Detailhandel
In der Brugger Altstadt stehen grosse Veränderungen bevor – wie die Läden überleben wollen

Mehrere Liegenschaften in der Brugger Altstadt stehen zum Verkauf. Einige Läden machen dicht oder ziehen weg und ein paar Unbeirrbare schöpfen in diesem Prozess sogar neue Ideen. Wir zeigen die Menschen dahinter.

Claudia Meier
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Die Brugger Altstadt erlebt einen Wandel. Geschäfte ziehen ein und aus.

Die Brugger Altstadt erlebt einen Wandel. Geschäfte ziehen ein und aus.

Claudia Meier

Bioladen-Gründer Christian Meier sagt, warum er der Altstadt treu bleibt, was ihm Sorge bereitet und wie er junge Kunden anlockt

Buono-Inhaber Christian Meier ist mit seinem Bioladen in den letzten 25 Jahren von der unteren in die obere Altstadt gezogen.

Buono-Inhaber Christian Meier ist mit seinem Bioladen in den letzten 25 Jahren von der unteren in die obere Altstadt gezogen.

Claudia Meier (cm)

Vor 25 Jahren eröffnete Christian Meier – zusammen mit Jürg und Monika Meier sowie Jacqueline Borner – seinen ersten Bioladen in der unteren Brugger Altstadt. Damit trafen sie den Nerv der Zeit. Umwelt- und Tierschutzanliegen waren hoch im Kurs. Bereits nach drei Jahren war das Ladenlokal mit 35 Quadratmetern an der Hauptstrasse 56 viel zu klein. Meier zog es daraufhin in die obere Altstadt, wo er 1995 sein Geschäft mit 80 Quadratmetern an der Hauptstrasse 9 neu eröffnete. Der Delikatessen- und Biofachhandel lief gut. Die Nachfrage und das Angebot wuchsen ständig. Mit dem Umzug 2002 an den heutigen Standort an der Schulthess-Allee 1 konnte Buono-Inhaber Meier die Geschäftsfläche nochmals – auf 170 Quadratmeter – massiv vergrössern.

Der 48-jährige Brugger ist froh, dass sich sein Geschäft nun beim Eingang zur Altstadt befindet und schon vom Eisi her sichtbar ist. Er schätzt den hellen Laden und die Möglichkeiten im Aussenbereich. «Aber eigentlich stossen wir hier schon wieder an unsere Grenzen, denn der Gastro-Bereich ist zu knapp», sagt er. Doch weiter Richtung Bahnhof und Neumarkt zu ziehen, ist für Christian Meier wegen der Ladeninfrastruktur-Anforderung keine Option. «Es funktioniert gegenwärtig gut hier.» Auch nach dem schwierigen Jahr 2016, als die Liegenschaft in den oberen Etagen komplett ausgehöhlt und die Büros für die Sozialen Dienstleistungen Region Brugg erstellt wurden. Aufgrund der Bauarbeiten hatte Meier vor allem in der zweiten Jahreshälfte Umsatzeinbussen zwischen 10 und 14 Prozent pro Monat zu verzeichnen. Für eine Kundin sei der Umbau so schlimm gewesen, dass sie verkündete, nie mehr bei Buono einzukaufen, erzählt Meier.

Seit dem Abschluss der Bauarbeiten sind Kundenfrequenz und Umsatz wieder gestiegen. «Zum Glück haben wir einerseits eine grosse Stammkundschaft und andererseits jeden Tag auch neue Kunden», sagt Meier. Wäre er in Baden, könnte er nach eigenen Angaben etwa 30 Prozent mehr Umsatz erzielen. Doch der Brugger will nicht zwei Geschäfte parallel führen.

Die Entwicklung in der Brugger Altstadt verfolgt Christian Meier kritisch und engagiert sich als Gewerbevertreter in der Interessensgesellschaft Aargauer Altstädte. «Wir haben eine Erosion von Fachgeschäften», sagt er. Meier setzt deshalb grosse Hoffnung in einen zentraleren Standort der Stadtbibliothek mit einem attraktiven Café im geplanten Neubau bei der «Alten Post».

Grossen Handlungsbedarf sieht der Biofachhändler auch bei der Stadt: «Wir brauchen dringend eine Koordinationsstelle für den Detailhandel Brugg, die wie in Lenzburg beim Stadtplaner angesiedelt ist.» Für Meier ist es wie bei einem Verein, der sich ohne gute Vorstandsarbeit auch nicht von selbst organisieren und weiterentwickeln könne. Die Altstadt-Entwicklung dürfe man nicht einfach dem Markt überlassen. «Die Stadt muss eine koordinierende Rolle spielen, das Image von Brugg muss verbessert werden. Dazu braucht es eine Strategie», betont Meier. Er vergleicht die Situation in der Stadt Brugg mit einer Firma, die keine Marketingstrategie hat. Der Buono-Inhaber könnte sich beispielsweise vorstellen, dass in leerstehenden Läden Pop-up-Stores betrieben werden, idealerweise in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Auch der Steuerzahler will, dass die Stadt pulsiert», sagt er.

Zurück zu Meiers Geschäft mit seinen fünf Fachangestellten: Mit den Ernährungstrends wie vegan, bio und Superfood spricht Buono vermehrt junge Zielgruppen an. «Ich begrüsse es, wenn sich auch die Jungen für solche Themen und nicht nur alleine für die Sozialen Medien interessieren. Dank unserer freundlichen Fachberatung heben wir uns zudem vom Online-Handel ab», sagt Meier.

Buono-Jubiläumsfest Samstag, 1. Juli, von 8 bis 16 Uhr, mit Musik von Robbie
Caruso mit seinem Trio, Degustationen, Handwerkermarkt und Verpflegung in
Zusammenarbeit mit dem Café Fridolin.

Das Musikhaus geht, ein Yoga-Studio kommt

Zu einem Mieterwechsel aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen kommt es an der Hauptstrasse 32, wo das Musikhaus Da Capo seit Jahren Musikinstrumente verkauft. «Ende September schliessen wir unsere Filiale in Brugg», sagt Hansjörg Eiermann. Sein Musikhaus an der Bruggerstrasse in Baden bleibt bestehen. Eiermann beobachtet die jüngste Entwicklung in der Brugger Altstadt kritisch. «Für Auswärtige gibt es keinen Grund mehr, nach Brugg zu kommen», sagt er. Die Stadt habe ihren Reiz und an Qualität verloren. Dazu hätten seiner Meinung nach die meist überhöhten Mieten und das umständliche Verkehrsregime beigetragen.

Wenn das Musikhaus Da Capo ausgezogen ist, übernimmt Lukas Huppenbauer das Lokal. Nach kleinen Umbauarbeiten will er darin ab ungefähr Mitte November Yoga unterrichten. Huppenbauer geht es dabei um Bewegung, Haltung und Meditation. Mit der Yoga-Kundschaft soll ein offener, freier und fröhlicher Raum für alle entstehen. Details zu den Angeboten und der Stundenplanung wird Huppenbauer im Oktober veröffentlichen. Sein Motto lautet: «Alles ist Yoga, jeder kann Yoga.» Zu seinem Vorhaben sagt er weiter: «Es wird ein fröhlicher, lebendiger Begegnungsort, der bald schon eine regelmässige, über den Tag verteilte Kundenfrequenz erzeugen wird.»

Ende September verlässt die Musikhaus-Filiale die Brugger Altstadt.

Ende September verlässt die Musikhaus-Filiale die Brugger Altstadt.

Claudia Meier (cm)

Geeignete Mieter sind wichtiger als die Rendite

Das beliebte Spielwaren-Geschäft Amsler bildet seit 12 Jahren ein Anziehungspunkt für Jung und Alt in der mittleren Altstadt. Ende August wird die Brugger Filiale an der Hauptstrasse 21 geschlossen und ab September im ersten Obergeschoss im Neumarkt 2 neu eröffnet.
Für die Eigentümer der Liegenschaft an der Hauptstrasse 21, Jacqueline und Hans Zulauf, ist noch nicht klar, wie das Erdgeschoss und der erste Stock anschliessend genutzt werden. «Wir sind offen», sagt Jacqueline Zulauf auf Nachfrage der az. Am meisten wünscht sie sich einen Laden, der eine gute Ergänzung zu den bestehenden Verkaufslokalen in der Altstadt darstellt. Die zentrale Lage an der Ecke Kirchgasse/Hauptstrasse könnte für ein Nischengeschäft interessant sein, denn die Monatsmiete ist mit 2500 Franken – im Vergleich zu vielen anderen überteuerten Gewerberäumen im Brugger Zentrum – günstig. Wichtiger als eine grosse Rendite ist der Familie Zulauf die sinnvolle Nutzung der frei werdenden Lokalität – im Idealfall mit einem Mehrwert für die Bevölkerung.

Auch das Fachgeschäft Pink Power für Digitaldruck zieht es von der Schulthess-Allee in Brugg weg. Irene Rindlisbacher und Team empfangen ihre Kunden ab 21. August in der ehemaligen Poststelle in Riniken, wo sie drei eigene Parkplätze vor dem Haus haben.

Für die Hauseigentümer ist noch unklar, wer die Amsler-Nachfolge antritt.

Für die Hauseigentümer ist noch unklar, wer die Amsler-Nachfolge antritt.

Claudia Meier (cm)

Gleich drei Liegenschaften stehen derzeit zum Verkauf

Auf den Immobilien-Portalen sieht es fast nach einem Ausverkauf der oberen Brugger Altstadt aus. Denn aktuell stehen drei Liegenschaften zum Verkauf. Einerseits handelt es sich um das grüne, schmale Haus (Baujahr 1700) an der Hauptstrasse 13. Andererseits geht es um die beiden schräg gegenüberliegenden Liegenschaften Kleeblatt (Baujahr 1650) an der Hauptstrasse 20 und Chrämer (1734) an der Hauptstrasse 22.

Wie diese Häuser in Zukunft im Erdgeschoss genutzt werden, dürfte von der neuen Eigentümerschaft abhängen – sofern sich eine solche finden lässt. Für Andreas Küng vom gleichnamigen Leder-Fachgeschäft an der Hauptstrasse 20 ist klar, dass sein Laden bis auf Weiteres bestehen bleibt und er dem Standort Brugg sicher treu bleiben wird. Zu den tiefen Kundenfrequenzen und den bekannt gewordenen Geschäftsschliessungen in der Stadt sagt Andreas Küng: «Wenn alle Brugger in Brugg einkaufen würden, hätten wir diese Probleme nicht.» Auch Susanne Käppeli vom benachbarten Coiffeurgeschäft möchte den Standort nicht wieder wechseln. Sie zog vor einigen Jahren vom Neumarkt in die Altstadt und schätzt die gemütliche Atmosphäre.

Ob sich die Genossenschaft Altstadt Brugg für den Kauf – einer oder mehrerer – der ausgeschriebenen Liegenschaften interessiert, ist unklar. Anfragen der az blieben unbeantwortet.

Was mit den beiden Häusern an der Hauptstrasse 20 und 22 passiert, ist offen.

Was mit den beiden Häusern an der Hauptstrasse 20 und 22 passiert, ist offen.

Claudia Meier (cm)

Was kommt nach den Geschäften in die Altstadt?

Dass schon wieder Geschäfte aus der Brugger Altstadt abwandern, beschäftigt auch den Quartierverein Altstadt und Umgebung. «Wohin geht diese Entwicklung?», fragt der Verein, der von Konrad Zehnder präsidiert wird, in einer Mitteilung. In der Altstadt treffe man heute ein breites Angebot an Gastronomie und Kultur. Sie sei zudem ein Ort mit städtischen und regionalen Verwaltungseinheiten sowie privatwirtschaftlichen Büros. Ein Ort mit Gesundheitspraxen, Werkstätten, Boutiquen und Ateliers – und ein zunehmend beliebter Wohnort.

Konrad Zehnder, Präsident des Quartiervereins Altstadt und Umgebung, will Lösungen. Konrad Zehnder berichtet über die Bestandteile der Mauer hinter dem Verputz eines Hauses aus dem 16. Jahrhundert in der Albulagasse.

Konrad Zehnder, Präsident des Quartiervereins Altstadt und Umgebung, will Lösungen. Konrad Zehnder berichtet über die Bestandteile der Mauer hinter dem Verputz eines Hauses aus dem 16. Jahrhundert in der Albulagasse.

Tabea Baumgartner

«Die Altstadt ist identitätsstiftend», sagte Frau Vizeammann Andrea Metzler dem General-Anzeiger vor einem Monat. In dieser Funktion werde die Altstadt von aussen gerne als schön und geeigneter Ort wahrgenommen, wo sich Brugg in Feststimmung versammelt. Gut so, schreibt der Quartierverein und fragt: «Wohin wollen wir mit und in der Altstadt gehen?» Er findet die progressive Idee der lokalen Wirtschaftskreisläufe Spitze. Das Stichwort heisst für den Quartierverein «Brugger Thaler», über den Thomas Gröbly in den Brugger Neujahrsblättern 2017 ein Kapitel schrieb. Und der Quartierverein richtet sich auch an die Stadt: «Was gedenkt sie zu tun? Wie können leerstehende ehemalige Geschäftslokale mit gesellschaftsförderndem Leben gefüllt werden?» Die Mitglieder des Quartiervereins wissen, dass die Stadtbibliothek zusätzlichen Raum im Zentrum sucht, und fragen, ob hier vielleicht in einer oder verteilt auf mehrere Liegenschaften Potenzial vorhanden ist?

«Wir denken auch an das vor Jahren einmal florierende Brocki im ehemaligen Kaufhaus Rössli, das als beliebter Treffpunkt diente», heisst es in der Stellungnahme weiter. «Was zieht neugierige Menschen, Tagestouristen und Residierende in die Altstadt?», lautet die nächste Frage. Für den Quartierverein ist es an der Zeit, gemeinsam Ideen zu entwickeln: «Wir setzen uns zusammen mit der Initiative Altstadt und der Genossenschaft Altstadt Brugg gerne für eine lebendige Altstadt ein.»

Cécile Bernasconi, die Leiterin der Stadtbibliothek Brugg, sagt, dass sie im Mai bei einem Treffen mit dem Vorstand der Stadtbibliothek und dem Gesamtstadtrat teilnahm. Zwar seien Räumlichkeiten für die Bibliothek im Gestaltungsplan «Alte Post» vorgesehen, werde das Projekt jedoch nicht umgesetzt, bestehe die akute Platznot weiterhin, so Bernasconi weiter. Derzeit erarbeitet eine Gruppe ein professionelles Bibliothekskonzept.
Die Stadt ist aktuell mit dem Entwurf eines Altstadtreglements beschäftigt, das in städtebauliche und stadträumliche Grundüberlegungen eingebettet ist, sagt Vizeammann Andrea Metzler. Die Arbeitsgruppe «Raum Altstadt» sei für diese Zeit sistiert worden und werde nach Vorliegen des Reglements weitergeführt.

Infoveranstaltung Mitwirkungsphase des Altstadtreglements am Montag, 11. September, 19 Uhr, im Salzhaus.

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