dass der Beschuldigte als Entwickler der Software genau wusste, dass die von ihm vorgenommenen Manipulationen zu einem Totalschaden der Anlage führen würden; unbestritten war auch, dass er genau das erreichen wollte.

So war ein abgekürztes Verfahren möglich: Das Bezirksgericht Brugg musste nur wenige Minuten tagen, um unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven das Urteil zu bestätigen, das der Staatsanwalt gefordert hatte und zu dem die Parteien schon vorgängig ihr Einverständnis gegeben hatten.

Der Informatiker wird wegen qualifizierter Sachbeschädigung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, sechs Monate muss er ins Gefängnis. Dazu muss er der ETH Lausanne Schadenersatz von 330 000 Franken bezahlen.

Viele offene Fragen

Mit diesem Urteil schienen alle zufrieden; der verurteilte Italiener bedankte sich beim Gericht und nach der kurzen Verhandlung schüttelten die Parteien sich fast schon freundschaftlich die Hände.

Allerdings lieferte die Verhandlung keine Antworten auf Fragen, die sich zwangsläufig stellten: Warum sabotierte der Informatiker, unbestritten ein Meister seines Fachs, die eigene Arbeit? Warum wollte er die Forschungsanlage zerstören?

Diese Fragen bleiben offen. Denn auch die beteiligten Parteien konnten oder wollten keine Auskunft geben. Immerhin erklärte und relativierte die ETH Lausanne auf Nachfrage, dass vorderhand auf den Bau einer neuen Forschungsanlage Edipo verzichtet werde.

Und genau genommen hätten die Entstehungskosten der Anlage zwar schon 12,76 Millionen Franken betragen. Der tatsächlich entstandene Schaden sei aber viel geringer.

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