Sebastian Bohren

«In Brugg kann ich Träume umsetzen» – Geiger sieht Chance in Coronakrise

Der Geiger Sebastian Bohren will unbedingt an Grenzen gehen.

Der Geiger Sebastian Bohren will unbedingt an Grenzen gehen.

Die Coronakrise verschaffe dem Geiger Sebastian Bohren willkommene Zeit. Für die Stretta Concerts 20/21 plant er mit grossen Namen.

«Es ist fast so, als ob mich das Glück verfolgen würde», sagt Sebastian Bohren und spielt damit auf die Coronakrise an. Diese verharmlost der 32-jährige Geiger keineswegs, «aber mir verschafft sie Zeit, um noch mehr zu üben und mein Spiel weiterzuentwickeln. Zudem werde ich nicht mehr wie bis anhin 100 Konzerte pro Jahr spielen und Violinkonzerte in kürzester Zeit einstudieren müssen». In den letzten Jahren, als seine Karriere Fahrt aufgenommen hat, sei er unter enormem Druck gestanden. Er sei im In- und Ausland von einem Ort zum andern gereist, stets von der Angst begleitet, dass der Konzertkalender zu wenig voll werde.

Corona ist Chance für kleinere Konzertevents

Die Coronakrise beschleunigt nun seinen Entschluss, sich künftig ausschliesslich auf solistische Projekte zu konzentrieren und mit Angeboten wählerisch umzugehen. «Man muss geduldig an die eigene Qualität glauben», sagt er und kommt auf sein Herzensprojekt zu sprechen: die 2007 von ihm gegründeten, heute den Namen Stretta Concerts tragenden Veranstaltungen in der Reformierten Stadtkirche Brugg. Aus der anfänglich kleinen, ist längst eine über die Kantonsgrenzen hinaus gerühmte In­stitution geworden, der auch die Musikredaktion von SRF2 einen Beitrag widmete. Selbst wenn derzeit nicht absehbar ist, wann Konzerte wieder stattfinden können, plant Bohren weiter. «Die Konzerte in Brugg sind für mich deshalb so wichtig, weil ich hier Träume umsetzen und daraus Freude schöpfen kann.»

Die Coronakrise, ist er überzeugt, werde das künftige Konzertleben verändern: «Ich glaube an grössere Chancen für kleinere und innovative Formate in kleineren Kulturorten.» Ensembles, die früher einen Bogen um kleine Veranstalter gemacht hätten, würden sich in Zukunft wohl anders besinnen und diese aufsuchen. «Die Konzertbesucher werden nach der Krise vielleicht weniger Geld zur Verfügung haben», sagt Bohren, weshalb er an der bisherigen Gepflogenheit festhalten will: In Brugg soll kein Eintritt, sondern eine Kollekte für die Konzerte erhoben werden, «damit diese für alle erschwinglich sind».

Der Saisonauftakt mit Basler Partnern

Neu werden künftig in der reformierten Stadtkirche acht bis zehn Konzerte pro Saison mit drei bis vier Spitzenensembles sowie grossen Persönlichkeiten unserer Zeit stattfinden. Vorerst nur gedanklich skizziert ist überdies ein kleineres Festival im Herbst. Doch als Nächstes müssen erst einmal die Konzerte mit dem Klarinettisten Reto Bieri (12. Mai) und (eventuell) dem Amadeus Chamber Orchestra of the Polish Radio (5. Juli) verschoben werden.

Zur Saison 2020/21: Für Bohren ist der Auftakt am 4. November der erste Höhepunkt. Mit dem erstmals in Brugg gastierenden Kammerorchester Basel wird er die beiden Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach spielen. Dass die Basler nach Brugg kommen, verdankt sich einem speziellen Umstand. Bohren wurde 2018 wenige Stunden vor Konzertbeginn angefragt, ob er im Stadttheater Olten für die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einspringen könne. Er konnte – landete einen weithin aufhorchenden Erfolg und gewann neue Musikpartner, die ihm nun gerne nach Brugg folgen. Danach werden die Festival Strings Lucerne zwischen Januar und April 2021 erwartet. Im Mai sind sodann die Chaarts (Chamber Artists) sowie am 6. Juni das Zürcher Kammerorchester mit dessen Künstlerischem Leiter, Daniel Hope, zu Gast. Gemeinsam werden Hope und Bohren das Concerto Grosso von Alfred Schnittke spielen.

«Es braucht einen extremen Einsatz», sagt Bohren mit Nachdruck. Wie ernst es ihm damit ist, zeigt ein weiteres Vorhaben. Er kehrt im Juni mit den Chaarts und dem Dirigenten Gabor Takacs-Nagy in die Zürcher Kirche Oberstrass zurück, um Mozarts Violinkonzerte Nr. 3 und 5 erneut aufzunehmen. Weshalb? «2018 war für mich mit dem Debüt beim Lucerne Festival ein sehr intensives Jahr. Ich war damals gar nicht in der Lage, der Herausforderung ‹Mozart› gerecht zu werden. Seine Werke sind enorm anspruchsvoll und brauchen viel Kraft. Die Aufnahme, die wir vor zwei Jahren machten, empfanden wir zwar als gut, gleichwohl hielt sie meinen Ansprüchen nicht stand.» Weil er keine qualitativen Kompromisse machen will, stellt er sich der aktuellen Praxis entgegen, wonach Aufnahmen aus Kostengründen innert Kürze und mit minimalem Budget realisiert werden. Dass er zum zweiten Mal in die Kirche gehe, zeige «Mut und vielleicht sogar einen Mangel an Vernunft, wenn man den finanziellen Aspekt bedenkt. Aber gerade jetzt, wo uns die Coronakrise vor Augen führt, dass wir uns radikal auf künstlerische Inhalte zurückbesinnen sollen, möchte ich unbedingt an Grenzen gehen».

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