Wild flattert die tibetische Fahne mit den zwei Schneelöwen und den rot-blauen Sonnenstrahlen im Wind, hält tapfer dem Nieselregen stand. Der Laden «Pema of Tibet» an der Seidenstrasse in Brugg ist aufgrund der Gebetsfahnen kaum zu übersehen. Doch per Ende Juni schliessen Yangchen und Thomas Büchli das Lokal, das tibetischen Schmuck und Kunsthandwerk anbietet. Das Hauptgeschäft besteht im Beliefern von Grosskunden. Der Shop für Privatkunden sei «schön zu haben».

Nicht etwa finanzielle Gründe haben zum Entscheid geführt, das Lokal aufzulösen. Als Yangchen und Thomas Büchli 2010 den Laden nach 20 Jahren in Seon in Brugg eröffneten, wussten sie, dass es nicht für die Ewigkeit ist. In Rüfenach, wo sie mit ihren zwei erwachsenen Kindern wohnen, bauen sie ein Haus mit drei Wohnungen inklusive neuem Laden und Showroom. «Das entspricht unseren Vorstellungen», meint Thomas Büchli.

Damit wird auch räumlich zusammengeführt, was im Leben von den Büchlis längst ineinanderfliesst: Arbeit, Freizeit, Leidenschaft und politisches Engagement. «Wir leben Tibet», sagen sie. Alles ist auf diese Kultur ausgerichtet, aus der Yangchen ursprünglich stammt. Anfang der 1960er-Jahre trennte sie sich als 8-Jährige von ihren tibetischen Eltern, die, wie so viele Tibeter damals, in Indien Zuflucht fanden. In Brugg wurde sie von Familie Moser adoptiert. Lange Zeit wollte sie nichts mehr mit Tibet zu tun haben, verweigerte sich jeglichem Kontakt mit der Kultur.

Das änderte, als sie ihren zukünftigen Ehemann Thomas Büchli kennen lernte. Er begann, sich über Tibet zu informieren, und steckte Yangchen damit an. Das war vor gut 40 Jahren. Und seither engagieren sich die beiden unermüdlich für Tibet. Sie bauten das Geschäft mit Kunsthandwerk auf. Produziert wird der Schmuck in Nepal. Was wiederum ein soziales Engagement mit sich bringt. Mit den Schmuckproduzenten stehen sie in engem Kontakt, unterstützen diese auch finanziell. Hilfe vor Ort, wie es von Politikern häufig verlangt wird in der Entwicklungshilfe, ist für Yangchen und Thomas Büchli selbstverständlich. Das wurde nach den Erdbeben im letzten April und Mai zur besonderen Herausforderung (siehe Kontext).

Nicht nur Naturereignisse beeinträchtigen manchmal die Geschäfte. Auch mit der Bürokratie kämpft Thomas Büchli immer wieder. Jüngst hat er gar mit dem Aargauischen Lebensmittelinspektorat zu tun, obwohl «Pema of Tibet» nicht mit Lebensmitteln handelt. Der Grund: Um Silber zu strecken, wurde oft das Metall Cadmium verwendet. Dieses muss eingeschmolzen werden, um es mit Silber zu vermischen. Dabei entstehen giftige Dämpfe, die Verarbeitung ist gefährlich für die Hersteller. Im festen, gebundenen Zustand sei Cadmium nicht gefährlich, wie Thomas Büchli betont.

Bereits vor Jahren schärfte Thomas Büchli seinen Lieferanten ein, kein Cadmium in der Produktion zu verwenden. In weiser Voraussicht: Die EU verbot im Jahr 2012 Cadmium in Silberschmuck, auch die Schweiz führte dieses Gesetz ein. Der Anteil von Cadmium darf die Grenze von 0,01 Prozent nicht überschreiten. Mittels Röntgenstrahlen wird der Gehalt an Cadmium im Silber bestimmt. «Pema of Tibet» ist eigentlich zertifiziert und kann problemlos den produzierten Schmuck in die Schweiz importieren. Wäre da nicht der Föderalismus, der den Büchlis einen Strich durch die Rechnung macht.

Der Kanton Aargau lässt durch das Lebensmittelinspektorat zusätzliche Kontrollen durchführen. Dieses verwendet nicht Röntgenstrahlen, die die Oberfläche des Silbers scannen, sondern lösen den Schmuck auf und messen den Cadmiumwert. Das Problem: Der schon ältere Schmuck im Lager, der vor einiger Zeit importiert wurde, weist einen höheren Wert auf, als erlaubt ist. «Das ist eine absurde Situation», findet Büchli. «In Zürich oder im Tessin hätten wir kein Problem damit, diesen Schmuck verkaufen zu können.» Während er mit den föderalistischen Eigenheiten der Schweiz seine «Kämpfli» führt, wie er sagt, nimmt sich Yangchen der Grossmacht China an.

Als Vizepräsidentin der Gesellschaft für Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF) engagiert sie sich an vorderster Front für ihr Heimatland. Sie schreibt Briefe an die Bundesräte, fordert Schweizer Politiker auf, als Vermittler zwischen Tibet und China aufzutreten. Als Aktivistin ist sie längst auf der schwarzen Liste Chinas. Einreisen darf sie nicht mehr.

Der gewaltlose Kampf der Tibeter, den der Dalai Lama immer wieder predigt, wird zwar wahrgenommen, aber teilweise gar belächelt. «Gewaltloser Kampf ist halt nicht so aufsehenerregend wie Bomben und Terroranschläge», sagt Yangchen Büchli. «Wir kommen mit unseren Anliegen kaum einen Schritt voran.» Das merken auch junge Tibeter der zweiten oder dritten Generation im Exil. Die Folge: Selbstverbrennungen. «Es ist ein Hilfeschrei dieser Menschen», erklärt die Aktivistin. Sie schüttelt traurig den Kopf, weil soeben eine Meldung aus Indien eingetroffen ist. Ein 16-jähriger Tibeter hat sich selbst angezündet.

Die 60-Jährige erklärt den Mittleren Weg des Dalai Lamas, dass Tibet kein unabhängiger Staat werden soll, dafür aber die Kultur wieder so gelebt werden darf, wie es vor dem Einmarsch der Chinesen in den 1950er-Jahren üblich war. «Mein Anliegen ist es, dass unsere Kultur und Tradition weiterlebt. Dafür kämpfe ich», sagt sie mit Nachdruck. So wünscht sich Yangchen Büchli, dass am 10. März, dem Jahrestag der Aufstände in der tibetischen Hauptstadt Lhasa, die tibetische Flagge an einem öffentlichen Gebäude in Brugg gehisst wird. Sie hofft, dass sie mit diesem Anliegen auf offene Ohren stösst.