Bezirk Brugg
Ihr Mann schlug sie – Jahre später ist sie noch immer von der Sozialhilfe abhängig

Heute ist der Tag der Arbeit – und dies ist die Geschichte einer glücklichen jungen Frau mit einer Perspektive, die plötzlich zu einer Working Poor wurde.

Janine Müller
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Die Geschichte wiederholt sich: Monika wurde als Kind von ihrem Vater geschlagen, später hatte ihr Ehemann sie in seiner Gewalt (Symbolbild). Thinkstock

Die Geschichte wiederholt sich: Monika wurde als Kind von ihrem Vater geschlagen, später hatte ihr Ehemann sie in seiner Gewalt (Symbolbild). Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Monikas* Horror begann vor 15 Jahren. Die damals 27-Jährige heiratet, bringt einen Sohn auf die Welt. Die Krise nimmt ihren Lauf. Nicht wegen des Sohns, sondern wegen des Mannes. Dieser nimmt, obwohl er aufgrund einer nervlichen Krankheit auf Medikamente angewiesen ist, Drogen. Er trinkt Alkohol, er schlägt Monika. Er bedroht sie, hat sie in seiner Gewalt. Der Mann geht nicht mehr arbeiten. Das Geld wird knapp. Der Mann nimmt weiter Drogen und trinkt. Er klaut das wenige Geld, das Monika auf die Seite gelegt hat. Er verhökert ihren Schmuck, um sich die Drogen zu leisten. Auch die Mutter von Monika bestiehlt er. Weil das Geld fehlt, ist die Familie von der Sozialhilfe abhängig. Die Polizei muss regelmässig wegen häuslicher Gewalt ausrücken. Aber Monika bleibt beim Mann – vorerst jedenfalls.

Heute, 15 Jahre später, sitzt Monika – langes, gewelltes Haar, blaue Augen – mit ihrem Sohn Tobias am Tisch in der Mietwohnung und erzählt ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte, die von Gewalt geprägt ist. Eine Geschichte, die erzählt, wie eine glückliche junge Frau mit einer Perspektive zu einer Working Poor wurde. Zu einer Frau, die jeden Rappen umdrehen muss, bevor sie ihn ausgibt, deren Gedanken sich ständig darum drehen, wie sie und ihr Sohn bis Ende Monat durchkommen, obwohl sie arbeitet.

Monika spricht offen über ihre Geschichte. Sie hat gelernt, damit umzugehen. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. «Mein Mann war der grösste Fehler meines Lebens», sagt sie. «Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich ihn nicht mehr heiraten.» Dabei schaut sie ihren Sohn an und ergänzt: «Auf Tobias aber bin ich stolz. Er ist das Einzige, das ich aus dieser Zeit mitnehmen würde.» Wäre er nicht gewesen, ergänzt sie, «dann wäre ich schon längst nicht mehr hier.»

Tobias ist der Lichtblick in diesen schwierigen Jahren zwischen 2001 und 2007. Freunde und Nachbarn raten Monika schon früh, ihren Mann zu verlassen. «Aber das wollte ich nicht», erklärt sie. «Ich wollte nicht, dass Tobias genau wie ich ohne Vater aufwachsen muss.» Denn die Geschichte mit Männern, die ihre Frauen schlagen, wiederholt sich in Monikas Leben. Bereits ihr Vater war Alkoholiker, er schlug die Mutter und manchmal auch Monika. Die Mutter trennte sich aber von ihrem gewalttätigen Mann. Monika wuchs ohne Vater auf.

Der Gang aufs Sozialamt

Finanziell geht es der kleinen Familie von Monika immer schlechter. Der Gang aufs Sozialamt ist unausweichlich. «Das war mir sehr unangenehm», erinnert sich Monika. Sie muss aufpassen, dass ihr Mann nicht alles Geld für sich braucht. Arbeiten gehen kann Monika zu diesem Zeitpunkt nicht, weil ihr Mann ihr verbietet, aus dem Haus zu gehen.

2007, nach einer weiteren Auseinandersetzung mit Schlägen, kaputten Möbeln und Polizeieinsatz, lässt sich Monika von ihrem Mann scheiden. Es ist eine Blitzscheidung ohne ein Jahr Trennung. Das ist in solchen Situationen möglich.

Zu dieser Zeit ist Monikas Mutter eine Stütze. In ihrer 21⁄2-Zimmer-Wohnung macht sie für Tochter und Enkel Platz. Tobias schläft auf dem Bett im Zimmer, Monika und ihre Mutter auf dem Sofa. Monika muss keine Miete zahlen. Und sie kann wieder arbeiten gehen. Die Hilfe vom Sozialamt braucht sie nicht mehr. «Ich war sehr dankbar für die Hilfe meiner Mutter», sagt Monika. «Trotzdem war es eine Lebenssituation, die nicht länger so bestehen konnte.» Und auch Tobias sagt: «Es ging mit der Zeit einfach nicht mehr. Es war zu eng, ich habe mich genervt, wenn sich Grosi in die Diskussionen mit meiner Mutter eingemischt hat.»

Monika hat das Glück, dass ein netter Vermieter sich der alleinerziehenden Mutter erbarmt und ihr günstig eine Wohnung anbietet. Zweieinhalb Jahre ist das jetzt her. Aber: Trotz der günstigen Miete und obwohl Monika als Reinigungskraft, wenn auch nicht Vollzeit, arbeitet, reicht das Geld nicht. Der Ex-Mann bezahlt keinen Unterhalt, ist selber vom Sozialamt abhängig. Er tingelt durch die ganze Nordwestschweiz, zieht von Gemeinde zu Gemeinde. Das Besuchs- und Sorgerecht für seinen Sohn hatte er zwischenzeitlich verloren. Heute darf er mit Sohn Tobias wieder in Kontakt treten. Der allerdings weist seinen Vater häufig ab. Tobias braucht heute noch psychologische Betreuung, weil er die Gewaltausbrüche seines Vaters bereits als kleines Kind mitbekommen hat.

Die Abhängigkeit ist unangenehm

Monika braucht heute wieder Unterstützung vom Sozialamt. 400 bis 700 Franken bekommt sie monatlich, je nach Auftragslage. Sie putzt in privaten Haushalten, im Sommer ist häufig tote Hose. «Dann bin ich vollständig vom Sozialamt abhängig. Das ist mir jeweils sehr unangenehm», sagt Monika. «Dann sitze ich zu Hause und kann nichts tun für das Geld.»

Sobald Tobias seine Lehre beginnt, will sich auch Monika wieder eine Festanstellung suchen. Ursprünglich lernte sie Bäcker-Konditorin und machte noch eine Confiseur-Ausbildung dazu. Sie könnte sich gut vorstellen, als Bäckerei-Verkäuferin zu arbeiten. «Ich sitze auch in der Migros an die Kasse oder arbeite in einer Firma», sagt sie. «Hauptsache, ich bin nicht mehr vom Sozialamt abhängig.»

Monika weiss auch schon, was sie sich am liebsten leisten würde: Ferien. «Ich war seit 18 Jahren nicht mehr in den Ferien», sagt Monika. «Das letzte Mal war ich auf Zypern, das war wunderschön.» Ihre Augen füllen sich mit Tränen, als sie das erzählt. Verstohlen wischt sie sie sich mit dem Handrücken weg. «Es schmerzt, wenn ich an so etwas denke», sagt sie und versucht zu lächeln. «Es wäre einfach schön, wenn ich mal nicht ständig mit meinen Gedanken beim Geld sein müsste und ich mir nicht bei jedem Rappen überlegen müsste, ob ich ihn jetzt ausgeben kann oder nicht.» Das höchste der Gefühle sei im Moment, wenn sie einmal pro Woche einen Kaffee auswärts trinken kann.

Monika sieht trotz allem Licht am Ende des Tunnels. Sie ist überzeugt, dass sie spätestens in einem Jahr nicht mehr die Unterstützung des Sozialamts braucht. Sie will sich ins normale Leben zurückkämpfen. Und sie sagt: «Wissen Sie, all das Erlebte hat mich irgendwie auch stark gemacht.»

*alle Namen geändert