Brugg
Im Atelier Rita sind die Kleiderständer auch nach 25 Jahren immer noch voll

Fadenspulen, Stoffreste und Nähmaschinen: Beim Betreten von Ritas Atelier ist klar, dass hier genäht wird. Seit 25 Jahren bietet Maria-Rita Gigliotti in ihrer Schneiderei Dienstleistungen an: «Wer einmal kommt, der kommt wieder», erklärt sie.

Meret Radi
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«Der Laden sieht immer noch gleich aus wie vor 25 Jahren», sagt Maria-Rita Gigliotti, Schneiderin aus Brugg.

«Der Laden sieht immer noch gleich aus wie vor 25 Jahren», sagt Maria-Rita Gigliotti, Schneiderin aus Brugg.

Alex Spichale

Aus dem hinteren Teil des Geschäfts sind italienische Nachrichten zu hören. «Tessiner Radio», verrät die Besitzerin. Vor 47 Jahren kam Gigliotti alleine aus Italien in die Schweiz. Sie arbeitete als Spinnerin in Baar. Ihren Ehemann lernte sie in Milano kennen. Er ist auch Italiener. «Aber jetzt ist meine Heimat hier», sagt die heute in Fislisbach wohnhafte Schneiderin, «Mein Herz ist in Brugg. Meine drei Kinder sind hier geboren und mein Geschäft ist hier.»

«Am Anfang hatte ich Angst, dass es nicht funktioniert, dass keine Kunden kommen würden. Aber mein Mann hat mich motiviert, mein eigenes Geschäft zu eröffnen.» Und die Kunden kamen und waren zufrieden. Das hat sie angetrieben weiterzumachen.

«Ich bleibe hier in Brugg»

Der Blick der Besucherin streift durch den Laden: Scheren, Massbänder und Stecknadelkissen liegen auf den Tischen. «Der Laden sieht immer noch gleich aus wie vor 25 Jahren. Ich brauche keinen neuen, herausgeputzten Laden. Ich muss arbeiten können, alles muss griffbereit sein», sagt Gigliotti und ergänzt: «Die Brugger Altstadt verändert sich immer. Geschäfte eröffnen und schliessen wieder. Aber ich bleibe hier.»

Sie legt wert auf Qualität

Das Schnurtelefon auf dem Ladentisch klingelt, Gigliotti macht eine entschuldigende Geste und greift zum Hörer. Sie redet italienisch und, was wie ein Telefonat mit einer guten Freundin tönt, ist eigentlich eine Terminvereinbarung. «Die Kunden rufen immer an, dabei können sie einfach kommen», erläutert die Schneiderin, nachdem sie aufgelegt hat.

«Manchmal schlagen Kunden vor, eine Aushilfe zu engagieren», erzählt Gigliotti, aber dann hake sie nach: «Und dann wollen Sie, dass meine Angestellten ihre komplizierten Jackett-Ärmel kürzen? ‹Nein nein›, antworten die Kunden dann: ‹Meine Sachen sollen immer noch Sie nähen.›» Sie schüttelt den Kopf und sagt: «Natürlich wäre es angenehm eine Hilfskraft zu haben, aber wenn die Preise steigen und die Qualität sinkt, dann lohnt sich das nicht.»

Hilfsprojekt «AntoRita-Academy» in Kenia

Die Ladenglocke läutet und ein Hund schaut zur Tür herein. Zwischen einem Stapel Papiertüten und Nähutensilien steht eine Schachtel Hundeleckerlis,
Rita greift hinein und gibt dem Hund eine Handvoll Kekse. Während er die Leckerlis auffrisst, wechselt Rita einige Worte mit dem Herrchen.

Die Schneiderin setzt sich wieder und erzählt weiter: «Und wenn ich Ferien machen will, informiere ich die Kunden frühzeitig und schliesse den Laden.» Einmal im Jahr reist das Ehepaar Gigliotti für einen Monat nach Kenia. Dort haben sie vor 17 Jahren das Hilfsprojekt «AntoRita-Academy» aufgebaut. Es sei den Beiden sehr wichtig, selber hinzugehen und nicht nur die gesammelten Spenden zu überweisen.

«Alle nennen mich Frau Rita»

Die Glocke erklingt erneut: Diesmal tritt eine Kundin ein, sie bringt Hosen zum Kürzen. Die Schneiderin legt ihr eine Hand auf die Schulter und fragt: «Sind Sie zufrieden mit mir?» «Natürlich», antwortet die Dame, «Immer wenn ich etwas zum Ändern habe, bringe ich es Rita.»

Auf die Frage, wie lange sie noch weiter mache, antwortet sie schulterzuckend: «Dieses Jahr ist der 25. Geburtstag. Vielleicht mache ich noch den Dreissigsten, aber ich weiss es noch nicht.» Letztes Jahr hätte Gigliotti in Pension gehen können. Sie entschied sich, an der Nähmaschine zu bleiben. «Die Ständer sind immer noch voll», sagt sie und deutet auf die Kleiderstange neben der Kasse. «Und was soll ich überhaupt den ganzen Tag zu Hause machen?», fragt sie lachend.

Bei der Verabschiedung hat die Besucherin Mühe, «Gigliotti» korrekt auszusprechen. Gigliotti entgegnet: «Sagen Sie einfach Frau Rita. Alle Kunden nennen mich so.»