Rutenzug vor 100 Jahren

Im Jahr 1920 liessen sich die Kinder die Festfreude nicht nehmen

Vor hundert Jahren erinnerten sich die Menschen zwar noch gut an die Spanische Grippe und ihre Folgen, doch war der Rutenzug deswegen nie in Frage gestellt gewesen.

Rutenzug vor 100 Jahren

Vor hundert Jahren erinnerten sich die Menschen zwar noch gut an die Spanische Grippe und ihre Folgen, doch war der Rutenzug deswegen nie in Frage gestellt gewesen.

Historiker Titus J. Meier aus Brugg schaut zurück auf das Jugendfest im Jahr 1920, an dem die Spanische Grippe noch gut in Erinnerung war und der erste Aargauer Kantonsarzt die Rede an der Morgenfeier hielt.

Vor hundert Jahren erinnerten sich die Menschen zwar noch gut an die Spanische Grippe und ihre Folgen, doch war der Rutenzug deswegen nie in Frage gestellt gewesen. Viel mehr zu schaffen machte es einem Leserbriefschreiber oder einer Leserbriefschreiberin im Brugger Tagblatt, dass infolge des starken Bevölkerungswachstums neue Strömungen das Jugendfest veränderten. Kritisch wurde etwa angemerkt, dass die Frauen früher freiwillig den Schülerinnen und Schülern beim Kränzen geholfen hätten, was nun aber nicht mehr der Fall sei.

Wie bis auf 1940 und 2020 jedes Jahr, begann auch vor hundert Jahren die Büscheliwoche am Montagmorgen. Punkt 5 Uhr in der Früh weckten die Tambouren der Kadetten die Bewohner des Städtchens mit der Tagwache. Die Kadetten brachten aus dem Brugger Wald das Moos («Mies») zum Schulhausplatz, wo in den in den folgenden beiden Tagen fleissige Schülerhände ans Werk gingen. Am Mittwochnachmittag hängte das Rettungskorps die Kränze auf und am Abend fanden die Vorarbeiten zum schönsten Tag im Jahr mit dem Zapfenstreich einen würdigen Abschluss. Sorgenvoll blickten die Menschen einzig auf die Wettervorhersage, die keine günstige Aussage machte.

Grau in Grau präsentierte sich am Donnerstagmorgen, 8. Juli 1920, der Himmel und ein feiner Strichregen begrüsste die Frühaufsteher. Gross und Klein liessen sich aber dadurch die Festfreude nicht nehmen. Pünktlich um halb neun Uhr fanden sich die Kinder und Jugendlichen beim Rathaus und beim Hallwylerschulhaus ein und freuten sich auf den Rutenzug. Um Viertel vor neun setzte sich der Umzug in Bewegung, unter der Beobachtung von zahlreichen spalierstehenden Erwachsenen am Strassenrand.

Erste Sonnenstrahlen blitzten durch die Wolken, als die strammen Kadetten mit ihren Tambouren die Hauptstrasse hochschritten. Gleich dahinter folgten die Kindergartenkinder mit ihren glänzenden Augen, die Ruten tragenden Primarschüler sowie die Schülerinnen mit ihren bunten Blumensträussen. Ganz am Ende des Umzugs folgten die schwarz gekleideten Magistratspersonen im «Leid» der Brugger Jugend in die Stadtkirche. Stadtmusik und Cäcilienverein sorgten mit den Schülerinnen und Schülern zusammen für die musikalische Gestaltung der Morgenfeier.

Der Himmel öffnete seine Schleusen

Bei schönstem Sonnenschein bewegte sich am Nachmittag der Festzug vom Eisi zur Schützenmatt. Im Schatten der Kaserne fanden verschiedene Turnspiele statt und auf der Schützenmatt tanzten die Kinder und Jugendlichen, begleitet durch die Stadtmusik. Leider währte die Freude nur kurz. Bereits eine halbe Stunde später öffnete der Himmel seine Schleusen.

Nur zögerlich, zuerst von den Erwachsenen, dann aber auch von der Jugend wurden schützende Unterstände aufgesucht. Bereits nach einer Viertelstunde kehrten alle wieder zurück und feierten weiter, als sei nichts geschehen. Leider wurde das Wetter nicht mehr besser. Zwar fanden die Tanzreigen der Bezirksschülerinnen noch statt, doch setzte anschliessend ein heftiger Landregen ein, worauf alle in die Schützenmattturnhalle flüchteten. Ohne Aussicht auf eine Wetterbesserung fiel der Lampionumzug und die «Abdankung» beim Roten Haus buchstäblich ins Wasser.

Am 8. Juli 1920 sprach Hans Siegrist (1860-1931) an der Morgenfeier in Brugg. Er war der erste Aargauer Kantonsarzt.

Rutenzug vor 100 Jahren

Am 8. Juli 1920 sprach Hans Siegrist (1860-1931) an der Morgenfeier in Brugg. Er war der erste Aargauer Kantonsarzt.

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