Zivildienst

In der Region Brugg mangelt es an Zivis – deshalb werden Projekte reduziert

Zivis bauen am 29. Oktober 2009 eine Trockenmauer im Kanton Aargau.

Zivis bauen am 29. Oktober 2009 eine Trockenmauer im Kanton Aargau.

Das Brugger Pflegezentrum, die Stiftung Domino Hausen und das Windischer Naturwerk verzeichnen – teilweise hohe – Rückgänge Zivildienstleistender.

Sie arbeiten schweissüberströmt in der prallen Sonne, am Bett kranker und altersschwacher Menschen, in der Schule entlasten sie die Lehrer oder unterstützen administrative Arbeiten in verschiedenen Wirtschaftssparten. Zivildienstleistende (Zivis) setzen sich hinter der Kulisse für das Gemeinwohl ein und haben mittlerweile eine wichtige Rolle in der Volks- und Privatwirtschaft.

Wie essenziell die Zivis sind, zeigt ein Blick in die Region. Im Bezirk Brugg gibt es zahlreiche Institutionen, die Zivis engagieren. So unterstützen sie beispielsweise die Pflege im Alterszentrum Süssbach sowie in der AarReha-Klinik in Schinznach-Bad.

Sie betreuen die Behinderten in der Stiftung Domino, die psychisch erkrankten Patienten in Königsfelden und schützen die Natur bei Creanatira und beim Naturwerk. In der Kantonsarchäologie, die in Brugg ihren Hauptsitz hat, sind die Zivis sehr wichtige Arbeitskräfte. Gewisse Arbeiten könnten ohne sie gar nicht ausgeführt werden, wie die Kantonsarchäologie auf Anfrage mitteilt.

Das Naturwerk in Windisch verzeichnet hohe Einbussen

Dass sich die Betriebe in Zukunft weniger auf die Unterstützung durch Zivis verlassen können, zeigt ein Blick ins Bundeshaus. Das Parlament hat beschlossen, die Hürden für den Übertritt vom Militär- in den Zivildienst zu erhöhen. Es wird angenommen, dass die Anzahl geleisteter Zivildiensttage bis 2030 von heute 1,6 auf 1,3 Millionen pro Jahr zurückgehen wird.

Die Zivildienstorganisation Civiva überlegt sich, das Referendum gegen einen entsprechenden Parlamentsbeschluss zu ergreifen. Das Geschäft zur Verschärfung des Zivildienstgesetzes wird in der Frühjahrssession nochmals behandelt.

Was für konkrete Folgen eine Ablehnung des Referendums auf die Betriebe im Bezirk Brugg haben könnte, kann noch nicht definiert werden. Angenommen wird sowohl regional wie überregional eine Reduktion der geleisteten Einsatztage.

In der Region sind die geleisteten Diensttage teilweise konstant geblieben, teilweise bereits rückläufig. Die Kantonsarchäologie, die Aar-Reha und bei der Pro-Natura-Tochterfirma Creanatira veränderten sich die Zahlen in den letzten drei Jahren kaum. Bei den Psychiatrischen Diensten Aargau AG (PDAG) in Königsfelden ist die Anzahl sogar leicht steigend.

Hingegen verzeichnen das Brugger Pflegezentrum Süssbach und die Stiftung Domino in Hausen leichte Abnahmen bezüglich der Zivis. Das Naturwerk aus Windisch muss aufgrund hoher Einbussen an einsatzwilligen Zivis sogar Projekte zurückfahren. Die geleisteten Diensttage gingen von 2017 bis 2019 um einen Drittel von 4973 auf 3380 zurück. Naturwerk-Geschäftsleiter Albert von Felten meint, insgesamt wären genug Zivis vorhanden. Sie gingen aber in andere Einsatzsparten wie etwa die Pflege und die Betreuung und nicht zum Naturwerk.

Die Kantonsarchäologie zeigt sich optimistisch

Für Creanatira sind die Zivildienstler ebenso grundlegend wie beim Naturwerk. Besonders «bei arbeitsintensiven Tätigkeiten, die nicht maschinell ausgeführt werden können, sind sie nicht mehr wegzudenken», schreibt Florin Rutschmann, Schutzgebietsbeauftragter bei Pro Natura. Zu diesen Tätigkeiten gehören beispielsweise Arbeiten in unwegsamem Gelände und die Bekämpfung invasiver Neophyten.

Creanatira rechnet mit einer Abnahme an Zivildienstleistenden in den kommenden Jahren. Alternative Arbeitskräfte für denselben Leistungsumfang, den die Zivis erbringen, könnten sie nicht bereitstellen, sagt Rutschmann.

Allgemein rechnen fast alle Betriebe mit einer Abnahme an Zivis in den kommenden Jahren aufgrund des Gesetzesbeschlusses. Einzig die Kantonsarchäologie gibt sich optimistisch und prognostiziert, dass sie unter Zivis weiterhin als Einsatzbetrieb gefragt sei. Die Pflege- und Betreuungsinstitutionen wiederum sind nicht ausschliesslich auf die Zivis angewiesen.

Die Zivis wirken dort entlastend für das Pflege- und Betreuungspersonal. Sie führen aber keine Arbeiten aus, die alternativ nicht von Angestellten übernommen werden könnten. Deshalb wäre ein Rückgang in dieser Sparte wohl weniger dramatisch.

Beschränkte Zulassung neuer Einsatzbetriebe

Im Jahr 2017 wurden in Betrieben im Bezirk Brugg insgesamt 17205 Diensttage geleistet. Davon aber nicht alle im Bezirk selber. Gewisse Betriebe sind überregional aktiv. 2018 ging die Zahl auf 16889 Tage zurück. Für 2019 liegen noch keine Zahlen vor. Thomas Brückner vom Bundesamt für Zivildienst teilt mit, dass aufgrund der sinkenden Zahlen der Zivildienstleistenden die Zulassungen neuer Einsatzbetriebe beschränkt wurden.

Somit könnten die bestehenden Einsatzbetriebe ihre offenen Stellen besser besetzen. Weiter sagt er, dass der Gesetzgeber eine gewollte Konzentration von Zivildiensteinsätzen in den Sparten Umwelt und Naturschutz sowie der Pflege und Betreuung erschaffen hat, wo die Zivis einen Schwerpunkteinsatz von 180 Tagen leisten.

Ein Zivildiensteinsatz kann lohnenswert sein sowohl für die Einsatzbetriebe wie für die Zivis. Letztere gewinnen wertvolle Erfahrungen in Bereichen, wo sie in ihrem Leben noch keinen Einblick erhalten haben. Für die Betriebe sind die Arbeitskräfte günstige Entlastungen im betrieblichen Alltag und im Pflegebereich auch eine Bereicherung für die Patienten, wie Stefanie Hitz von der Aar-Reha schreibt: «Andere Gesprächsthemen, der eine oder andere lustige Spruch sowie die herrlich natürliche Art der Zivis sind ein täglicher Aufsteller für unsere Patienten.»

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