Besinnung
In den Mauerritzen stecken die kleinen Klagezettel

Die katholischen Kirchen in der Region Brugg-Windisch stellen in den Wochen vor Ostern Klagemauern auf.

Merken
Drucken
Teilen
Klagemauer in einer Kirche. (Symbolbild)

Klagemauer in einer Kirche. (Symbolbild)

Oliver Menge / D5

«Ich will nicht klagen.» Dieser Satz ist gelegentlich zu hören von Menschen, die versuchen, in ihrer Situation das Positive zu sehen. Klagen? Das ist je nach Prägung und Erziehung für die einen nicht erlaubt. Andere dafür können fast nur noch klagen und jammern.

Einen Ort haben, um seine Klagen zu deponieren, bieten die vier katholischen Kirchen in der Region Brugg-Windisch sowie das ökumenische Zentrum Lee in Riniken. Seit Aschermittwoch und noch bis Ostern sind in den kirchlichen Räumen aus Backsteinen Mauern aufgebaut, teilweise mit Naturmaterialien dekoriert. Dazu liegen Hefte mit Impulstexten bereit, die Hilfestellung bieten zur persönlichen Besinnung.

Symbolisch wird das Schwere abgelegt

Da die katholischen Kirchen tagsüber stets geöffnet sind, nutzen immer wieder Menschen die Möglichkeit, vor der Klagemauer den eigenen Emotionen Raum zu geben. Sie notieren ihre Klagen oder Bitten auf kleinen Zetteln, die sie dann in die Ritzen der Mauern stecken. So kommt im Laufe der Wochen eine rechte Anzahl solcher ­Klagezettel zusammen, Zeichen dafür, dass Menschen Schweres, das sie mit sich herumtragen, symbolisch ablegen und im Gebet abgeben können.

Im Osterfeuer, das in der Nacht vor dem Ostersonntag vor den Kirchen entzündet wird, werden alle Klagezettel symbolisch dem Feuer übergeben. «Ich will ja wirklich nicht klagen», sagt eine Kirchenbesucherin, nachdem sie einen Zettel in die Mauer gesteckt hat. «Damit würde ich andere Menschen ja nur belasten. Aber irgendwo muss ich das Schwere in mir auch mal deponieren dürfen. Da tut mir das Angebot der Klagemauer sehr gut.»

Als Vorbild dient die Klagemauer in Jerusalem

Vorbild für dieses Angebot, das im Pastoralraum Region Brugg-Windisch im achten Jahr besteht, ist die Klagemauer im Herzen von Jerusalem. Seit Jahrhunderten ist es ein Ort des Gebets, und persönliche Bitten werden – auf kleinen Zetteln verfasst – in die Ritzen der Mauer gesteckt. Der Pastoralraum Region Brugg-Windisch bie- tet aber nicht nur die Klagemauer als Ort an, sondern auch ­Gesprächsmöglichkeiten, wenn es dann doch noch ein menschliches Gegenüber braucht, das die Klagen mit aushält und konkrete Hilfestellungen ermöglicht, heisst es in einer Medienmitteilung. (az)