Brugg

Ihre Eltern sind psychisch krank oder süchtig – so leben die Kinder im Notfall-Kinderheim

Die Betreuerin Samantha Regli ist gemeinsam mit weiteren Angestellten für neun Kinder im Alter zwischen vier Monaten und zehn Jahren  in der Notfallgruppe in Brugg zuständig.

Die Betreuerin Samantha Regli ist gemeinsam mit weiteren Angestellten für neun Kinder im Alter zwischen vier Monaten und zehn Jahren in der Notfallgruppe in Brugg zuständig.

Die az hat einen ganzen Tag in der überbelegten Notfallgruppe des Kinderheims Brugg verbracht. Diese wurde 2013 für unbetreute und gefährdete Kinder eröffnet. «Das Schicksal der Kinder geht mir nahe», sagt die Betreuerin Samantha Regli.

06.30 Schichtwechsel. Die Nachtwache, die ab 21 Uhr für die Kinder der Notfallgruppe im Kinderheim Brugg zuständig ist, übergibt dem Frühdienst. Offiziell dauert die Nachtschicht noch bis 6.55 Uhr. 25 Minuten überschneiden sich mit dem Frühdienst. Falls es in der Nacht spezielle Vorkommnisse gab, werden diese nämlich dokumentiert und besprochen. Etwas später kommen jeweils zwei weitere Betreuungspersonen hinzu, damit für die Kinder in der Notfallgruppe immer mindestens drei – abends sogar vier – Betreuer zur Verfügung stehen. Insgesamt arbeiten zurzeit acht Festangestellte, eine Praktikantin und ein Zivildienstleister auf der Notfallgruppe. Zwei Personen sind in Ausbildung.

07.30 Die ersten Kinder sind schon wach. Zusammen mit der Betreuerin spielen sie auf einem Teppich im Wohnbereich der Notfallgruppe. Als die Journalistin hereinkommt, mustern die Kinder sie mit grossen Augen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde spielen sie unbekümmert weiter. Zwei Tische stehen im Raum, die bereits für das Frühstück gedeckt sind.

07.55 Geschrei ertönt durch das Babyfon. Betreuerin Samantha Regli eilt ins Zimmer von Emma (Name geändert), die soeben aufgewacht ist. «Sie kam vor zirka vier Monaten zu uns. Damals war sie vier Wochen alt», sagt die gelernte Sozialpädagogin. In der Notfallgruppe werden Kinder im Alter von 0 bis 11 Jahren aufgenommen. Das älteste der neun Kinder, die momentan hier leben, ist zehn Jahre alt. «Wir hatten auch schon drei Babys zur gleichen Zeit. Das ist schon anstrengend», fährt sie fort. Die Kinder kommen aus verschiedenen Gründen in die Notfallgruppe des Kinderheims. «Wir nehmen rund um die Uhr solche Notfälle auf», sagt Regli. Als Notfall gelten Kinder, die in einer akuten Notsituation, unbetreut oder gefährdet sind. Gründe dafür sind beispielsweise eine psychische Erkrankung, ein Aufenthalt im Gefängnis oder eine Suchterkrankung eines Elternteils oder beider Eltern.

08.05 Acht Kinder sitzen an den beiden Tischen und essen Frühstück. Es gibt Brot, Käseaufstrich und Nutella. «Nutella gibt es immer nur am Mittwoch und am Samstag», erzählt ein Mädchen, die Schokolade überall im Gesicht, am Tisch. Ein Junge stösst später hinzu. «Manche Kinder schlafen länger. Sie essen dann einfach etwas später», sagt Regli und lacht. Am Tisch wird sogleich der Duschplan besprochen. Ein Mädchen erzählt der Betreuerin, die gerade Emma auf ihrem Schoss hat und ihr die Flasche gibt, was sie in dieser Nacht geträumt hat. Eine Bibliothek, viele Kinder und das Heim kommen im Traum vor.

08.50 Der Frühstückstisch ist abgeräumt. Nachdem die Kinder ihre Hände gewaschen, die Zähne geputzt und geduscht haben, spielen sie im Wohnraum. In diesem befinden sich fünf Zimmer, die acht Plätze bieten. «Zurzeit sind wir mit neun Kindern überbelegt. Das ist aber in der Regel kein Problem», erklärt Regli. Die Zimmer sind U-förmig angeordnet. Im vorderen Teil des Raums befinden sich der Wohn- und Essbereich, die Küche, zwei Badezimmer und ein Balkon, auf dem noch immer der geschmückte Weihnachtsbaum steht. «Die meisten Kinder der Notfallgruppe haben Weihnachten hier verbracht. Sie gehen auch an den Wochenenden und in den Ferien nicht nach Hause», sagt sie. Dies sei auch der Unterschied zu anderen Wohngruppen. «Das Schicksal der Kinder geht mir schon nahe. Wenn sie nach vier bis sechs Monaten gehen, gibt es auch immer ein Abschiedsfest», sagt Regli. Durch ihren Beruf habe sie gelernt, sich auf den Abschied einzustellen, da sie die Kinder nach ihrer Zeit in der Notfallgruppe meist nie wieder sieht.

09.15 Die fünf jüngeren Kinder gehen mit einer Betreuerin in den oberen Stock, wo sich die Bibliothek und das «Bällelibad» befinden. «Natürlich nicht so gross wie jenes in der Ikea, aber die Kinder haben trotzdem sehr viel Freude daran», erklärt sie. Die älteren Kinder sollen, bevor gewechselt wird, Kronen für den Dreikönigstag basteln. Doch sie spielen lieber noch
eine Weile mit den neuen Weihnachtsgeschenken in ihren Zimmern.

09.45 Das Telefon klingelt, Emma muss gewickelt werden. Dann protokolliert Regli die Pflege von Emma. «Es ist wichtig, dass ich notiere, wann ich ihr zuletzt das Fläschchen gab, wann ich sie schlafen gelegt habe und einige weitere Dinge», sagt sie. Dann schreibt Regli die Frühstücksbestellung für den nächsten Tag auf. «An meinem Beruf schätze ich die Abwechslung.» Die Betreuerin arbeitet seit Juni 2015 in der Notfallgruppe. «Als Betreuer sind wir dafür zuständig, den oft traumatisierten Kindern beizustehen und ihnen einen geordneten Tagesablauf zu ermöglichen.» Nach der Zeit in der Notfallstation werde eine Anschlusslösung gesucht. Das Ziel sei, dass die Kinder wieder in ihre Familie zurückkehren. Oft kommen sie jedoch auch in Pflegefamilien oder werden im Kinderheim langzeitplatziert.

11.00 Nach einer kleinen Zwischenmahlzeit sitzen die Kinder am Tisch und basteln ihre Kronen. Eine Frau mit grossem Wäschekorb unter dem Arm kommt zur Tür herein und bringt die saubere Wäsche, was die Kinder nicht abzulenken scheint. Ein Junge zeigt stolz seine Krone und führt eindrücklich vor, was seine Mutter bei ihrem heutigen Besuch wohl dazu sagen wird. Alle lachen.

12.00 Das Mittagessen wird von einem Betreuer auf einem Servicewagen von der Küche im Hauptgebäude abgeholt und zur Notfallgruppe gebracht. Es gibt Gehacktes mit Hörnli, Salat, Apfelmus und Käse. Den Kindern schmeckt es sichtlich, weshalb sogar eine zusätzliche Portion Hörnli aus der Küche geholt werden muss.

13.15 Auszeit für die Betreuer. Die Kinder legen sich am Mittag, je nach Alter, zirka eine Stunde lang hin oder beschäftigen sich selbst in ihren Zimmern. Dabei geht es jedoch nicht darum, den Betreuern eine Pause zu gönnen. Viel mehr liegt der Zimmerzeit ein pädagogischer Ansatz zugrunde. «Es ist wichtig, den Kindern Struktur im Alltag zu geben», sagt Regli. Aus diesem Grund gehen die Kinder während ihres Aufenthalts auch im Heim zur Schule. Unterrichtet werden sie von einer vom Kinderheim angestellten Lehrperson. «Wir fordern oft auch das Material der Schule an, in der die Kinder zuvor waren, damit sie mit dem Stoff mithalten können», erklärt Regli. Die jüngeren Kinder gehen jeweils in den Kindergarten, den die Betreuer leiten.

15.00 Die älteren Kinder kommen aus der Schule zurück. Ein Junge hat Besuch von seinen Eltern. Gemeinsam mit den anderen Kindern sitzen sie am Tisch und essen Mokkacreme. «Die Besuchszeit wird von der einweisenden Stelle und der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, im Aargau also vom zuständigen Familiengericht, für jedes Kind individuell geregelt», sagt Regli. Dabei gebe es Unterschiede: «Bei einigen Besuchen muss eine Betreuerin oder ein Betreuer daneben sitzen und Protokoll führen, bei manchen muss jemand von uns einfach in der Nähe sein und bei anderen wiederum dürfen die Eltern sogar die Notfallgruppe verlassen und mit dem Kind beispielsweise draussen spielen.» Laut Regli kommen die Eltern jeweils durchschnittlich für zwei bis drei Stunden in der Woche zu Besuch. «Leider müssen wir manchmal auch eingreifen, wenn es nicht so abläuft, wie es sollte», sagt die Betreuerin.

16.21 Traurig nimmt der Junge Abschied von seinen Eltern. Einige Kinder spielen, die anderen räumen ihr Zimmer auf. Plötzlich herrscht Aufregung. «Es schneit!», rufen die Kinder und rennen durch die Gänge. Vor dem grossen Fenster im Wohnbereich bleiben sie stehen. Es wird still. Den Kopf in die Hände stützend schauen sie gebannt den Schneeflocken zu, die an der Scheibe vorbeitanzen.

17.30 Zeit für das Abendessen. Es gibt Quiche Lorraine, Suppe und Salat. «Die Küche ist wirklich vielfältig. Und es gibt immer auch ein Menü für Vegetarier», erklärt Regli. Am Sonntag dürfen die Kinder sogar jeweils aus zwei Menüs wählen. Nach dem Abendessen putzen die Kinder die Zähne. «Spätestens um acht Uhr sollten alle Kinder im Bett sein», sagt sie.

19.45 Eine Betreuerin aus dem Nachtwache-Team übernimmt kurz vor acht die Schicht. In diesem Team arbeiten sieben Personen, wobei jede Person vier Nachschichten im Monat übernimmt. Dabei ist eine Person für die zwei Gruppen in diesem Haus – die Notfallgruppe Sternschnuppe und die Wohngruppe Merkur – zuständig. Bei einem Notfall kann jedoch auch immer eine weitere Person dazu geholt werden. Es kommt oft vor, dass die Kinder in der Nacht etwas brauchen. Dafür ist jedes Zimmer mit einem Gerät ausgestattet, das bei einem Geräusch eine Alarmmeldung auf das Telefon des Nachtdienstes sendet. Diese wird ebenfalls ausgelöst, wenn die Kinder in der Nacht ihre Zimmertür öffnen. Die Nachtwache ist zudem bei einer Neuaufnahme in der Nacht zuständig.

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