Windisch

In der Klinik Königsfelden kommt es viermal häufiger zu Polizeieinsätzen als in Zürich

Oft leisten die Patrouillen der Kapo und der Repol gemeinsam Einsatz in der PDAG.

Oft leisten die Patrouillen der Kapo und der Repol gemeinsam Einsatz in der PDAG.

Die Polizei wird 100-mal pro Jahr in die psychiatrische Klinik Königsfelden aufgeboten – das ist viermal mehr als in Zürich.

Im Umgang mit psychisch kranken Patienten kann es schnell zu einer bedrohlichen Situation kommen. Chefarzt Wolfram Kawohl bei der Psychiatrische Dienste Aargau AG (PDAG) in Windisch sagt: «Nehmen wir an, ein Patient wird aggressiv und beginnt, die Einrichtung seiner Station zu demolieren. Er reisst Bilder von der Wand und zerstört Möbel. Die herbeigeeilten Mitarbeitenden versuchen, mit dem Patienten in Kontakt zu treten und ihn zu beruhigen – ohne Erfolg.» Der Patient bewaffnet sich mit einem Tischbein, geht in sein Zimmer, verbarrikadiert sich dort und randaliert weiter. Für die Mitarbeitenden bestehe das Risiko, beim Betreten des Zimmers angegriffen und verletzt zu werden. Dann wird die Unterstützung der Polizei angefordert.

Mehr Einsätze nachts als tagsüber

Das kommt mehrmals pro Monat und manchmal sogar mehrmals in der gleichen Nacht vor. Mediensprecher Roland Pfister von der Kantonspolizei (Kapo) Aargau sagt: «In den letzten Jahren betrug die Anzahl Unterstützungseinsätze immer zirka 90 bis 100 pro Jahr.» Die Einsätze werden durch einzelne Patrouillen geleistet, bei konkreter Bedrohungslage aber auch durch mehrere Einsatzkräfte. Regelmässig fahren in Königsfelden daher die Kapo sowie die Regionalpolizei (Repol) Brugg mit Blaulicht vor. In vielen Fällen beruhige sich die Situation, wenn uniformierte Polizeikräfte vor Ort eintreffen und das Personal unterstützen, so Roland Pfister.

Roland Pfister, Kapo-Sprecher

Roland Pfister, Kapo-Sprecher

CEO Jean-François Andrey der PDAG ergänzt, dass auch Verlegungen von Patienten Grund für ein Polizei-Aufgebot sein können. Einsätze in der Nacht kommen etwas häufiger vor als tagsüber. Die Polizei wird vor Ort nochmals informiert und entscheidet dann mit dem Behandlungsteam über die Vorgehensweise. Den PDAG entstehen dadurch keine Kosten.

Derzeit betreiben die PDAG 370 Betten. Davon belegt der Bereich Kinder-/Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 36 Betten sowie die Bereiche der Erwachsenpsychiatrie insgesamt 334 Betten. Von den 3700 Eintritten im Jahr 2016 in den stationären Bereichen der PDAG entfielen laut CEO Andrey 2849 auf die Erwachsenenpsychiatrie, 604 auf die Alterspsychiatrie, 169 auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie und 78 auf die Forensische Psychiatrie.

Zum Vergleich hat sich die Aargauer Zeitung bei der Psychiatrischen Universitätsklinik (Burghölzli) in Zürich nach den Polizei-Einsätzen erkundigt. Am Hauptstandort werden zirka 300 stationäre Patienten behandelt. Im letzten Jahr verzeichnete die Zürcher Klinik laut Mediensprecher Marc Stutz in der Erwachsenenpsychiatrie rund 4600, in der Alterspsychiatrie etwa 400, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie 250 sowie in der Forensischen Psychiatrie zirka 50 stationäre Eintritte.

Etwa 24 Einsätze jährlich in Zürich

Situationen, in denen die Zürcher in der Erwachsenenpsychiatrie die Polizei hinzuziehen müssen, um die Sicherheit auf einer Station zu gewährleisten, sind gemäss Stutz «sehr selten». «Wir führen keine entsprechende Statistik, doch ist davon auszugehen, dass sich die Zahl derartiger Polizei-Einsätze bei 1 bis 2 pro Monat bewegt», fährt er fort. Dabei gehe es immer darum, einer Fremdgefährdung durch den Patienten zu begegnen – also einer Gefährdung von Mitpatienten und Mitarbeitenden. «Solche Eskalationen sind erfreulicherweise selten, weil unsere Mitarbeitenden im pflegerischen und ärztlichen Bereich regelmässig und systematisch in Deeskalationstechniken geschult werden», erklärt Stutz. Dadurch seien die meisten kritischen Situationen im Bereich der Akutpsychiatrie ohne externe Hilfe zu bewältigen. Einzig in der Kinder- und Jugendpsychiatrie könne es in Ausnahmefällen – zirka fünf pro Jahr – vorkommen, dass die Klinik einen externen Sicherheitsdienst unterstützend beiziehe, so Stutz.

Warum kommt es in Königsfelden viermal häufiger zu Polizei-Einsätzen als in Zürich? PDAG-Chefarzt Wolfram Kawohl warnt davor, die Zahlen mit einer anderen Klinik zu vergleichen. Denn keine andere psychiatrische Klinik in der Schweiz sei für die Versorgung so vieler Menschen zuständig wie die PDAG. Stationär aufgenommen würden eher schwer erkrankte Menschen. Die häufigeren Nachteinsätze hätten möglicherweise etwas mit der Personalsituation zu tun, obwohl die Akutstationen immer mit Doppelnachtwachen besetzt seien, so Kawohl. CEO Andrey sagt: «Wir beobachten 2017 eine rückläufige Inanspruchnahme von Hilfeleistungen durch die Polizei.» Diese Einschätzung teilt die Kapo hingegen nicht. «Einen Trend für 2017 können wir noch nicht feststellen», betont Kapo-Sprecher Pfister.

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