Mit seinem verschmitzten Lachen wirkt der 12-jährige Nico auf Anhieb sympathisch. «Endlich haben sie ihn gefragt», sagt der Fünftklässler – wie aus der Pistole geschossen – auf die Frage, was ihm durch den Kopf ging, als er erfuhr, dass sein Vater Willi Wengi dieses Jahr zum Jugendfestredner auserkoren wurde.

Bevor Willi Wengi im Frühling der Stadt Brugg zusagte, wollte er allerdings von seinen beiden Kindern – Nico und der 15-jährigen Selina – wissen, ob sie einverstanden seien, dass er so prominent vor den Bruggern sprechen wird. Für die Kinder ist das kein Problem.

Nico kann sich spontan an keine einzige Morgenfeier-Rede im Freudenstein erinnern. Er weiss auch nicht mehr, dass die junge Musicaldarstellerin Marisa Krieg letztes Jahr darüber sprach, eigene Träume zu verwirklichen.

Viel wichtiger als die Morgenfeier sind für den Buben die Spiele am Nachmittag. In der Büscheliwoche gibt es für Nico aber noch weitere Höhepunkte: So darf er am Montagmorgen um 8 Uhr – bereits zum zweiten Mal – beim Sturmlauf mitrennen.

Das Konzert der Jugendmusik beim Erdbeeribrunnen wird er zusammen mit seiner Klasse besuchen und während des Rutenzugs findet er es toll, dass er so viele Leute sieht. Die Kleidervorschriften – oben weiss, unten schwarz – stören den 12-Jährigen nicht. «Man gewöhnt sich daran», sagt er trocken.

Schüler werden miteinbezogen

Seinem Vater hat Nico schon mehrmals zugehört, als er vor Publikum eine Rede hielt. So etwa bei der Feuerwehr, auf dem Waldumgang und am Zukunftstag bei der Firma Ferag AG in Hinwil, wo Willi Wengi seit 15 Jahren arbeitet und seit vier Jahren Personalleiter ist. «Das macht er gut, die Leute hören ihm zu», sagt der Junior und grinst.

Er weiss allerdings noch nicht, was sein Vater am nächsten Donnerstag erzählen wird. «Die Rede ist auf gutem Weg», sagt Willi Wengi. Es gehe um Werte, Tradition, Heimat und Freundschaft. Mehr lässt sich der Brugger Ortsbürger und FDP-Einwohnerrat aber noch nicht entlocken. Nur noch so viel: «Ich werde wenig über mich sprechen, sondern die Schüler und das Publikum miteinbeziehen. Für einmal bin ich an der Morgenfeier Lieferant und nicht Konsument.»

Der 61-jährige Festredner ist in Brugg aufgewachsen. Wenn er nicht gerade berufshalber im Ausland war, liess er den Besuch des Jugendfests nie aus. Sei es als kleiner Knirps, als Schüler, als Kadetten- oder später als Behördenmitglied und natürlich als Familienvater.

Seine grösste Angst ist: «Wenn es am Zapfenstreich oder am Rutenzug regnet, gibt es kein Fest für die Erwachsenen. Für die Kinder werden unkomplizierte Alternativprogramme auf die Beine gestellt.» Es sind denn auch die vielen Begegnungen mit alten Schulkameraden und -kameradinnen sowie den Bekannten, auf die sich Wengi am meisten freut. Die Wetterprognosen sind zum Glück für die nächsten Tage gut.

Der Blick ins Gartenrestaurant

Fürs Fotoshooting gibts einen Streifzug durch die Altstadt. Beim Erdbeeribrunnen sagt Willi Wengi mit Blick auf die gut besetzten Tische im Gartenrestaurant: «Es ist schon interessant: Obwohl ich in Brugg aufgewachsen bin, kenne ich hier praktisch niemanden mehr.»

Wenn man als Regionalstadt Gewicht haben will, müsse man ja schon ein moderates Wachstum anstreben – sei es durch Neuzuzüger oder Gemeindezusammenschluss. Willi Wengi macht keinen Hehl daraus, dass beides Vor- und Nachteile hat. Einerseits werde es organisatorisch einfacher, andererseits nehmen die Möglichkeiten zur demokratischen Mitbestimmung ab.

Nico findet es gut, dass sich sein Vater seit Jahrzehnten in verschiedenen Funktionen für die Stadt Brugg einsetzt. Wengi ist nicht nur Einwohnerrat, sondern seit 17 Jahren auch Mitglied der Finanzkommission, die er nun im fünften Jahr präsidiert. Zudem ist er in mehreren Vereinen engagiert.

Seit er als Personalleiter für 700 Angestellte zuständig ist, seien die Zahlen in den Hintergrund und die Menschen noch mehr in den Vordergrund gerückt, betont der Festredner. Auf dem Arbeitsweg von Hinwil nach Brugg kann er gut abschalten. Seine Heimatstadt hätte er wegen seiner Familie und dem sozialen Netzwerk nie verlassen wollen.

Und was würde eigentlich Nico sagen, wenn er in 20 Jahren als Jugendfestredner von der Stadt Brugg angefragt würde? «Ja», sagt er, ohne eine Sekunde zu zögern. «Diese Aufgabe würde mich stolz machen.» Doch bevor es soweit ist, kann Nico in diesen Tagen seinem Vater beim Üben der Rede zuhören, davon geht der Junior jedenfalls aus. Und nun lächelt plötzlich auch Willi Wengi verschmitzt.