Anny Dietiker ist im Element. Die zwölf Aren Umschwung um ihr Haus im Schinznacher Ortsteil Wallbach halten sie auf Trab. Am Torbogen beim Eingang blühen blaue Glockenblumen. Nächstes Jahr werden zwei Kletterrosen-Stöcke den Bogen wie Efeu – in sanftem Grün – umranden. «Den Bogen bekam ich vor Jahren von meinen Mitarbeitenden geschenkt, aber erst dieses Jahr liess ich ihn endlich einbetonieren», erzählt Dietiker und lacht.

Während 34 Jahren arbeitete Dietiker auf einer Bank in Schinznach-Dorf – 25 Jahre davon als Bankleiterin. Seit sieben Jahren ist sie pensioniert. Ihre Leidenschaft für Blumen begleitet sie schon über ein halbes Jahrhundert. Im Elternhaus – nur ein Steinwurf von ihrem heutigen Wohnsitz entfernt – half sie ihrer Mutter jeweils im Garten.

Bruder lag 16 Wochen im Koma

Als die Familie von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wurde, war die Hilfe der damals 15-jährigen Anny besonders gefragt. Ihr 24-jähriger Bruder lag während 16 Wochen nach einem Unfall im Kantonsspital Aarau im Koma. In dieser Zeit entstand eine enge Beziehung zum Pfarrhaus der katholischen Kirchgemeinde Brugg. Pfarreimitarbeitende fuhren die Eltern regelmässig für Spitalbesuche nach Aarau. Als Dank gab es Blumensträusse aus dem eigenen Garten fürs Pfarrhaus und als Kirchenschmuck.

Nach dem Tod des Bruders gingen die Blumenlieferungen weiter. «Damit hat meine Mutter den zweiten Verlust ihrer vier Kinder verarbeitet. Das wurde mir aber erst viel später so richtig bewusst», sagt Dietiker nachdenklich. Mit der Zeit gab es auch in Schinznach-Dorf katholische Gottesdienste – vorerst in Schulhäusern, ab 1975 in einem eigenen Pavillon und seit 20 Jahren in der katholischen Kirche St. Franziskus. Anny Dietiker kümmerte sich in all den Jahren um den Blumenschmuck: «Ich bin da hineingewachsen.»

Vorfreude auf Advent ist gross

Rückblickend sagt sie: «Das war ein Hobby und ich weiss heute nicht mehr, wie ich das neben meinem 100-Prozent-Job auf der Bank unter einen Hut brachte. Wo habe ich bloss die Zeit hergenommen?» Die meisten Blumen kamen aus dem eigenen Garten. Dort hat Dietiker gesät, pikiert, umgetopft, gejätet und im Herbst den Garten wieder abgeräumt. Manchmal bekam sie weitere Blumen von Bekannten. An Ideen, einen passenden Kirchenschmuck zu kreieren, mangelt es ihr auch heute noch nicht. «Ich freue mich bereits auf den Advent. Das ist eine warme Jahreszeit.»

Doch bevor die 69-Jährige den Weihnachtsbaum für die Seniorenweihnacht schmücken wird, stehen in dieser Woche die Vorbereitungen auf das grosse Patroziniums-Fest am Sonntag, 19. Oktober an. Zum 20-Jahr-Jubiläum der Kirche St. Franziskus wird der festliche Gottesdienst vom Franziskus-Chor und dem Kirchenchor Brugg begleitet. Die Ministranten und Senioren haben einen Markt organisiert. Wie sie die Kirche schmücken wird, will Anny Dietiker nicht im Detail verraten: «Ich habe noch immer grossen Respekt vor dieser Arbeit und bin selbstkritisch.» Mit anderen Worten: Wenn die Umsetzung einer Idee nicht ihrer Vorstellung entspricht, experimentiert Dietiker so lange weiter, bis alles passt.

Banküberfall verarbeitet

Hat sie eine Lieblingsblume? «Ja, die Rose», sagt sie ohne lange zu überlegen. «Ich achte darauf, dass im Strauss auf dem Altar immer mindestens eine Rose steckt. Am Patrozinium werde ich dem Franziskus wohl auch wieder eine Rose in den Arm legen.» Als Dietiker noch auf der Bank arbeitete, machte sie übrigens auch oft die Sträusse und die Gestecke für den Schalter selber. Dreimal pro Woche ging sie vor Arbeitsbeginn um 6 Uhr früh in die Kirche, füllte frisches Wasser nach und hielt einen kurzen Moment inne.

Ende Jahr will Anny Dietiker mit dem Blumenschmuck kürzertreten: «Es wird mir einfach zu viel. Ich hatte zwar immer freie Hand und freue mich über Rückmeldungen.» Wie viel Arbeit wirklich dahinter stecke, sei aber vermutlich den wenigsten Leute bewusst. «Denn ich glaube nicht, dass viele wissen, was es braucht, damit Blumen wachsen», sagt sie am Tisch auf dem Sitzplatz und ergänzt: «Erst seit meiner Pensionierung habe ich dank der Gartenarbeit die Zeit gefunden, die Schicksalsschläge in meiner Familie und ein misslungener Banküberfall richtig zu verarbeiten.»

Patroziniums-Fest Sonntag, 19. Oktober, um 10 Uhr im Kirchenzentrum St. Franziskus, Schinznach-Dorf.