Margret*, 68 Jahre alt, und Peter*, 72 Jahre alt, gehen wieder zur Schule. Als freiwillige Mitarbeiter werden sie einen halben Tag pro Woche die Schulbank drücken. Oder besser: Sie helfen den Schülern beim Schulbankdrücken. Denn nicht allen fällt dies leicht. Einigen sogar eher schwer.

Margret ist topmotiviert, als sie die vielen Stufen im Schulhaus der Realschule Langmatt in Lauffohr hinauf steigt. Bald beginnt ihre erste Schulstunde in ihrer neuen Rolle. Sie freut sich, wieder den Geruch von Büchern und Kreide einzuatmen. Denn lange war sie als Lehrerin an der Volksschuloberstufe tätig, später wechselte sie in die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen. Doch statt die Pension ausserhalb der Schule zu geniessen, hat sie sich für das Projekt «Generationen im Klassenzimmer» der Pro Senectute angemeldet. «Es gibt kaum etwas Lebendigeres als eine Schule», findet sie. «Man kann die Entwicklung der Kinder beobachten, sieht, wie das Miteinander funktioniert.» Das fasziniert sie. Und sie arbeite gerne mit Menschen zusammen, schätze den Kontakt zu den Jugendlichen. «Mich interessiert, wie sie über die Welt denken. Was sie von den Ereignissen in ihrer Umwelt halten», sagt Margret.

Dann betritt sie hinter Klassenlehrerin Kathrin Andrist das Zimmer der 2b. Höflich grüssen die Jugendlichen, betrachten etwas skeptisch die Besucher. Margret nimmt an einem leeren Schulpult Platz, dann wird sie von der Lehrerin vorgestellt.

Sie reden Lehrern nicht drein

Kathrin Andrist beginnt den Unterricht. Rechenaufgaben. Das liegt nicht allen. Margret bleibt nicht lange auf dem Stuhl sitzen. Schon bald geht sie im Zimmer umher, schaut den Schülern über die Schultern, fragt nach, wie sie die Aufgaben lösen. Kathrin Andrist zeigt der Seniorin zwischendurch das Lehrmittel, erklärt, woran die Schüler arbeiten. Für beide ist es eine neue Situation. Welche unterstützende Aufgabe Margret künftig wahrnimmt, wird sich aus den Unterrichtssituationen ergeben. Eines ist Margret wichtig: «Ich will keinesfalls der Lehrerin dreinreden. Es geht darum, dass ich sie in gewissen Situationen unterstütze.» Margret erhofft sich, dass sie einen anderen Zugang zu den Schülern aufbauen kann, weil sie ja nicht die ist, die Noten verteilen muss. «Das ist ein Vorteil für mich», sagt sie.

Senior gibt Erfahrung weiter

Zur gleichen Zeit hat auch Peter seine erste Schulstunde. Der 72-Jährige war viele Jahre lang Schwimmlehrer und hat demzufolge viel Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen gesammelt. Zudem hat er während 25 Jahren ein Unternehmen geführt und weiss folglich, was Arbeitnehmer von ihren zukünftigen Lehrlingen und Mitarbeitern erwarten. «Ich hoffe, dass ich die Jugendlichen für die Zukunft motivieren kann», sagt Peter im Lehrerzimmer bei einer Tasse Kaffee. «Ich möchte den Schülern zeigen, was in der Lehre verlangt wird, was die Chefs erwarten und worauf es im Berufsleben ankommt.» Er wolle aber nicht nur seine Erfahrungen aus dem Berufsleben weitergeben, sondern auch jene aus der Familie, aus der Erziehung von Kindern. Dann ist es Zeit für den Unterricht. Peter erhebt sich, sagt, dass er schon etwas aufgeregt, aber sehr gespannt auf die neue Aufgabe sei.

50 Minuten später schrillt die Schulglocke. Die Schüler in Kathrin Andrists Zimmer springen auf, stürmen in den Gang. Margret nickt zufrieden. «Das hat mir jetzt sehr gut gefallen», meint sie. «Ich werde sicher dranbleiben.»

Worte, die Schulleiterin Doris Bernhard freuen dürfte. Sie zeigt sich begeistert vom Projekt. Vor Margret und Peter waren bereits andere Senioren an der Schule tätig. Viele waren sogar bereit, bei Ausflügen oder speziellen Anlässen ebenfalls mitzuhelfen. Bernhard schätzt den Einsatz der älteren Menschen an der Schule. «Es ist doch toll, dass so ein Austausch unter Generationen stattfindet», sagt sie. «Es ist eine Bereicherung für unsere Schule.»

*Die beiden wollen im Artikel nur mit ihrem Vornamen genannt werden.