Heimgarten Brugg
In diesem Verkaufsladen wird hinter der Kasse auch mal gestrickt und gehäkelt

Arbeiten ohne Druck und Stress: Im «WärchRych» in der Brugger Altstadt finden Frauen der Institution Heimgarten eine geregelte Arbeit und Struktur in ihrem Alltag – ohne dabei an ihrer Leistung gemessen zu werden.

Janine Müller
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Laura hat im «WärchRych» eine geeignete Arbeit gefunden. Sie strickt, häkelt und bedient gerne auch mal die Kasse.

Laura hat im «WärchRych» eine geeignete Arbeit gefunden. Sie strickt, häkelt und bedient gerne auch mal die Kasse.

Janine Müller

Die Ladentür geht auf, der Klang der Glocke scheppert durch den Laden. Eine Frau tritt herein und schaut sich gwundrig um. Laura (37) springt auf, geht vom hinteren Teil des Ladens, wo sie an einem Tisch gerade häkelt, in den vorderen Teil und spricht die potenzielle Kundin an.

Serie 40 Jahre Heimgarten: Institution für Frauen

Der Heimgarten Brugg bietet Frauen mit psychosozialen Schwierigkeiten Lebens- und/oder Beschäftigungsraum an. Der Heimgarten ist vom Kanton Aargau anerkannt und hat Anspruch auf dessen Mitfinanzierung. Die Trägerschaft ist die Reformierte Landeskirche Aargau. Insgesamt bietet der Heimgarten 36 Wohn-, 20 Beschäftigungs- und 4 geschützte Arbeitsplätze an. Am 15. April feiert er sein 40-jähriges Bestehen. In einer Serie stellt die az verschiedene Personen und Bereiche der Institution vor. (jam)

Kunden bedienen, das macht Laura gerne. Mit den Menschen ins Gespräch kommen, ihnen zeigen, was die Frauen des Heimgartens im Atelier und hier im «WärchRych» so alles herstellen und gestalten. Und natürlich einkassieren und fein säuberlich aufschreiben, was verkauft wurde, auch das gehört zu den Aufgaben von Laura.

Die Frau, die nur kurz durch die Regale gestreift ist, kauft nichts. Kein Problem für Laura, sie wartet geduldig auf die nächste Kundschaft. Sie setzt sich an den Tisch im hinteren Teil des Ladens und widmet sich wieder ihrer Häkelarbeit. Hier sind noch drei weitere Frauen dabei, die typischen «WärchRych»-Produkte herzustellen – gehäkelte Babyturnschuhe, gefilzte Gschwelltisäcke, Magnetböxli, verschiedene Girlanden und vieles mehr.

Geschütze Arbeitsplätze

Das «WärchRych» gehört zum Heimgarten Brugg. Hier werden die Produkte verkauft, die von den Klientinnen hergestellt werden, die im Heim wohnen. Auch im «WärchRych» wird an den Produkten gearbeitet. Es sind Beschäftigungs- und geschützte Arbeitsplätze für Frauen. Vier bis acht Frauen sind jeweils im «WärchRych» am Arbeiten. Zwei davon kommen von extern.

Sie haben zwar ein eigenes Zuhause, haben aber Mühe, im normalen Arbeitsalltag zu bestehen. Diesen Frauen bietet das «WärchRych» eine geregelte Arbeit und vor allem auch Struktur in ihrem Alltag. «Damit ihnen zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt oder sie in ein Loch fallen», sagt «WärchRych»-Leiterin Marlis Mösch, die ihr 20-Jahre-Dienstjubiläum feiert und somit die Hälfte der Heimgarten-Zeit erlebt hat.

Die Frauen schätzen die Arbeit im Verkaufsladen und sie sind froh, dass ihr Arbeitsplatz in der Altstadt ist und nicht mehr im Heimgarten selber. «Jetzt habe ich wirklich das Gefühl, dass ich zur Arbeit gehe», sagt eine Frau. «Vorher war es mir gleichgültig, wie ich ausgesehen habe. Da bin ich auch im Trainer ins Atelier gegangen. Heute ist das nicht mehr so, jetzt muss ich schauen, wie ich daherkomme.» Und Laura ergänzt: «Ich freue mich immer auf die Arbeit. Denn wir kommen gut miteinander aus. Es gibt kaum Zickereien, was mich erstaunt.»

Stärkung des Selbstbewusstseins

Stolz sind die Frauen vor allem darauf, dass sie dank dieser Arbeit einen Teil ihres Alltags alleine schaffen können. Und: «Wenn wir etwas verkaufen können, ist das Motivation, um hier weiterzumachen», ergänzt Laura. Das stärkt auch das Selbstbewusstsein der Frauen. Das Wichtigste dabei: Das «WärchRych» muss nicht so funktionieren wie ein herkömmlicher Laden. Der angestrebte Umsatz ist zu erreichen.

Für die Klientinnen des «WärchRych» ist es wichtig, dass sie ohne Druck und Stress ihre Arbeit machen können. «Alles andere hätte keinen Sinn. Mit strengeren Vorgaben würde man nicht weit kommen», sagt Marlis Mösch. Viele der Frauen sind psychisch instabil. Wenn es einer Klientin einmal nicht gut geht, muss sie nicht um ihre Stelle in diesem geschützten Raum fürchten.

Trotz der etwas versteckten Lage an der Hauptstrasse 48 in der Altstadt in Brugg finden seit der Eröffnung im Herbst 2013 täglich Kunden den Weg ins «WärchRych». Hauptkunden sind soziale Organisationen wie Kirchgemeinden. Einige Kunden und Firmen geben auch grössere Aufträge auf. Beispielsweise Weihnachtskarten, Geburtstagkarten, Notizblöcke oder Anderes.

Das «WärchRych»-Team und mit diesem auch Laura freut sich über jeden Kunden, der den Weg ins «WärchRych» findet. Egal, ob er etwas kauft oder einfach durch das Sortiment stöbert.

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